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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 02:25

    Jenz Dieckmann (Hrsg.): Inside Artzine Nr. 14

    30.12.2010

    Schädelschnitte, offene Brustkörbe ...

    ... und Würmer zum Frühstück – das Inside Artzine präsentiert Kunst fernab des allgemeinen Schönheitsbegriffs. Von STEFAN HEUER

     

    Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, nur selten wird dies deutlicher als im Bereich der »Schönen Künste« – der Bildenden und Darstellenden Kunst, der Musik und Literatur. In persönliche Konfrontation gerate ich zumeist im Bereich der Musik, denn während ich für gewöhnlich alleine in Museen gehe und für mich lese, bin ich wie jeder von Zeit zu Zeit gezwungen, gemeinsam mit anderen Musik zu hören; im Aufzug, im Kaufhaus. Nun ruft die Stimme von Céline Dion bei mir Ekelgefühle hervor, gleiches gilt für Phil Collins, James Blunt oder Shakira. Nun sei mal tolerant!, höre ich einige rufen. Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!, höre ich andere rufen. Und ja, stimmt ja alles, aber an meinem Ekel ändert es nichts. Im Gegenzug können die meisten Menschen meines Umfelds mit "meiner" Musik ebenso wenig anfangen, empfinden Pornography der Cure als depressiv und Sister Ray von Velvet Underground als uninspirierten Gitarrenlärm.

     

    In der Tat setzen viele Menschen, vielleicht/wahrscheinlich sogar die meisten, Kunst mit Schönheit gleich, erwarten von einem Kunstwerk Anschaulichkeit, eine positive Wirkung und dekorativen Liebreiz – nur so lassen sich millionenfach in Küchen untergebrachte Landschaftsaquarelle und Millionenverkäufe von Bands wie Unheilig erklären.

     

    Interantionaler Anspruch angemeldet

    Dass Schönheit ein relativer Begriff ist, welcher der Auslegung bedarf, mit dieser Tatsache spielt das Inside Artzine, ein Kunst-Magazin der besonderen Art, dessen 14. Ausgabe aktuell erschienen ist. "Schön" im herkömmlichen Sinne ist der Inhalt des Inside Artzine sicherlich nicht, und es zielt auch nicht auf konventionelle Schönheit – um seine Orientierung deutlich zu machen und entsprechenden Fehlkäufen vorzubeugen, verweist die weitere Bezeichnung als "Artscum" (scum: Abschaum) die Liebhaber von röhrenden Hirschen und Obst-Stillleben auf die Plätze.

     

    Nun hat die Kunst ja verschiedene Aufgaben, und nicht die unbedeutendsten davon sind Irritation und Provokation. Das Inside Artzine hat sich auf diese Bereiche spezialisiert und spendiert Anblicke, wie sie in »normalen« Kunstmagazinen selten bzw. nie vorkommen, da diese sich zumeist auf Portraits von Künstlern und Museen, Berichte und Interviews aus der Kunst- und Galerieszene, Ratschläge zu rechtlichen Fragen sowie aktuelle Ausschreibungen konzentrieren, die der Leserschaft im Amateurbereich suggerieren sollen, sie gehöre zum Betrieb dazu. Im Inside Artzine hingegen herrscht die schwerere Gangart vor, findet sich wenig bzw. nichts der heilen Welt. Monet und Renoir sind einer grundgebildeten Kennerschaft selbstverständlich bekannt, orientiert wird sich jedoch an verstörender und zerstörter/gestörter Persönlichkeit a la James Ensor oder Francis Bacon. Hansruedi Giger erfährt durch Orientierung an seiner Passagen-Serie und seinen Erotomechanics ebenso Referenz und Würdigung wie ein Hieronymus Bosch und sein Garten der Lüste.

     

    Spritzen und Schädel, gebleichte Knochen, freigelegte Gehirne und die Allgegenwärtigkeit von Insekten, Religion und Gewalt machen das Heft zu einem Panoptikum der Psychosen und Ängste, aber auch der Kurzweil. Helnwein schaut auf einen kurzen Besuch vorbei, von Stangen durchbohrte Kameraden aus Gips und Metall erwecken den Eindruck eines zögerlichen, qualvollen Endes. Gesichtslose Köpfe mit aufgerissenen Mündern, verfaulte Zähne, Amputationen und Narben, für die man vor Gericht hohe Summen herausholen könnte – nein, schön ist das alles nicht, nichts für Leute, die gerne Eiskristalle fotografieren. Aber es ist große Kunst, beeindruckend und verstörend und nicht zuletzt exzellent gemacht, vom Comic über Malerei und Collagen bis hin zur am Computer erstellten Installation.

     

    Das Inside Artzine, ein Kunstmagazin, das nicht nur aufgrund der hervorragenden und in hoher Qualität abgebildeten Darstellungen und seiner aus aller Welt stammenden Künstlerinnen und Künstler, sondern auch durch seine durchgängig in Englisch gehaltenen Texte einen berechtigten internationalen Anspruch anmeldet. Ein Muss für alle, die bei Musikvideos der Backstreet Boys umschalten, sich bei Marilyn Manson und Bowies fantastischem Video zur Outside-Single The Hearts Filthy Lesson jedoch bestens unterhalten fühlen.

     

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