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    Herlinde Koelbl: Mein Blick

    21.04.2011

    Sensibel und vertrauensvoll

    Herlinde Koelbl ist die Altmeisterin der Deutschen Fotografie. Nach fast vier Jahrzehnten ist sie die Grand Dame der Deutschen Fotografie zwischen Journalismus, Portrait und Kunst. Eine Werkschau ist also längst fällig und liegt beim Steidl Verlag unter dem Titel Mein Blick vor. Ein sehenswerter Band findet JÖRG ESCHENFELDER

     

    Ihre thematischen Bildserien (meist mit Interviews) sind inzwischen legendär. Am bekanntesten dürften Feine Leute und Spuren der Macht sein, die Herlinde Koelbl auch bei einem breiten Publikum bekannt machten. Über Jahre hinweg fotografierte Koelbl immer wieder bundesdeutsche Politiker in immer wieder den gleichen sitzenden und stehenden Posen. So wurde aus dem ein Jahrzehnt dauernden Fotoprojekt ein Dokument der Zeitgeschichte; ein Dokument, das zeigt, wie sich die Menschen – zum Beispiel Angela Merkel, Gerhard Schröder und Joschka Fischer – im Laufe ihres politischen Lebens veränderten. Wie das Leben Spuren hinterließ.

     

    Diese ausdauernde Spurensuche kennzeichnet die Arbeit von Herlinde Koelbl, die erst Mitte der 70er Jahre zur Fotografie fand. »Als ich die Fotografie entdeckte, war es wie ein Ankommen«, schreibt sie in ihrem Vorwort. Sie hatte ihre Passion gefunden, der sie von da an beständig folgte, zumal sie sehr schnell ihr Thema gefunden hatte: »Ich wollte Menschen, das Leben fotografieren.«

     

    Nähe und Distanz zugleich

    Dabei zeichnet zweierlei die Arbeiten von Herlinde Koelbl aus: Sie nähert sich den Menschen mit Geduld und Respekt, erhält so einen sehr privaten, teils intimen Zugang, den sie aber nie ausnutzt, um Menschen bloßzustellen oder zu erniedrigen. Einzige Ausnahme ist vielleicht die Serie Feine Leute, die die Welt der Reichen und Schönen und Ach-so-Anständigen teilweise doch ziemlich hinterrücks bloßstellt. Beziehungsweise die sogenannten »feinen Leute« stellen sich (ohne es wohl zu merken) selber bloß.

     

    Ansonsten ist Koelbl eine sensible Beobachterin, mit Nähe und Distanz zugleich, die Bilder sprechen lässt und alle Schichten gleichberechtigt darstellt. Etwa die Vielfalt in den »Deutschen Wohnzimmern«, die vielfältigsten Konzepte der »Schlafzimmer« oder der Arbeitsplätze von deutschen Schriftstellern, die »Im Schreiben zuhause« sind. Koelbl ist eine Chronistin des Lebens aller Arten, aller Couleur, aller Schichten. Ihre ersten Kinderportraits, die ihre Leidenschaft begründeten, finden sich in den über 280 Seiten ebenso wie die Spuren der Macht, die Portrait-Aufnahmen zahlloser Prominenter und eine Auswahl ihrer »Jüdischen Portraits«.

     

    Der Kern des Menschseins

    Doch am beeindruckendsten wird der Bildband, wenn er die weniger bekannten Arbeiten von Koelbl zeigt: zum Beispiel in »Opfer Glaube Tod« Nah- und Detailaufnahmen geschlachteter Schafe oder in zartem Schwarz-Weiß gehaltene Aufnahmen vom Totenbett oder ins Abstrakte mutierende Arbeiten. Ein Werk, das alle Aspekte des menschlichen Lebens beleuchtet und festhält: Kindheit, Sexualität, Opfer und Glaube, Alter und Tod, Beziehungen, Behausungen und  Selbstdarstellungen. Ein Werk, das die Oberfläche zeigt, sie aber dann doch sanft und subtil durchdringt.

     

    Mein Blick ist eine hochwertig gedruckte Werkschau einer beharrlichen, einfühlsamen und doch unbestechlichen Fotografin. 287 Seiten, die einen tiefen Einblick in ihr vielfältiges Schaffen geben und in das (vor allem bundesrepublikanische) Leben der vergangenen drei Jahrzehnte. Herlinde Koelbl ist eine Chronistin der Zeit, die sich behutsam dem Kern des Menschen nähert, ihn mit einfachen Mitteln einfängt und – ohne Effekthascherei – große Wirkung erzielt: weil sie den Menschen vor der Kamera und ihrem traditionellen, fotografischen Handwerk vertraut. Ein sehenswerter Bildband.

     

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