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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 02:31

    Picasso. Künstlerbücher

    03.03.2011

    Kunst am Buch

    Der Katalog zur Schau Picasso. Künstlerbücher im Münchner Museum Brandhorst präsentiert uns das buchkünstlerische Schaffen Pablo Picassos und ist ein Kompendium der reichen Buchkunst des 20. Jahrhunderts geworden. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Die Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts ist gleichzeitig die Geschichte Pablo Picassos. Hinter dieser nur marginal apodiktischen Sentenz verbirgt sich mehr Wahrheit als man dem ersten Augenschein nach vermuten würde. Picasso ist ohne Zweifel die – auch in kommerzieller Hinsicht – alles überragende Künstlerfigur des vergangenen Jahrhunderts. Schon als frühreifer Jugendlicher entwickelt er höchste technische Meisterschaft, die sich später in Tausenden und Abertausenden von Posterdrucken aus der Blauen und der Rosa Periode manifestieren wird; als bereits etablierter Jungstar reißt er mit den „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907) und der anschließenden kubistischen Phase die Grenzen des bislang gültigen Kunst- und Mimesisbegriff ein; als reifer Meister schließlich schafft er mit „Guernica“ (1937) den wohl gültigsten pikturalen Ausdruck für die politischen Gräuel des 20. Jahrhunderts; und noch als arrivierter Altmeister schockiert er mit einem manischen Spätwerk, das an schockierend-offener und ab und an auch spröder Expression unübertroffen bleibt.

     

    Dazwischen liegen etliche Stilwechsel, Rückbesinnungen, Vorwärtsbewegungen, ein wunderbares bildhauerisches Werk, die Zusammenarbeit mit den besten Theatermachern seiner Zeit, bestechende neuklassizistische Meisterwerke, der anhaltende Flirt mit dem Surrealismus, etliches mehr und – eine innige Beschäftigung mit Literatur und Buchkunst.

     

    Buchkunst: Douglas Cooper: Picasso, Theatre, 1967. Buchkunst: Douglas Cooper: Picasso, Theatre, 1967.

    Die unbekannten Meisterwerke?

    Diesem im Zusammenhang mit dem proteischen Meisterkünstler nur auf den ersten Blick eher abseitigen Thema hat jüngst das Museum Brandhorst in München eine gigantische Schau gewidmet, die auf gerafftem Raum einen repräsentativen Einblick in Picassos buchkünstlerisches Schaffen bietet, das sich – wie nicht anders zu erwarten – sowohl was den Umfang seines Schaffens betrifft als auch im Hinblick auf die Qualität der Arbeiten mit keinem anderen Begriff als monumental beschreiben lässt.

     

    Picasso hat neben unumstrittenen Klassikern wie den „Metamorphosen“ Ovids und Honoré de Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“ vor allem zeitgenössische Literatur – zumeist von befreundeten Schriftstellern – illustriert. Hier finden sich in trauter Eintracht Paul Èluard, Tristan Tzara, Max Jacob und etliche andere Größen der literarischen Welt des 20. Jahrhunderts. Erstaunlich bescheiden ordnen sich Picassos Graphiken in die Hierarchie des buchkünstlerischen Gesamtkunstwerks ein. Sie sind Teil eines typographischen, materiellen und nicht zuletzt literarischen Kunstwerks, das erst im Zusammenspiel der einzelnen Komponenten seine volle Bedeutung erlangt. Picasso und seine Mitstreiter – zuvorderst seine Verleger – knüpfen hier mit kleinsten Auflagen an die große Tradition der Buchkunst an, die im 20. Jahrhundert eigentlich längst dem Zwang zur kommerziellen Verwertbarkeit und zu seriell gefertigten Massenprodukten gewichen war. Kein Zweifel, die in München ausgestellten Künstlerbücher waren von Anfang an für Liebhaber gedacht, für ein kleinen elitären Kreis, der mit Leselust ungebändigte Schaulust verbindet und sich dieses Vergnügen auch etwas kosten lässt.

     

    Wie präsentiert man Bücher im Museum?

    Die Ausstellung im Museum Brandhorst steht also naturgemäß vor einem Problem, dem jede Schau mit Buchkunst nur schwerlich ausweichen kann: Wie zeigt man ein Gesamtkunstwerk, das eben nur zu einem geringen Teil aus Graphiken und zu einem weit größeren Teil aus Text und Typographie, also aus dem Zusammenspiel mehrerer semantischer Ebenen besteht? Die Kuratoren haben klugerweise darauf verzichtet, diese Frage eindeutig zu beantworten. Es finden sich Buchpräsentationsräume, die eine aufgeschlagene Doppelseite zeigen und so den engen Zusammenhang der einzelnen Künste verdeutlichen; es finden sich aber gleichzeitig auch klassische Ausstellungsräume, die den aus dem Kontext gelösten Graphiken einen eigenen Platz in der musealisierten Kunstgeschichte einräumen. So wird die famose „Tauromachie“, eine luftige Aquatinta-Genealogie des Stierkampfes, als solitäres graphisches Werk und eben nicht im Kontext des Textes gezeigt.

     

    Damit umgeht die Künstlerbuchschau zumindest in der Ausstellung jene Frage, an der die ästhetische und qualitative Bewertung der Graphiken hängt – die Frage, nach dem Verhältnis von Bild und Text, die Frage nach dem Wesen der Illustration. Sie feiert, und das ist durchaus legitim, dann eben doch die Lust am Schauen, an der Betrachtung von Kunst.

     

    Picassos Strichpunktzeichnungen zu Balzac, 1931. Picassos Strichpunktzeichnungen zu Balzac, 1931.

    Wer also etwas tiefer in die Materie einsteigen will, muss sich mit dem Katalog auseinandersetzen, der in vorbildlicher Manier jene Fragen thematisiert, die die Ausstellung ganz bewusst ausblendet. Der im Hirmer-Verlag erschienene Katalog kommt selbst als wertiges buchkünstlerisches Werk daher. Die dekorativ-rätselhafte Strichpunkt-Graphik zu Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“ ziert den Einband als Relief, die Typographie hat man mit ihrer schnörkellosen Type dem Erscheinungsbild der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts angepasst. Unter der wissenschaftlichen und kuratorischen Betreuung von Nina Schleif, die auch einen Großteil der Beiträge selbst bestreitet, bietet der Katalog nichts weniger als ein Kompendium des buchkünstlerischen Schaffens Pablo Picassos. In zahlreichen kleineren Aufsätzen zu den einzelnen Künstlerbüchern entsteht ein Panorama der erstaunlich reichen Buchkunst des 20. Jahrhunderts, die nicht zuletzt eine experimentelle Spielwiese der klassischen Avantgarden war.

     

    Von Signifikanten und Metasystemen

    In den kenntnisreichen Kapiteleinleitungen erläutert Nina Schleif Grundsätzliches zur Buchkunst Pablo Picassos. Schleif ordnet die Graphiken kunsthistorisch ein, sie arbeitet sich am Begriff der Illustration ab, sie versucht das – natürlich variable – Verhältnis von Bild und Text näher zu bestimmen. Man hätte sich hier allerdings eine stärkere theoretische Vernetzung der einzelnen Betrachtungen gewünscht. Das hoch komplexe Verhältnis von Graphik und Text, das nichts anderes ist als ein Metasystem von polyvalenten Signifikanten (Bild), die selbst wiederum mit einem System von Signifikanten (Textsystem) verknüpft sind, bleibt zumeist im kunsthistorischen Dunkel. Die Schlacht gegen den traditionellen Illustrationsbegriff, der zumindest in ernstzunehmenden kunsthistorischen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu bebilderten Büchern keine Rolle mehr spielt, hätte so mit theoretischer Munition noch eindrucksvoller bestritten werden können.

     

    Von diesem kleinen Einwand abgesehen ist der Katalog „Picasso. Künstlerbücher“ nichts weniger als ein neues Standardwerk zu einem überraschend schlecht bearbeiteten Feld im Schaffen des Künstlers geworden, das nicht nur mit klugen Texten, sondern auch und vor allem mit hervorragenden, geradewegs plastischen Abbildungen glänzt. Wer es also nicht mehr schafft, die bis zu diesem Wochenende geöffnete Schau in München zu besuchen, der kann getrost zum Katalog greifen und in die vielfach verästelte, komplexe Welt des modernen Künstlerbuches eintauchen. Es wird sich lohnen.

     

     

    Die Ausstellung ist noch bis 6. März im Museum Brandhorst, München zu sehen. Ab April wird die Ausstellung im Kupferstich-Kabinett in Dresden gezeigt.

     

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