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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:53

    Manuela Reichart/Peter Glückstein/Stefanie Steudemann: Bier

    21.10.2010

    Kühles Blondes, gutes Buch

    Warum Bier? Warum das erste, warum das nächste, warum eher selten, warum eigentlich nie? Beziehungsweise wieso eigentlich warum, und nicht eher: eben und/oder deswegen? 104 Künstler und 52 Autoren stehen Rede und Antwort. CHRISTIAN NEUBERT trinkt derweil noch´n Pils.

     

    Wenn man, auf der Suche nach einer WG, die Wohnungsanzeigen an einer beliebigen deutschen Uni durchforstet, begegnet einem regelmäßig eine so oder so ähnlich klingende Beschreibung: „Wir sind keine Zweck-WG, wir sitzen abends gern bei einem Glas Wein in der Küche.“ Die Realität sieht allerdings oft anders aus – statt Wein- liegen eher Kronkorken auf dem Küchenboden ´rum, und die Kumpels vom Mitbewohner bringen regelmäßig ein, zwei Six-Packs mit, aber noch nie hat sie jemand einen Silvaner oder einen Merlot einschenken gesehen.

     

    Da fragt man sich doch: Was soll das gequirlte Gequatsche mit dem Wein am Küchentisch? Die Erklärung dafür ist einfach und trotz der Thematik eher ernüchternd: Während Bier gemeinhin als das Getränk der Schützenvereine und Stammtischjünger, der Trachtenjanker und Proleten gilt, genießt Wein schon eher den Ruf, das Getränk der Geistreichen und Schöngeister, der Künstler und Gelehrten zu sein – zumal bei Leuten, die sich für besonders geistreich und künstlerisch halten. Das Pack säuft sein Bier, während sich das Individuum ein gutes Glas Jahrgangswein gönnt – auch, wenn es ein halbtrockener, überaus durchschnittlicher Bacchus von einer dieser Genossenschaften ist. Und der wiederum für Dreifünfundneunzich von der Tanke.

     

    Diese Denkweise und der entsprechende Habitus ist jeweils natürlich totaler Quatsch und legt sich, solange man es nicht von vornherein begriffen hat, bei vernünftigen Menschen zum Glück spätestens in den auslaufenden Zwanzigern. Sicher, es gibt immer eine gewisse Anzahl Unverbesserlicher. Und Wein ist natürlich auch nicht zu unterschätzen, keine Frage. Aber nicht erst seit Heinz Strunk sollte eigentlich jedem bekannt sein, dass es ihn sehr wohl gibt: Den Bierdurst. Also jenen Durst, der sich ausschließlich mit Bier und sonst nichts anderem stillen lässt.

     

    Na, dann mal Prost!

    Bier ist also, um es noch mal in aller Deutlichkeit auszusprechen, mitnichten ein von Künstlern eher verschmähtes Getränk – bereits Goethe war sich sicher, dass uns der Schluck aus dem Bierkrug klüger macht. Und Jean Paul betrachtete Bier, das für ihn Seelentrank und Magenbalsam war, als vorletzte Ölung. So braucht es auch nicht zu verwundern, dass Manuela Reichart, Peter Glückstein und Stefanie Steudemann, die Herausgeber von Bier, mehr als genug Kunstschaffende dazu animieren konnten, einen exklusiven, eigens für das geplante Buch geschaffenen Beitrag zu diesem Thema beizusteuern. Aus allen eingereichten Beiträgen wurden schließlich 52 Texte ausgewählt, also einen Biertext für jede Woche des Jahres. Diese werden – der Qualität der Arbeiten und somit der Qual der Wahl wegen – von doppelt so vielen Werken von Malern und Fotografen ergänzt.

     

    Die getroffene Auswahl zeugt von großer Geschmackssicherheit seitens der Herausgeber – die Maler, Autoren und Fotografen, deren Werke in die bei Eichborn herausgebrachten Hopfen-und-Malz-Anthologie aufgenommen wurden, sind in den meisten Fällen nicht unbedingt die prominentesten Vertreter ihrer Zunft, weswegen es den Kompilatoren offensichtlich nicht um bloßes Name-dropping, sondern wirklich um interessante, inspirierte und inspirierende Inhalte ging.

     

    Hopfen und Malz - Gott erhalt´s

    Es wäre müßig, sich nun einzelne Werke herauszupicken, um konkreter auf diese einzugehen. Dies soll jedem selbst überlassen bleiben. Jeder wird hierbei seine Favoriten ausmachen können, genauso wie jeder auf Beiträge stoßen wird, die ihm überhaupt nicht zusagen. Dass dies so ist, spricht allerdings eher für als gegen die in Bier versammelte Auswahl – man kann es nun mal nicht jedem recht machen, und zum Glück ist das auch nicht die Intention der Herausgeber gewesen. Die aufgenommenen Werke – von Ölgemälden, computergenerierten Grafiken über Installationen bis hin zu Gedichten, abstrakter Prosa und an Pressemeldungen erinnernde Textbeiträge findet sich in dem Band so einiges – sind insgesamt so verschieden, dass von einer gefälligen Mittelmäßigkeit nicht die Rede sein kann.

     

    So ist es ganz egal, ob man eher zu Pils, Hellem, Kölsch, Lager, Weißbier oder vielleicht auch gar nicht zu einer dieser Varianten des Deutschen liebsten Brauerzeugnisses tendiert: Bier ist ein schönes, zurückhaltend editiertes Kunstbuch, dass die aufgenommenen Beiträge trefflich zu präsentieren weiß. Und diese haben ihre Präsentation auf jeden Fall verdient. Darauf kann man getrost anstoßen.


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