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Geschichte der Rekonstruktion - Konstruktion der Geschichte, Architekturmuseum, München

22.10.2010

Alles halb so schlimm!

In einer umfassenden Schau zeigt das Architekturmuseum München die Geschichte der Rekonstruktion von Gebäuden. Und nimmt damit der aktuell brodelnden Diskussion an Schärfe. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Der Begriff „Geschichte“ im Titel der Ausstellung verdeutlicht schon, dass es sich bei der Rekonstruktion, also der weitgehend oder gänzlich identischen Neuerrichtung eines nicht mehr erhaltenen Gebäudes, weder um ein Phänomen handelt, das sich auf die jüngere Vergangenheit mit dem Wiederaufbau kriegszerstörter Architektur, noch auf Deutschland oder Europa beschränkt. Vielmehr ist sie ein, die Geschichte der Architektur und der Menschheit seit langem begleitendes Thema. Verdeutlicht wird dies durch eine schier endlose Zahl an Beispielen aus vergangenen Epochen oder anderen Kulturkreisen, deren Kompilation einer der großen Verdienste der Ausstellungsmacher ist. Früher war die Gefahr des Verlustes eines Gebäudes durch Kriegseinwirkung, Naturkatastrophen, Brände oder bauliche Mängel ungleich viel größer als es uns heute erscheint. Mit am bekanntesten ist wohl die Neuerrichtung des Campanile des Markusdoms in Venedig nach dessen Einsturz 1902.

 

Was sind aber die Gründe für die Rekonstruktion eines verlorenen Gebäudes? Die Ausstellung ist in zehn Abteilungen gegliedert, die dieser Frage nachgehen und anhand von beispielhaften Objekten dokumentieren. Von der religiösen Kontinuität über die Erinnerung an eine Person oder ein Ereignis, die Wichtigkeit eines Gebäudes für die Einheit und die Identität eines Ensembles, einer Stadt oder gar einer Nation bis hin zur Rekonstruktion für Freizeit und Konsum spannt sich der Bogen der Antworten.

 

Somit entsteht ein Gesamtbild, das den Besucher tiefere Zusammenhänge erkennen lässt. Die Schau fordert ihn aber auch. Ist sie doch vorwiegend aus „Flachware“, d.h. Texte und Bilder, zusammengestellt und nur durch wenige Objekte, wie z.B. Modelle, bereichert. Dies ist natürlich kein Manko speziell dieser Ausstellung, sondern ein Grundproblem der musealen Vermittlung von Architektur.

 

Im Vordergrund die Rekonstruktion des barocken Braunschweiger Residenzschlosses. Dahinter das Shopping Center auf dessen Dach sich übrigens ein Parkplatz befindet. Im Vordergrund die Rekonstruktion des barocken Braunschweiger Residenzschlosses. Dahinter das Shopping Center auf dessen Dach sich übrigens ein Parkplatz befindet.

Rekonstruktion gestern und heute

Breiten Raum nehmen Rekonstruktionen der Zeit nach 1945 ein. Viele Gebäude fielen dem Krieg zum Opfer, manche Städte Europas, wie Warschau oder Nürnberg, lagen fast vollkommen in Trümmern. Das war auch die Zeit der großen Debatten für oder wider einem Aufbau getreu dem Vorkriegszustand oder doch der Möglichkeit einer Tabula rasa und eines vollständigen Neubeginns des Städtebaus. Glücklicherweise konnte sich keine der beiden Weltanschauungen, Tradition oder Moderne, als allein seligmachend durchsetzten.

 

Die Ausstellung vermeidet dabei Pro und Contra einer Rekonstruktion gegeneinander auszuspielen. Sie schlägt sich weder auf die Seite derer, die die vermeintliche „Rekonstruktionswut der Stadt- und Geschichtsverschönerer“ anprangern, noch auf die Seite derer, die exakte Wiederauferstehung von Verlorenem um jeden Preis fordern. Sie überlässt es dem Betrachter zu erkennen, dass die Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden ein ungemein sinnvoller Vorgang war. Vor dem Modell des 2007 wiederaufgebauten Braunschweiger Schlosses erkennt man, wann eine Rekonstruktion zur Maskerade degeneriert. Hinter der Fassade des Schlosses erstreckt sich nun ein Shopping Center. Der rückwärtige Teil des Komplexes entlarvt dabei den wahren Grund dieser so scheinbar großzügigen Wohltat privater Investoren. Die maximale Raumausbeute ausnutzend erstreckt sich hier ein formloser Klotz entlang der Grundstücksgrenzen, der das Schloss schamlos als Eye-Catcher missbraucht.

 

Im Falle der viel diskutierten und seit Jahren heiß umstrittenen (Teil-)Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses jedoch hätte eine ausführlichere Beschäftigung dem Besucher sicherlich viele Fragen beantworten können. Der Blick in die Geschichte und auf andere Kulturkreise hat aber gezeigt, dass sich, nach dem Abriss des Palasts der Republik die Frage ob das Schloss gebaut werden soll gar nicht mehr stellt. Zu sehr ist der Platz mittlerweile – oder immer noch – mit dem wiederzuerrichtenden Schloss verbunden. So bleiben als einziges Argument gegen eine Rekonstruktion die immensen Baukosten von derzeit geschätzten 550 Millionen Euro. Kann oder soll eine Nation sich das leisten?

 

Die Ausstellung Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte ist nur noch bis zum 31. Oktober 2010 im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Ausstellungskatalog erschienen (512 Seiten, 45 Euro im Museum; die Buchhandelsausgabe des Prestel Verlags kostet 69 Euro).


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