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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:52

    Klaus Herding/Max Hollein: Courbet - Ein Traum von der Moderne

    02.12.2010

    Der neue Liebling des Museumsbetriebs

    Der Boom der Caravaggio-Ausstellungen in den Nullerjahren klingt langsam ab – Zeit für den Museumsbetrieb, sich einen neuen Lieblingskünstler zu suchen. Mit Gustave Courbet scheint dieser gefunden: Grund genug, einen Blick auf den Ausstellungskatalog Courbet – ein Traum von der Moderne zu werfen. Von STEPHANIE RAPPL

     

    Nach der großen Retrospektive zu Gustave Courbet (1819-1877), die 2007 und 2008 nacheinander in Paris, New York und Montpellier gezeigt wurde, präsentiert die Frankfurter Schirn Kunsthalle nun noch bis zum 30.1.2011 eine eigene, neu konzipierte Werksschau und liefert dazu einen opulenten Ausstellungskatalog. Als Herausgeber tritt neben Max Hollein, seit 2001 Direktor der Schirn Kunsthalle, mit Klaus Herding ein namhafter Courbet-Kenner auf, der auch schon bei der letzten großen deutschen Courbet-Schau in Hamburg und Frankfurt 1978  als Mitherausgeber für den Begleitkatalog verantwortlich war.

     

    In die Geschichte der Kunst ist Courbet vor allem unter den Schlagwörtern „politischer“ bzw. „sozial engagierter Maler“ eingegangen – von seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe zeugen eine Reihe von Bildern, die den Blick auf den beschwerlichen Arbeitsalltag seiner Zeit richten. Neben den 1945 zerstörten Steineklopfern (1849) zählt die in der Schirn-Ausstellung gezeigte Rückkehr der Bauern vom Markt (1850/55) zu den berühmtesten Beispielen einer neuen Art von Kunst, die die Sehgewohnheiten des 19. Jahrhunderts auf den Kopf stellte. Schon in den 1820er Jahren forderte die Bohème „Realismus“ statt des seelenlosen Ästhetizismus der akademischen Maler – doch kaum ein Maler kam dieser Forderung so rigoros nach wie Courbet mit seinem schonungslosen Blick auf die Wirklichkeit seiner Zeit.

     

    Die Rückkehr der Bauern vom Markt (1850-1855) Die Rückkehr der Bauern vom Markt (1850-1855)

    Klaus Herding relativiert diese Sichtweise des Künstlers jedoch gleich am Anfang des Katalogs in seinem einleitenden Essay Der „andere“ Courbet:  Schon im zweiten Jahrzehnt seines Schaffens, in den 1850er Jahren, wehrt sich der Maler gegen das ihm aufgedrängte Prädikat des Realisten; in der Tat wird der Begriff „Naturalismus“ seinem Oeuvre viel eher gerecht. Eine ganze Reihe von Gemälden beweist demnach auch, welchen zentralen Stellenwert die Darstellung der Natur für Courbet hatte. In seinen Natur- und Personendarstellungen ab der Mitte der 1840er indes verselbständigen sich Farbgebung und Fantasie immer stärker, Subjektivität und Traumzustand erobern mehr und mehr die Bildwelt des französischen Malers. Diese „andere“ Seite seines Werks zu zeigen, ist das Hauptanliegen des Katalogs, weshalb das Leitmotiv des Traums auch konsequent in die Titel der Beiträge aufgenommen wurde.

     

    Wegbereiter für die Moderne

    In ihrem Aufsatz Courbet als Maler von Albtraum und Schlaf etwa verortet Ségolène Le Men eine Reihe themenähnlicher Bilder in der klassischen Ikonographie der Kunstgeschichte und skizziert die Entwicklung der Traumlandschaft innerhalb seines Werkes, um letztlich die Vorreiterrolle Courbets für den Surrealismus des 20. Jahrhunderts zu unterstreichen. An diesem Punkt wiederum setzt Klaus Herding mit Courbet in der Kunst der Moderne und der Gegenwart an: Er legt dar, inwieweit verschiedene Aspekte von Courbets Werk ihre Fortsetzung in der klassischen Moderne finden – von der Monumentalität der Natur, wie sie Arnold Böcklin immer wieder thematisiert, über die von Max Beckmann aufgegriffene Farbauffassung bis hin zu Gerhard Richter, der sich in zwei Fassungen von Abstraktes Bild, Courbet in den 1980ern explizit auf ihn bezieht.

     

    Im Hinblick auf die Person des Malers zeigen sich die Katalogbeiträge zurückhaltend, sie wird vor allem im Rahmen einer Reihe von Selbstporträts im großzügig angelegten zweiten Bildteil des Bandes deutlich. Selbstverständlich darf hier das berühmte Selbstbildnis als Verzweifelter (1844/45) nicht fehlen, dem ein recht kurzer, aber gehaltvoller Begleittext zur Seite gestellt wird: Das Selbstporträt, in dem sich der Künstler mit weit aufgerissenen Augen und sich die Haare raufend zeigt, war nie für den Verkauf bestimmt (bis zu seinem Tod behielt Courbet es bei sich); vielmehr handelt es sich dabei um ein experimentelles Werk, in dem der Maler Zeugnis von seiner Verzweiflung ablegt, die er selbst in einigen Briefen beschreibt und auf seine Arbeitsüberlastung, seinen Ehrgeiz und seine Selbstzweifel zurückführt. Der Akt des Malens diente ihm als Ventil, als eine Art Selbsttherapie – auch in diesem Punkt beweist der Katalog, wie überraschend nahe der Künstler und sein Werk unserer Zeit stehen.

     

    Selbstbildnis als Verzweifelter (um 1844/45) Selbstbildnis als Verzweifelter (um 1844/45)

    Im Bildteil des Katalogs werden knapp hundert Gemälde, Zeichnungen und Skizzen des Malers vorgestellt; die knappen Begleittexte richten sich dabei an interessierte Laien und Fachpublikum gleichermaßen. Die auf den Themenkomplex Traum und Imagination hin ausgerichteten Aufsätze im ersten Teil des Bandes bieten darüber hinaus neue Erkenntnisse im Hinblick auf die nur scheinbar ‚unkomplizierte’ Malerei Courbets, dessen Biographie stark hinter sein Werk zurücktritt – im Hinblick auf die thematische Anlage des Ausstellungskatalogs erscheint dies nur konsequent.

     

    Ausstellung: COURBET. EIN TRAUM VON DER MODERNE, noch bis zum 30. Januar 2011, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main.


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    Eines der eindrucksvollsten Gemälde aus Gustave Courbets Frankfurter Zeit ist die 1858 entstandene „Dame auf der Terrasse“. Doch wer ist diese Frau, und wer der übermalte Mann an ihrer Seite? http://www.schirn-magazin.de/kontext/die-dame-auf-der-terrasse-%E2%80%93-traum-oder-wirklichkeit/
    | von Florian Leclerc, 03.12.2010

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