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    Dienstag, 25. April 2017 | 14:15

    Kunst Undercover

    20.05.2010

    Kunst Undercover

    Ein wehmütiger Blick zurück: Das werden Musikdownloads – egal in welcher Form – nicht mehr bieten können; das einzigartige Erlebnis eines perfekten Coverdesigns. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Lange hat die traditionelle Kunstwissenschaft die strikte Trennung von high und low culture aufrecht erhalten. So fiel gerade eine der originellsten und einflussreichsten Kunstgattungen lange dem elitären Duktus der institutionalisierten Kunstbetrachtung zum Opfer: die Covergestaltung. Unter dem Dogma der Bildwissenschaft haben sich die Bereiche high und low inzwischen jedoch derart angenähert, dass im Umkehrschluss allzu egalitäre Beliebigkeit droht. Deswegen scheint es geboten, daran zu erinnern, dass jener schmale Grat zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Kunst und Kitsch, zum Erbe der kanonischen Covergestaltung zählt.

     

    Nirgends hat sich dieses Paradoxon eindrucksvoller verwirklicht als in den inzwischen geradewegs ikonisch gewordenen Covers der beiden Beatles-LPs „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ und „White Album“. Zwischen Hochkunst und Massenkultur besetzen sie eine eigene Nische künstlerischer Covergestaltung. Schwierig und nicht restlos zu klären ist in beiden Fällen die Urheberschaft der eingearbeiteten visuellen Ideen. Unstrittig ist jedoch ebenfalls, dass bei beiden LPs jeweils ein herausragender Vertreter der britischen Pop-Art maßgeblich am Cover-Design beteiligt war: im Falle des „Sgt. Peppers“-Album Peter Blake, beim „White Album“ Richard Hamilton. Die Mitwirkung jener inzwischen museal gewordenen Künstler hat für eine vergleichsweise breite Rezeption in den Kunstwissenschaften gesorgt.

     

    Dieser Umstand verdeckt jedoch oftmals den Blick auf grundsätzliche Kennzeichen des Cover-Designs. Sie sind als in einen komplexen Produktionsprozess eingebundene Marktprodukte nicht mit den Maßstäben klassischer Kunstwissenschaft zu messen, so dass auch die Frage nach der originären Autorenschaft eine im Grunde nachgeordnete sein muss. Aus diesem Grund beschäftigt sich dieser Beitrag vor allem mit den sich durch die spezifischen medialen Grundvoraussetzungen ergebenden merkantilen und künstlerischen Strategien, die jedem Albumcoverdesign zugrunde liegen.

     

    Ohne Zweifel spielt dabei das Konzept der Repräsentation die entscheidende Rolle. Das Cover einer Langspielplatte fungiert auf verschiedenen Ebenen als Signifikant in einem komplexen Zeichensystem:

    1. Es dient den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend als Kaufanreiz. Das Ziel einer gelungenen Covergestaltung ist es, die visuelle Aufmerksamkeit des möglichen Käufers zu erregen und ihn zum Erwerb des Produktes zu bewegen.

    2. Im künstlerischen Sinne stellt das Albumcover eine visuelle Verbindung zur Musik des Produkts dar.

    3. Das Plattencover trägt in einem außergewöhnlich hohen Maße zur Imagebildung einer Musikgruppe bei. Es ist Teil eines brandings, einer jederzeit erkennbaren Marke.

     

    Repräsentation als Maskerade

    Die Entstehungsumstände der 1967 erschienen LP „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ muten eigentlich denkbar schlecht an: Die wohl bis dato erfolgreichste Band der Welt hatte soeben beschlossen, ihre Musik nicht mehr live zu spielen. Der immense Massenwahn zwang die Beatles zu dieser Entscheidung. Was lag also näher als beides – den Hype und den Rückzug davon – zum Thema der visuellen Gestaltung der LP zu machen? Der britische Pop-Art-Pionier Peter Blake erschuf für „Sgt. Peppers“ in enger Zusammenarbeit mit der Band ein überbordendes, lebendig buntes visuelles Konzept, das die Band in einem Gruppenfoto mit durch Pappständer ersetzten Zeitgenossen und längst verstorbenen Vorbildern zeigt. Auf diese Weise entsteht eine merkwürdige popkulturelle Ahnengalerie, die die Sphären von high und low außer Kraft setzt. So finden sich hier beispielsweise neben längst vergessenen zeitgenössischen Showprominenten auch der Dichter Dylan Thomas und der Physiker Albert Einstein. Die Band selbst tritt gleich in doppelter Ausführung auf: Als vorgeblich authentisches Original in dunklen Anzügen und bunt kostümiert in historischen Karnevalsuniformen.

     

    Durchaus raffiniert doppelt das Cover dabei die Erwartungshaltung des Käufers: Die Beatles treten zum einen als die bereits bekannte Band „The Beatles“ in ihrer gewohnten Kleidung auf und zum anderen als kostümierte Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Die vorgeblich ‚echten’ Beatles sind jedoch lediglich Wachsfiguren aus dem Londoner Wachsfigurenkabinett der Madame Tussauds. Sie sind somit nicht authentischer als die sie umgebenden Pappständer. Die ‚echte’ Band verbirgt sich hinter der historischen Maskerade. Dies spiegelt konsequent die tatsächliche Situation der Beatles zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Albums wider. Der die Band umgebende Massenrummel wird zum Motor eines in der Pop-Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gesehenen Experiments, das Grundzüge einer Kunstperformance trägt: Die LP erscheint nicht als Veröffentlichung der Beatles, sondern als Einspielung der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club. Zumindest suggeriert dies dem staunenden Hörer der erste Titel der Schallplatte:

     

    “It was twenty years ago today,
    Sgt. Pepper taught the band to play
    (...)
    So may I introduce to you
    The act you've known for all these years
    Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band
    We're Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band
    We hope you will enjoy the show (…).”

     

    Die Beatles tauschen ihre bisher bekannte Identität mit der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band, die jedoch als Nukleus auch schon auf den vorangegangen Alben zu erkennen gewesen sein muss, denn obwohl sie vorgestellt wird („so may I introduce you“), ist sie die Band, die man bereits seit Jahren zu kennen meinte („the act you’ve known for all the years“).

    Aber dieser diffizile Identitätentausch wird auf dem Albumcover selbst ad absurdum geführt: Zwar prangt der Schriftzug der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band unübersehbar im Bildzentrum auf der Bass-Trommel der Kapelle, deutlich größer jedoch ist der Beatles-Schriftzug – getarnt als Blumenbeet – zu lesen. Der Rollenwechsel bleibt ein intellektuelles Spiel, das aufgrund der Bedürfnisse des Plattenmarktes nicht einmal auf dem Albumcovers vollständig vollzogen werden kann.

     

    Auch die Innencovergestaltung betont die Dichotomie von authentischer Selbstrepräsentation und Karikatur noch einmal: Dem Album liegt ein Ausschneidebogen bei, auf dem der geneigte Fan unter anderem einen Schnurrbart zum Ankleben und die Schulterabzeichen einer Sgt.-Peppers-Uniform findet. So wird der Rollentausch der Beatles symbolisch auch auf einer weiteren Ebene vollzogen. Die gespielte Flucht aus der Wirklichkeit gerät zum Leitmotiv der Albumgestaltung.

     

    Repräsentation als Religion

    Richard Hamiltons Entwurf für die nachfolgende Doppel-LP setzt sich dezidiert mit den Repräsentations- und Imagestrategien des Sgt. Peppers-Album auseinander. Nach eigener Aussage fand er Blakes Gestaltung zu bunt und überladen. An die Stelle der ausgefeilten Ahnenreihe und der Eingliederung der Beatles in einen popkulturellen Kanon setzte er eine umwerfend einfache Strategie, die die Fanbedürfnisse zugleich negiert und befriedigt. Die Außenhülle präsentiert sich in schlichtem Weiß. Lediglich der geprägte Aufdruck des Beatles-Schriftzuges gibt einen Hinweis auf den musikalischen Inhalt der LP. Der vordergründigen Einheit von Musik und Musiker – symbolisiert durch das traditionelle Gruppenfoto auf dem Albumcover – verweigert sich Hamiltons Entwurf.

    So repräsentiert das Cover des „White Albums“ in erster Linie den engen Konnex von individuellem Käufer und Massenproduktion. Denn bei genauerer Betrachtung offenbart sich noch ein weiteres Gestaltungsdetail auf der weißen Grundfläche: eine graue Produktionsnummer, die in der ersten Auflage des Albums fortlaufend jedes einzelne Exemplar markierte. So wird die vermeintliche Massenproduktion zum Unikat. Gleich einer Graphik setzt Hamilton ein veränderbares, nicht standardisiertes Kennzeichen auf das Albumcover. Statt einer Unterschrift jedoch handelt es sich hier um eine gleichsam mechanische Zählung, die sich konsequent durchgeführt in Millionenhöhen hochschrauben hätte müssen.

     

    Hamilton befriedigt auf perfide Weise den Wunsch der Fans nach einem echten Unikat, nach einer singulären Version der neuen Beatles-LP, die in dieser spezifischen Form nur jeweils ein Fan besitzen kann. Dabei bleibt jedoch offensichtlich, dass es sich bei jener Intimität zwischen der Devotionalie und dem Fan nur um eine seriell hergestellte Täuschung handelt. Die Seriennummer verschweigt ja gerade nicht ihre industrielle Herkunft – mit jeder weiteren Ziffer wird die Schallplatte mehr und mehr zu einem Massenprodukt, dessen musikalisches ‚Heilsversprechen’ sicherlich nicht nur ‚Eingeweihte’ zu entschlüsseln suchen. Der religiöse Impetus des Fan-Seins, die im wahrsten Sinne des Wortes fanatische Hingabe an einen Pop-Star, wird von Hamiltons Entwurf zugleich ernst genommen und ironisiert.

     

    Eine religiöse Prägung erhält das Cover zusätzlich durch die symbolische Wahl der (Un-)Farbe Weiß. Die leuchtend monochrome Fläche des Covers wird zum einem mannigfaltigen Assoziationsträger divergierender Stimmungen: Freude und metaphysisches Licht aber auch Leere und Absenz einer wahrnehmbaren Farbe. Die Assoziation mit Malewitschs Suprematismus und seiner „Ikone der Moderne“, dem schwarzen Quadrat auf weißem Grund, liegt durchaus nahe. In beiden Fällen bleibt die Absenz des Gegenständlichen mit einem – ins  Metaphysische gewendeten – Repräsentationsanspruch verbunden. Das reine Weiß des Albumcovers zeigt Wertigkeit und Status des Produktes an: Das „White Album“ gerät so eine jener Ikonen der Moderne – schematisiert, aber mit einer Heilsbotschaft, der Musik, versehen. 

     

    Ausschnitt aus der Beilage der "White Albums" Ausschnitt aus der Beilage der "White Albums"

    Privates für die Massen

    Konsequenterweise spielt nicht nur das Gesamtprodukt mit der Divergenz von schlichter Hülle und überbordender Fülle von darin enthaltener ‚Heilsbotschaft’ – das „White Album“ ging als eine der ersten Doppel-LPs und als musikalisch komplexes Gewirr von Stilen in die Rockgeschichte ein –, sondern auch die visuelle Gestaltung. Hat der Fan erst einmal die weiße Ummantelung des Albums ausgepackt, fällt ihm ein von Richard Hamilton entworfenes Faltposter mit einer Collage mit intimen Fotographien der vier Protagonisten in die Hände.

     

    Der Kunsthistoriker Walter Grasskamp vergleicht die Konzeption des “White Albums” in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu Unrecht mit einer byzantinischen Kirche: Der schmucklose Außenbau beherbergt in seinem Inneren einen reichen Bilderschatz, in dem der Glauben an die Magie des Bildes fortlebt. In letzter Konsequenz hebt Hamilton jedoch genau jenen Gegensatz von Außen und Innen auf. Die weiße, durchnummerierte Fläche wird zum Fetisch einer enthusiasmierten Fangemeinde, die diese moderne Ikone ebenso verehrt, wie den – selbstverständlich nur scheinbar ungefilterten – Einblick in die Privatsphäre ihrer Lieblinge.

     

    Doch auch hier repräsentiert Hamiltons Collage nicht nur den Zusammenhang zwischen Fan und Band, sondern auch die bandinterne Situation. Während die ohne Wissen Hamiltons im Innencover angebrachten ‚ikonischen’ Einzelphotographien den Eindruck einer auseinander brechenden Bandgemeinschaft, der sich auch in der unglaublichen Vielfalt verschiedener Einzelbeiträge auf der Doppel-LP manifestiert, visuell verstärken, zelebriert Hamiltons Collage noch einmal den Zusammenhalt der vier Beatles. Im komplexen Beziehungsgeflecht von Öffentlichkeitsscheu und kalkulierter medialer Präsenz erscheinen die Beatles in dieser Collage als Verbündete im Kampf um ein individuelles Privatleben. Statt der Vereinzelung betont Hamiltons Collage das Gemeinsame. Die Fotographien der Bandmitglieder sind über die gesamte Fläche des Plakats verteilt.

     

    Undercover auf der Abbey Road

    Die Beatles selbst werden mit dieser Tradition der kalkulierten künstlerischen Covergestaltung nur wenig später brechen – und paradoxerweise eine weitere Coverikone erschaffen: vier Menschen auf dem Zebrastreifen der Abbey Road. Dies zeigt in der Tat, wie wenig der künstlerische Erfolg einer Covergestaltung planbar ist. Spätestens als Zitatensteinbruch – unvergessen die nur mit einer Socke bekleideten Red Hot Chilli Peppers – hat auch das Cover von „Abbey Road“ künstlerischen Nachruhm erlangt.

     

    Vielleicht ist die heute von Liebhabern vollzogene Rückkehr zum Vinyl, zur haptischen und visuellen Qualität der LP, Ausdruck jener Sehnsucht nach der artifiziellen Gestaltung unseres liebsten und mitunter ernstesten Hobbys – der Musik; ein nostalgischer Blick zurück auf eine verlorengegangene Ernsthaftigkeit im Umgang mit Massenkonsum. Denn auch wenn der iPod – und erst recht das iPad – vieles kann, einen Ersatz für Andy Warhols frivolen Reißverschluss auf dem Cover der Stones-LP „Sticky Fingers“ können beide nicht bieten. So sind diese LP-Gestaltungen längst zu etwas geworden, was sie eigentlich nie sein sollten: Kulturdenkmäler unter Artenschutz.

     

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