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    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:38

    Interview mit Parastou Forouhar

    14.04.2011

    »Das kann man nicht machen!«

    Ein Interview mit der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar von JOHANNES DOBROSCHKE.

     

    Vor 13 Jahren wurden Parastou Forouhars Eltern in Teheran ermordet, beide waren führende Oppositionelle. Seitdem kämpft die Konzept-Künstlerin Forouhar politisch und mit künstlerischen Mitteln für eine Aufklärung des Verbrechens und für eine Veränderung der Verhältnisse im Iran. Seit 1991 lebt und arbeitet Parastou Forouhar in Deutschland. Sie war unter anderem Stipendiatin der Hessischen Kulturstiftung (2001) und der Villa Massimo in Rom (2006).

     

    Titel: Frau Forouhar, haben die momentanen Umwälzungen in den arabischen Ländern Einfluss auf die Situation der Aktivisten und Künstler im Iran?

     

    Forouhar: Natürlich könnte man behaupten, dass die Eindrücke der Aufstände den Menschen im Iran neue Motivation gegeben haben, aber damit würde man auf einer sehr allgemeinen Ebene bleiben. Das ist so einfach gesagt! Ich treffe nur ungern so allgemeine Aussagen, das ist nicht meine Art.

     

    Titel: Sie fahren jedes Jahr im November in den Iran, um das Andenken ihrer ermordeten Eltern zu wahren. Dabei werden Sie regelmäßig schikaniert, 2009 etwa hielt man Sie wochenlang grundlos fest. Welche Eindrücke haben Sie bei Ihrem letzten Besuch gesammelt?

     

    Forouhar: Im Iran herrscht zurzeit eine große Welle der Repression. Menschen sitzen in Gefängnissen, oder stehen unter Hausarrest, es gibt Hinrichtungen, Menschen versuchen, das Land zu verlassen. Die Aktivisten werden ständig kontrolliert und beobachtet. Die Kunstszene versucht, eine verdeckte Sprache zu entwickeln, um ihre Haltung zu artikulieren. Oft bleibt es aber bei einer inneren Haltung, die nicht nach außen dringen kann.

    Auf der Straße ist immer noch eine gewisse Unzufriedenheit und auch Wut zu spüren, aber diese Wut findet keinen Kanal um sich zu äußern, genau da hat das Regime eine massive Barriere aufgebaut.

     

    Titel: In den Medien wird oft gefragt, warum eine Revolution wie in Ägypten und Tunesien nicht auch im Iran möglich ist. Unterschätzt man das Ausmaß der Repression?

     

    Forouhar: Ja! Im Iran werden gleich nach China weltweit die meisten Menschen hingerichtet. In den Gefängnissen wird gefoltert und vergewaltigt. Humane Haftbedingungen, die eigentlich im Gesetz verankert sind, können nicht durchgesetzt werden. Die beiden Führungsfiguren der Grünen Bewegung sind zum Beispiel seit Wochen unter Hausarrest. Einer von ihnen durfte nicht mal seinen eigenen Vater am Sterbebett besuchen. Obwohl das Regime innerlich sehr zerstritten ist, reagiert es mit voller Härte auf die Gegenseite.

     

    Parastou Forouhar: Die Grünen Zeiten (Aus der Serie 'Papillion'), 2010 Parastou Forouhar: Die Grünen Zeiten (Aus der Serie 'Papillion'), 2010

    Titel: Wie kann man die Iraner von hier aus in ihrem Kampf unterstützen?

     

    Forouhar: Es ist wichtig, dass die Situation weiterhin thematisiert wird und dass der Ausnahmezustand nicht zur Normalität wird. Deshalb war auch der letzte Besuch des deutschen Außenministers Westerwelle wegen den beiden festgehaltenen Journalisten so fatal. Er lächelt in die Kamera und schüttelt jemandem wie Ahmadinedschad die Hand. Das kann man nicht machen!

    Man sollte auch darüber nachdenken, welche Technologien man in den Iran verkauft. Gerade die Kommunikationstechnologie wird vom Regime massiv zur Unterdrückung und Überwachung eingesetzt. Hier sollte man lieber einmal auf die Gewinne verzichten.

     

    Titel: Was gibt Ihnen in dieser aussichtslosen Situation noch Hoffnung?

     

    Forouhar: Ich habe das jahrelang bei meinen Eltern erlebt: Die Standhaftigkeit, die eigenen Ideale nicht aus den Augen zu verlieren – das gibt einem ein Gefühl von Anstand; das ist die Hoffnung.

    Momentan gibt es den Fall der Anwältin Nasrin Sotoudeh, die in Haft sitzt und ihre eigenen kleinen Kinder nur einmal in der Woche für ein paar Minuten sehen darf. Immer wieder protestiert sie mit Hungerstreiks gegen ihre Haftbedingungen und gibt nicht auf, obwohl das Regime keinen Zentimeter zurückweicht. Diese Kraft und dieser Mut geben mir Hoffnung.

     

    Titel: Finden die Eindrücke der Grünen Bewegung im Iran und der jetzigen Umstürze in der Region Widerhall in ihrer Kunst?

     

    Forouhar: Bis ein Einfluss von außen sich in der eigenen Arbeit manifestiert, dauert es eine Zeit. Ich merke aber, dass sich der politische Ansatz, den ich in meiner Arbeit immer verfolgt hatte, für mich jetzt näher anfühlt, weil er plötzlich in eine viel größere Verbindung mit den Geschehnissen und der Außenwelt tritt. Das ist natürlich schon motivierend.

     

    Parastou Forouhar: Flashing, 2009 Parastou Forouhar: Flashing, 2009

    Titel: Was ist in Ihrer aktuellen Ausstellung zu sehen?

     

    Forouhar: Eine meiner letzten Arbeiten ist eine Serie von Schmetterlingen, die Papillon Collection. Für mich ist die ausgewogene, schöne Oberfläche sehr wichtig. Wenn der Betrachter aber näher kommt und genau hinsieht, bricht diese Schönheit durch die Konfrontation mit dem Grauen in sich zusammen. Sehr oft sind das Folterszenen oder gepeinigte Körper. Diesen Kontrast herzustellen und ihn dann auch aufrecht zu erhalten, also den Betrachter vor die Situation zu stellen, diesen Kontrast aushalten zu müssen, das ist ein Ansatz, den ich schon länger verfolge und der in diesen Schmetterlingen sehr deutlich wird. Jeder Schmetterling hat einen Namen, zum Beispiel Schmetterling des Evin-Gefängnis, das ist ein berühmt-berüchtigtes Gefängnis in Teheran, wo politische Gefangene gehalten werden.

    Im Iran steht der Schmetterling für die flüchtige Schönheit, aber auch für das Sich-Opfern. Außerdem erinnert er von der Form her an die Rohrschachtests, die einem ja eine zweite Ebene des eigenen Selbst zeigen sollen.

     

    Titel: Im westlichen Kulturkreis steht der Schmetterling ja auch für Verwandlung, etwa vom Hässlichen zum Schönen. Spielt das auch eine Rolle?

     

    Forouhar: Genau! Wiederauferstehung und Hoffnung! Ich mag das, wenn Geschichten aus unterschiedlichen Kulturkreisen sich addieren und im Zusammenwirken mit der politischen Aussage ein poetisches Moment herstellen können, das einen an die Idee von Freiheit und Widerstand erinnert.

     

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