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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 15:40

    Deadly and Brutal. Filmplakate aus Ghana

    28.04.2011

    Blumen des Bösen

    Es war einmal ein Geschäftsmann in Lagos, Nigeria, der eine Lieferung leerer Videokassetten nicht los wurde. Er dachte, wenn etwas darauf wäre, ließen sie sich besser verkaufen – und drehte selbst einen Videofilm. Von SABINE MATTHES

     

    So wurde Kenneth Nnebues Living in Bondage 1992 zum ersten »Nollywood« -Film, verkaufte sagenhafte 500.000 Kopien und startete die Erfolgsgeschichte von Nigerias boomender Filmindustrie – nach Indiens »Bollywood« und vor »Hollywood« die zweitgrößte der Welt. Ohne ausländisches Investment und staatliche Hilfe entwickelte sich aus der Graswurzelbewegung eine unabhängige Filmproduktion von Home Videos, die nach der Ölindustrie Nigerias zweitgrößter Arbeitsmarkt wurde. Bei Produktionsbedingungen von 10.000 Dollar in nur sieben Tagen ist die Qualität des Films weniger wichtig als der Spaß und die Chance, schnelles Geld und Glamour zu ernten. Im Gegensatz zu den wenigen afrikanischen Autorenfilmern, wie dem Senegalesen Ousmane Sembene, deren Filme hauptsächlich auf westlichen Festivals laufen, sind Nollywood-Filme für die afrikanischen Massen, die von einem Dollar am Tag leben, und für die Diaspora bestimmt.

     

    Matters of Love Matters of Love

    Living in Bondage wurde so populär, weil er den Nigerianern eine sensationslüsterne Geschichte ihrer eigenen modernen, urbanen Realität vorspielte. Andy, der Protagonist, möchte es in Lagos zu etwas bringen; er verschreibt sich einem Kult, der die rituelle Opferung seiner Frau verlangt und dafür Reichtum verspricht. Andy macht Millionen, wird aber vom Geist seiner toten Frau heimgesucht und findet schließlich sein Seelenheil in der Kirche. Solche Themen wie die Jagd nach Geld und Status, übernatürliche Kräfte, der Horror ritueller Morde, Lasterhaftigkeit und christliche Erlösung kommen angesichts großer finanzieller Ungleichheit, Korruption und Frustration in der nigerianischen Gesellschaft und anderen afrikanischen Ländern gut an. Sogenannte »Hallelujah-Filme« werden häufig von Kirchen selbst produziert, um größere Gemeinden anzuziehen. Anfangs gab es eine Reihe obszöner Filme mit Frauen mit Riesenbrüsten; ein zwergenwüchsiges Duo trieb in Komödien sein blutiges Unwesen. Am beliebtesten aber waren von Beginn an die bizarren »Voodoo Horror«- oder »Juju«-Videos. Denn trotz des starken christlichen und islamischen Einflusses ist der Glaube an die okkulten Kräfte von Geistern immer präsent und liefert oft die bessere Erklärung für schicksalhafte Ereignisse.

     

    Die Visualisierung des Okkulten

    Während die größte afrikanische Filmproduktion aus Nigeria kommt, gibt es die Tradition handgemalter Kinoplakate nur in Ghana. Die Visualisierung des Okkulten wirkt im Film wie Science-Fiction: Böse Geister feuern Killer-Laserstrahlen aus grünen Augen, Messer schwirren magisch durch die Luft. Auf den Filmplakaten, die für diese Filme werben, spukt es surreal grotesk, als hätte sich die afrikanische Wassergöttin Mami Wata, die personifizierte Erotik des Bösen, mit Fischschwanz, langem Haar, umgeben von Nixen, Schlangen, Blut oder abgeschlagenen Körperteilen, in die mittelalterlichen Höllendarstellungen eines Hieronymus Bosch verirrt. Der alte Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und Satan, Versuchung, Bestrafung und Erlösung wird hier auf einem modernen afrikanischen Schlachtfeld ausgetragen, mit Liebe, Intrige, Verrat, Prostitution, Betrug, Mord und Kannibalismus; ein weiblicher Dämon, mit einem türkisen, diamantenfunkelnden Schlangen-Penis-Echsen-Diadem auf runzeliger Stirn, bezüngelt mit schwarz-spitzer Zunge einen bluttriefenden Totenkopf-Lolly. Heads will roll, verspricht ein anderes Plakat. Je schriller die Ankündigung, desto mehr Publikum, sagen sich die Plakatkünstler, die die Filme oft gar nicht gesehen haben, aber mit ihrer eigenen Fantasie ausschmücken.

     

    Oganigwe Oganigwe

    70 solcher Plakate aus der Sammlung Wolfgang Stäbler sind jetzt in der Ausstellung Deadly and Brutal. Filmplakate aus Ghana in der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne in München zu sehen. Handgemalte Reklameschilder für Friseure, Heiler und anderes gibt es in ganz West-Afrika, aber diese auf die Rückseite alter Mehlsäcke gemalten Kinoplakate nur in Ghana. Neben afrikanischen Produktionen bewerben sie Hollywood-Blockbuster oder asiatische Actionfilme. Als 1980 die ersten Videorekorder nach Ghana gelangten, entstanden in den städtischen Zentren von Accra und Kumasi kleine Straßenkinos, sogenannte »Video Clubs«, mit einem Fernseher, Videorekorder, Stühlen oder Bänken. Seine Blütezeit hatte der Markt für Filmplakate zwischen 1985 und 1996, als über 40 Videotheken Videos und Plakate verliehen. Später konnten sich mehr und mehr Städter eigene Farbfernseher leisten; das Geschäft verlagerte sich in ländlichere Gebiete. Nachdem die Poster in den städtischen Video Clubs benutzt wurden, gehen sie mit mobilen »Kinos«, bestehend aus einem Auto, Generator, Videorekorder und Fernseher, auf Reisen übers Land. Wie Alexander Medvedkines erstes reisendes Kino, dem sowjetischen »Kino-Zug« der 1930er Jahre, haben sich seit Anfang der 1980er Jahren auch die Videotheken aus Accra und Kumasi in Bewegung gesetzt. So wohnt diesen Filmplakaten, neben der Fantasie der Künstler und Regisseure, immer auch das Geheimnis ihres eigenen Road Movies inne. 


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