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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 22:07

    Mythos Burg im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

    02.08.2010

    Neue Blicke auf alte Gemäuer

    Diese Sonderausstellung will die Vorstellung vom Leben auf dieser revolutionieren. Gleichzeitig zeigt sie, was kulturgeschichtliche Museen zu leisten imstande sind. Von CHRISTOPHER FRANZ

     

    Denkt man an Nürnberg, denkt man an Lebkuchen und Christkindlesmarkt, vielleicht denkt mancher aber auch an die Agentur für Arbeit und das nicht mehr existente Versandhaus Quelle. Aber sicherlich werden die meisten das Bild der Nürnberger Kaiserburg vor Augen haben, die seit jeher fest über der Altstadt thront. Und genau da liegt der Hund begraben. Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen der allgegenwärtigen Präsenz von Burgen im täglichen Umfeld – allein in Deutschland geht ihre Zahl in die Tausende – und dem, was wir über sie zu wissen glauben.

     

    Die Zeit war also reif für eine Neuausrichtung unseres Burgenbildes und wo könnte dies besser geschehen als im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Die dortige Sonderschau Mythos Burg – übrigens die erste umfassende Ausstellung zur Kulturgeschichte der Burg hierzulande – vereint Exponate verschiedenster Art aus allen Epochen mit neuesten Forschungsergebnissen und beschreibt die Ursprünge und die Entwicklung der Burg in ihrer mehr als 1000jährigen Geschichte zwischen Adelswohnsitz, Herrschaftssymbol und Ausflugsziel.

     

    Von dem schier endlosen Umfang der Thematik zeugt die Tatsache, dass gleichzeitig und sich mit Nürnberg gegenseitig ergänzend, im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Ausstellung Burg und Herrschaft gezeigt wird. Gemeinsam ergeben die beiden Partnerausstellungen ein neues und faszinierendes Gesamtbild dieses Gebäudetyps als Lebensort.

     

    Dass auch die Nationalsozialisten, die Nürnberg sowieso als den Prototyp der deutschen Stadt ansahen, Gefallen an der (deutschen) Burg gefunden haben, verschweigt die Ausstellung dabei genau so wenig wie die Tatsache, dass unser heutiges Bild der Burg fast gänzlich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist.

     

    Jakob Franz Götzenberger: Burg Windeck, um 1844.
Micky Maus am Hofe König Arthurs, 1936. Jakob Franz Götzenberger: Burg Windeck, um 1844.
    Micky Maus am Hofe König Arthurs, 1936.

    Schöner Wohnen im Mittelalter

    Die Nürnberger Schau umfasst rund 650 Exponate, die in beiden Ausstellungshallen des Museums versammelt sind, sowie einzelne Objekte in den Abteilungen der ständigen Sammlung. In der großen Ausstellungshalle sind die Zeugnisse des realen Lebens auf der Burg präsentiert. Die Halle selbst wurde durch die beeindruckende Ausstellungsarchitektur in eine Art Burg mit Nischen und weiten Sälen, Torbögen und einem Bergfried verwandelt.

     

    Wer aus dem gläsernen Foyer den Raum betritt, findet sich – quasi im Burggraben – vor zwei Vitrinen mit Spielzeugburgen eines bekannten Spielwarenherstellers wieder, die Zeugnis ablegen von unserer vermeintlich so guten Kenntnis des zu Sehenden.

     

    Anschließend durchwandert man die einzelnen Abteilungen, die unter den Überschriften wie „Burgenbauten im Mittelalter und Neuzeit“, „Leben auf der Burg“ oder „Leben im Kampf“ die verschiedenen Facetten des Themas abdecken. Zu den vielen bildlichen und textlichen Zeugnissen gesellen sich Waffen, Möbelstücke und vieles mehr, die von der Blüte der Burgenepoche künden.

     

    Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Schau gehört die Tatsache, dass der Burgenbau schon im 7./8. Jahrhundert von großer Zahl und Bedeutung gewesen sein muss und nicht erst, wie bisher angenommen, im 11. Jahrhundert in größerem Maße einsetzte. Ebenso muss das Ende der Burgenepoche näher in die Gegenwart gesetzt werden. Bisher glaubte man, den Niedergang der Burg mit der Entwicklung schwerer Feuerwaffen um 1500 synchron setzten zu können, doch zumindest noch im 30jährigen Krieg spielte die Burg eine wichtige Rolle.

     

    Vogel´s Panorama des Rheins, Frankfurt a. M., 1832/33. Mit einer Gesamtlänge von 42 Metern das vermutlich längste Panorama des Rheins zwischen Mainz und Koblenz. Vogel´s Panorama des Rheins, Frankfurt a. M., 1832/33. Mit einer Gesamtlänge von 42 Metern das vermutlich längste Panorama des Rheins zwischen Mainz und Koblenz.

    Romantische Verklärung

    In der benachbarten kleinen Ausstellungshalle findet man die beiden letzten Abteilungen der Ausstellung, die sich mit der Wirkungsgeschichte des Burgenbildes bis in unsere Zeit beschäftigen. Manch Triviales ist dort unter den Themenfeldern „Burgenglanz und Burgendämmerung“ und „Mythos und Mystifizierung“ versammelt. Von der im 18. Jahrhundert einsetzenden Ruinenbegeisterung über die märchenhaften Vorstellungen Ludwigs II. bis hin zu Anklängen an den Burgenbau durch die Historistische Architektur und die Ordensburgen der Nationalsozialisten wird dort berichtet.

     

    Zwar steht eindeutig die Burg als real existierender Gebäudetyp im Mittelpunkt der Ausstellung, doch verbindet sich hier das Reale mit der Wunschvorstellung von der schon damals Guten Alten Zeit. Die touristische Erschließung der Rheinburgen und die Romantisierung des Ritterlebens, auch in Alltaggegenständen, zeugen von dieser Entwicklung.

     

    Am Ende der Schau wird, in Verschränkung zu den Spielzeugburgen zu Beginn, noch ein Blick in vergangene und gegenwärtige Spielzeugwelten geworfen. Spätestens vor dem Modell der Zauberschule Hogwarts aus Harry Potter mit seiner Kulmination verschiedenster Baustile und -typen, realisiert der Besucher die Notwendigkeit einer Revidierung seiner Vorstellungswelt. Nürnberg ist also nicht nur an Weihnachten eine Reise wert.

     

    Die Ausstellung Mythos Burg ist noch bis zum 7. November 2010 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog (456 Seiten, 25 Euro im Museum; die Buchhandelsausgabe ist im Sandstein Verlag, Dresden erschienen und kostet 48 Euro).

    Außerdem gibt es ein Schuber-Paket, das den Nürnberger und den Berliner Ausstellungskatalog sowie den wissenschaftlichen Begleitband umfasst (98 Euro).


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