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Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray

19.05.2011

»Bitte berühren!«

Über 150 Werke von 51 Künstlern versammelt die Frankfurter Kunsthalle Schirn in ihrer groß angelegten thematischen Ausstellung über die surrealistische Objekt-Kunst. Zusammen mit dem zugehörigen Katalog wird ein eher unbekannter Zweig des Surrealismus beleuchtet und aus dem übermächtigen Schatten der Malerei geholt. Von ANNA-LENA KRÄMER

 

Schon bevor man den Katalog aufschlägt, muss man innehalten: Auf dem Cover ist das merkwürdige Abbild einer Brille in den weich angerauten Stoffeinband eingelassen. Es gibt nur ein Brillenglas für den einäugigen, zyklopenartigen Träger dieser Brillenform. Vielleicht sollte man dieses Titelbild als Anregung verstehen, sich doch eher auf seine haptischen Sinne zu verlassen, und die Fingerspitzen noch einmal über den samtigen Einband gleiten lassen.

 

Auf Entdeckungsreise

»Prière de toucher« – »Bitte berühren« ist auch der Slogan des legendären Katalogcovers von Marcel Duchamp und Enrico Donati aus dem Jahr 1947, auf dem eine weibliche Brust dreidimensional appliziert ist: weich gewölbt, einmalig entblößt, mit der Brustwarze im Zentrum auf den Betrachter starrend, soll sie von ihm berührt werden – das fordern zumindest die Schöpfer dieses Katalogbildes. Meist darf der kunstinteressierte Ausstellungsbesucher der heutigen Zeit die Exponate nicht berühren, geschweige denn benützen. Außer es wird ausdrücklich per Schild darauf hingewiesen, was zumindest in der zeitgenössischen Kunst vermehrt der Fall ist: man darf/soll/muss die Kunstwerke in die Hand nehmen, ausprobieren und interaktiv Kunst betreiben. Dieses offene Kunstverständnis, so eine viel zitierte These, hatten die Surrealisten bereits vor 100 Jahren im Sinn, als sie ihre »wunderbaren« Gegenstände produzierten und diese in ver-rückten Rauminszenierungen arrangierten.

 

Sie schickten die Besucher buchstäblich auf Entdeckungsreise. So auch auf der spektakulären »Exposition internationale du surréalisme« von 1938, als sie wie durch eine kurios gefüllte Grotte irrten: Kohlesäcke hingen von der Decke, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee lag in der Luft, man hörte Lachen oder das Marschieren von Soldaten und stand im Trockenen vor Dalís »Regentaxi«, in dem eine Schaufensterpuppe angeregnet wurde.

 

Mit ihrer aktuellen Ausstellung richtet die Schirn ihren Fokus auf ein wenig beachtetes Kapitel innerhalb der intensiv betriebenen Surrealismus-Forschung. Jeder kennt die Gemälde und Zeichnungen Dalís und Ernsts, die auf Postkarten und Postern prangen. Die Skulpturen und Objekten spielten bislang die zweite Geige. Dabei stürzten sich die Surrealisten ab den 30er Jahren regelrecht auf die Objekt-Kunst, um ihre subversive Gesellschafts- und Kunstkritik im normalen Alltag zu verankern. Triviale Gegenstände wurden den surrealistischen Techniken »Entfremdung«, »Kombination« und »Metamorphose« unterzogen, so dass das von den Surrealisten als Motto übertragene Zitat von Lautréamont vollends seine Gültigkeit zu beweisen schien: »Schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch.«

 

Vielfalt, die verblüfft

André Breton, der Kopf der Surrealisten, definierte den Objektbegriff gar als Quintessenz surrealistischer Theorien und rief die »Mystik des Gegenstandes« aus. Mit Duchamps Readymades (1913/14) als Vorläufer verwandelten die Künstler allgemeine in wunderbare Dinge. Dabei zählte weniger das verwendete Material, als die psychologische Wirkung auf die Affekte des »interaktiven Betrachters«. Man Rays Geschenk (Cadeau, 1921), ein eisernes Bügeleisen, reißt mit seinen Nägeln an der Unterseite mehr Wunden in den Stoff, als ihn zu glätten. Bei Dalís Aphrodisisches Telefon (1936) spricht man statt in den Hörer in einen Hummer und bei Meret Oppenheim trinkt man Tee aus der berühmten Pelz-Tasse (1936).

 

Insbesondere Einrichtungsgegenstände wurden von den Surrealisten in humoristisch-erotischer Manier designt: Kurt Seligmann befiederte das Äußere einer Suppenschüssel mit Hühnerfedern und stellte ein Möbel mit bestrumpften Frauenbeinen her. Der weibliche Körper als Hauptthema surrealistischer Kunst fiel auch hier der Fetischisierung, wenn nicht sogar der Objektivierung, anheim. Als »Inbegriff surrealistischer Objekte« gelten laut Kuratorin Ingrid Pfeiffer auch die 16 Mannequins der Ausstellung von 1938, die jeder Künstler nach seinem Geschmack gestalten konnte.

 

Der informationsreiche erste Aufsatz von Pfeiffer klärt auf über die Geschichte, Hintergründe und Entwicklungen der Objekt-Kunst im Surrealismus und beantwortet die brennende Frage nach der Differenzierung zwischen Skulptur und Objekt. Biographien aller Künstler, Fotos der damaligen Ausstellungs-Arrangements und von heute zerstörten Kunstwerken komplettieren den dichten Überblick über diesen spannenden Zweig surrealistischer Kunstideologie. Über das Fehlen einer vollständigen Bibliographie mit aktuellem Forschungsstand trösten die gut recherchierten Aufsätze mit weiterführender Literatur in den Fußnoten hinweg.

 

Alles in allem ein Katalog zum Eintauchen in die surreale Welt der Dinge, der auf ihre verblüffende Vielfalt und Dichte aufmerksam und auf weitere Publikationen darüber neugierig macht.


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