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    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 22:12

    Volker Reinhardt: Der Göttliche

    06.09.2010

    Göttlich und geizig

    Um das Leben des großen Renaissance-Künstlers Michelangelo ranken sich zahlreiche Legenden. Der Historiker Volker Reinhardt legt nun eine gut geschriebene Biographie vor, die vor allem Michelangelos stupenden Sinn fürs Geschäft beleuchtet. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Michelangelo – der Göttliche; ein Künstler, der es Kraft seiner kreativen Energie vermochte, dem Marmor gleich eines alter deus Leben einzuhauchen; ein Bildhauer, der ausgerechnet in der Malerei alles Dagewesene übertraf; überdies ein Künstler, der als Architekt und Stadtplaner glänzte und dem päpstlichen Rom Monumente von bleibender Erhabenheit schenkte. Die Verehrungsformeln sind so vielfältig wie bekannt. Michelangelo Buanarotti (1475-1564) hat die Einbildungskraft von Zeitgenossen und Nachgeborenen angeschürt und so wiederum flammende Feuer der Kreativität entfacht: Der „göttliche“ Florentiner ist Held zahlreicher Biographien, historischer Romane und Filme; von den unzähligen wissenschaftlichen Arbeiten zu seinem Werk natürlich ganz zu schweigen.

     

    Michelangelo neuerlich zum Thema einer biographischen Gesamtdarstellung zu machen, ist also schon von vornherein ein gewagtes Unterfangen. Der Historiker Volker Reinhardt hat sich dieser gewaltigen Aufgabe gestellt und sie tatsächlich bravourös gemeistert. Reinhardts 400 Seiten starke Biographie „Der Göttliche. Das Leben des Michelangelo“ konzentriert sich klug auf die konzise Darstellung ausgewählter Facetten dieses bewegten Lebens – ohne dabei allerdings den großen Gesamtzusammenhang zu vernachlässigen. Das heißt konkret, dass sich Reinhardt vor allem dem geschickten politischen Taktierer, dem Selbstvermarktungsmeister Michelangelo widmet und weniger dem impulsiven Künstler. Reinhardts Kunstanalysen fallen dementsprechend kurz aus, fassen jedoch stets auch die wichtigsten ästhetischen Neuerungen Michelangelos kompetent zusammen. Wer also eine textuelle Untermalung des künstlerischen Gesamtwerks Michelangelos sucht, wird mit Reinhardts Biographie nur bedingt zurechtkommen. Wer allerdings nach einer exemplarischen Fallstudie zur sozialen Stellung des Künstlers im 16. Jahrhundert Ausschau hält, der wird hier voll auf seine Kosten kommen.

     

    Der vielleicht berühmteste Moment in der Geschichte der Kunst... Der vielleicht berühmteste Moment in der Geschichte der Kunst...

    Kunst als Arbeit am Vaterkomplex

    Reinhardt ist ein Kenner der verwickelten politischen Geschichte Italiens im 15. und 16. Jahrhundert. Michelangelos Werk wird hier im Kontext der politischen, religiösen, sozialen und ökonomischen Realitäten Italiens gelesen. Konzise weist der Historiker nach, wie stark Michelangelos Werk – trotz aller ästhetischen Neuerungen – von diesen Realitäten abhängt. Auch in seiner eigenen – inzwischen fast schon legendarisiert kargen – Lebensführung spiegelt sich die Abhängigkeit Michelangelos von diffizileren politischen Prozessen wider. Seiner Selbststilisierung als nüchtern-sachlich lebender und rauschhaft schaffender Künstler steht die Anhäufung eines sagenumwobenen Reichtums gegenüber. Michelangelo inszenierte sein eigenes Leben als demütiges Kunstwerk – allerdings ohne dabei zu vergessen, wie hoch sein Marktwert ist.

     

    Zweifelsohne ist das größte Plus an Reinhardts vorzüglich lesbarer Biographie seine methodische Anlage. Ausgiebig zitiert er aus Michelangelos Briefen und verzichtet so auf allzu weit ausgreifende Deutungsapparate – hier spricht gleichsam der Künstler selbst. Geradewegs leitmotivisch sieht Reinhardt Michelangelos Schaffen mit dem Topos der Familienehre verbunden. Das unaufhörliche Streben des Künstlers nach immer größeren Aufträgen und Gehältern erscheint Reinhardt als Gegenpol zur Apathie des Vaters. Im Rausch des Schaffens versucht Michelangelo, die Schande der Familie abzuarbeiten und sie mittels seiner Kunst wieder in den höchsten Florentiner Kreisen etablieren.

     

    Michelangelos "David". Michelangelos "David".

    Gerade im Hinblick auf die Deutung der Briefe dürfte Reinhardts Biographie auch für das Fachpublikum noch einige interessante Ansätze zu bieten haben. Darüber hinaus ist Reinhardt mit „Der Göttliche“ allerdings etwas gelungen, das im deutschen Sachbuchmarkt noch immer zu selten bestaunte eine Rarität darstellt: eine fundierte biographische Darstellung, die auf hohem Niveau unterhaltsam informiert.


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