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    Buchschätze des Mittelalters. Forschungsrückblicke - Forschungsperspektiven

    05.05.2011

    Kampfansage gegen den Mythos von den »Dark Ages«

    Bibliophile Mediävisten haben für den Mythos vom »Dunklen Mittelalter« ohnehin nur ein müdes Lächeln übrig – alle übrigen können sich anhand der stupenden Farbenpracht und Formensprache früh- und hochmittelalterlicher Prachthandschriften mühelos vom Gegenteil überzeugen lassen. Von STEPHANIE RAPPL

     

    Der Untertitel Forschungsrückblicke – Forschungsperspektiven verrät, dass der im Januar erschienene Band Buchschätze des Mittelalters einen deutlich spezifischeren Adressatenkreis im Blick hat als der im vergangenen Herbst im gleichen Verlag erschienene Ausstellungskatalog Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei. Während man sich dort mit einer eher plakativen Gestaltung an ein breites Publikum wandte, richtet sich der aktuelle Band an den erlauchten Kreis der Handschriftenliebhaber, was auch das Inhaltsverzeichnis beweist: Hervorgegangen aus dem internationalen Kolloquium des Kunsthistorischen Instituts der Universität Kiel im April 2009, beschäftigen sich die 20 wissenschaftlichen Beiträge nicht mit einem eng abgesteckten Dachthema, sondern widmen sich einer Reihe von illuminierten Codices aus dem Früh- und Hochmittelalter.

     

    Zusammenspiel von Text und Bild

    Berühmte Handschriften wie die vom (im November 2009 verstorbenen) Kölner Kunsthistoriker Anton von Euw besprochenen inseleuropäischen Kunstwerke, das Book of Kells und der Codex Lindisfarnensis, sind auch interessierten Laien ein Begriff, während etwa Hans-Walter Storck mit seinem Aufsatz zu den lang verschollenen Modi orandi Sancti Dominici aus Bologna oder Rainer Kahsnitz’ Ausführungen zum Aachener Liuthar-Evangeliar vor allem die Augen von Kennern zum Leuchten bringen dürften.

     

    Ganz am Puls der aktuellen Text-Bild-wissenschaftlichen Forschung befassen sich die Einzelbeiträge mit dem symbiotischen Zusammenspiel von (vornehmlich religiösen) Texten und deren Bebilderung; gemäß der fachlichen Verankerung in der Kunstgeschichte tritt dabei freilich das sonst so häufig postulierte Primat des Textes hinter der Malerei zurück – und selbstverständlich stehen im Zentrum des Interesses ausgewählte Prachthandschriften, die sich durch die hohe künstlerische Qualität der Bilder und ihre bahnbrechenden ikonographischen Konzepte aus der Masse der illustrierten Codices herausheben.

     

    In einer Reihe von Aufsätzen, die sich monographisch mit jeweils einer einzelnen Handschrift oder einer Malschule und deren Bildprogramm auseinandersetzen, wird ein kurzer Abriss über die bisherige Forschung geboten, der durch aktuelle Erkenntnisse und Beobachtungen abgerundet wird und einen interessanten Einstieg in die Bildwelten der betreffenden Themen liefert.

    Behandelt werden unter anderem neben dem bereits erwähnten Liuthar-Evangeliar der sogenannte Rheinauer Psalter (Christoph Eggenberger) und das Mainzer Evangeliar in Aschaffenburg (Harald Wolter-von-dem-Knesebeck) sowie die Malerei der Reichsabtei Echternach im 11. (Thomas Labusiak) und die Magdeburger Buchmalerei im 13. Jahrhundert (Beate Braun-Niehr).

     

    Mainzer Evangeliar, fol. 40v,
Hofbibliothek Aschaffenburg Mainzer Evangeliar, fol. 40v,
    Hofbibliothek Aschaffenburg

    »Werkstattberichte« der aktuellen Forschung

    Darüber hinaus beschäftigen sich einige Beiträge jedoch auch – ganz dem Ruf der Geisteswissenschaften nach Interdisziplinarität folgend – mit Phänomenen, die die Bandbreite des Forschungsgegenstandes zumindest erahnen lassen: Die Kölner Kunsthistorikerin Susanne Wittekind beleuchtet in ihrem Beitrag Ego Petrus Snagiz rex donationem confirmo et hoc signum manu mea facio den spannenden, jedoch bislang wenig bearbeiteten Themenkomplex bebilderter Urkundenabschriften und Kartulare des Hochmittelalters aus Nordspanien, die Aufschluss geben über rituelle Rechtshandlungen und -praktiken der Zeit.

     

    Den Bereich der Rechtshandschriften Bamberger Provenienz aus dem 13. und 14. Jahrhundert hat Stefanie Westphal im Blick. Der Corpus der dortigen Bibliothek erlaubt Einblicke in die Unterrichtspraxis der Bamberger Bibliothek im Hochmittelalter, darüber hinaus beweist die künstlerische Ausstattung der Handschriften die weit verzweigten Verbindungen der mittelalterlichen Universität u.a. nach Italien und Frankreich, da die von dort beschafften Vorlagen stilbildend auf die Ausstattungen der in Bamberg angefertigten Handschriften wirkten; auf diesem Weg ermöglicht die Analyse der Bilderhandschriften Rückschlüsse auf das geistige Leben der Zeit, die weit über den Inhalt der Trägermedien hinausweisen.

     

    Dem so oft misslingenden Balanceakt zwischen fach- und populärwissenschaftlicher Publikation scheinen sich Herausgeber und Verlag im Fall der Buchschätze des Mittelalters zugunsten des wissenschaftlichen Gehalts bewusst verweigert zu haben – in dieser Hinsicht ist der sehr vage gehaltene Titel, der an eine leicht bekömmliche, allgemeine Einführung in das Thema denken lässt, ein wenig irreführend.

    Bedient werden stattdessen vielmehr die Interessen eines fachlich versierten Publikums mit einem breiten Grundwissen etwa um Fachterminologie und das kryptisch anmutende Feld der Handschriftensignaturen; für diese Klientel jedoch bietet der Band einen griffigen Überblick über die aktuellen Forschungsschwerpunkte und -probleme speziell im Bereich religiöser Prachthandschriften, der jede private Hausbibliothek sinnvoll ergänzt und erweitert.

     

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