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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 03:23

    Bonham-Carter/Hodge: Die Kunst der Gegenwart

    18.03.2010

    Nachhilfekurs für die Kulturindustrie

    Charlotte Bonham-Carter und David Hodge scheitern daran, die zeitgenössische Kunst zu erklären – und halten offensichtlich nur wenig von den intellektuellen Fähigkeiten ihrer Leser. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Einen verlässlichen Zugang zur Kunst der Gegenwart in einem alphabetisch nach Künstlernamen geordneten und mit einem Glossar versehenen Band – nichts weniger will die im Belser-Verlag erschienene Monographie „Die Kunst der Gegenwart“ bieten. Die beiden britischen Kunsthistoriker Charlotte Bonham-Carter und David Hodge haben sich dieser gewaltigen Aufgabe angenommen und sind dabei – so viel sei bereits vorweggenommen – auf ganzer Linie gescheitert. Die 250 Seiten starke Publikation ist ein Ärgernis geworden, eine gigantische Ansammlung von Banalitäten, die keineswegs verlässlich ist, sondern eher schwammig und voller vermeidbarer faktischer Fehler.

     

    Dies beginnt bei der durchaus verzeihlichen Sünde, das an zeitgenössischer Kunst interessierte Publikum in München in die Neue Pinakothek zu schicken, wo es zwar von den Nazarenern bis zu Franz von Stuck allerhand Schönes aus dem 19. Jahrhundert besichtigen kann, aber kaum etwas Zeitgenössisches. Dass eine 2009 in deutscher Übersetzung erschienene Publikation weder die Pinakothek der Moderne noch die in diesem Zusammenhang gewichtige Sammlung Brandhorst kennt, ist zumindest merkwürdig.

     

    Von diesen lässlichen Sünden einmal abgesehen, beginnt die eigentliche Irritation des geneigten Rezensenten jedoch bei den kurzen Textbeiträgen zu den einzelnen Künstlern, bzw. noch davor. Naturgemäß erscheint die Auswahl der Künstler bei einem derartigen Projekt als gewagtes Unterfangen. Dies sei zur Ehrenrettung der Autoren noch einmal mit Nachdruck erwähnt. Als Auswahlkriterium für die 200 vertretenen Künstler wird ihre Ausstellungstätigkeit angeführt. Expressis verbis heißt es auf dem Cover des Buches: „Die 200 am häufigsten ausgestellten Künstlerinnen und Künstler der letzten 40 Jahre.“

     

    Man muss also kaum ein beinharter Adorno-Leser sein, um hinter dieser Maßgabe eine nur dürftig verschleierte Einführung in die kapitalgestützte Welt der Kulturindustrie zu vermuten. Dass etliche der wichtigsten Figuren in der Geschichte der Kunst zu Lebzeiten kaum Zugang zum öffentlichen Ausstellungswesen – van Gogh ist hier nur das prominenteste Beispiel – gefunden haben, ist nur eines von einer Heerschar von Argumenten, die man gegen dieses Auswahlverfahren anführen könnte.

     

    Wo ist John Baldessari?

    Dieser Befund wird durch die Künstlerliste leider noch einmal mit Vehemenz gestützt: Unter den versammelten Künstlern fehlen Hochkaräter wie John Baldessari und Cy Twombly. Laut der durchaus ähnlich gearteten, bei Hatje Cantz erschienenen Publikation „Kunst Global“, die hier nächste Woche noch ausführlicher gewürdigt werden soll, wurden Baldessari 200 Einzelausstellungen gewidmet. Zudem nahm er an mehr als 750 Gruppenausstellungen teil. Seine jüngste Retrospektive „Pure Beauty“ – wir haben letzte Woche berichtet – ist nacheinander im Museu d’Art Contemporani de Barcelona, im Los Angeles County Museum of Art und im Metropolitan Museum of Art in New York zu sehen. Und er soll es nicht in die Auswahl der 200 wichtigsten zeitgenössischen Künstler geschafft haben? Dies ist zumindest schwer vorstellbar.

     

    Auch das amerikanische Enfant terrible der radikalisierten körperzentrierten Performance Chris Burden sucht man hier vergeblich. Von einem tatsächlichen Spiegel der künstlerischen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann also kaum die Rede sein – zumal sich in die Liste der wichtigsten Künstlerinnen und Künstler durchaus auch einige abseitigere Namen geschlichen haben, die wohl nur gut informierten Kunstmarkt-Insidern ein Begriff sein sollten.

     

    Schwerer als die nicht immer nachvollziehbare Auswahl der Künstler – die im Übrigen aus irgendeinem Grund auch Ikonen der direkten Nachkriegsmoderne wie Joseph Beuys und Andy Warhol umfasst, die man unter dem Etikett „Kunst der Gegenwart“ eher nicht vermutet hätte – wiegt jedoch die ab und an geradewegs stupende Einfalt der Texte. Wer sich also bislang der zeitgenössischen Kunst eher vorsichtig genähert hat, da er sie in einer hirnlosen Wortblase aus Pseudo-Philosophie, Marktästhetik und postpubertärem Existentialismus angesiedelt sah, der sollte dieses Buch tunlichst meiden – er könnte seine Vorurteile bestätigt sehen.

     

    Jeff Koons, "Balloon Dog (Blue)" Jeff Koons, "Balloon Dog (Blue)"

    Willkürlich, aber genau definiert?

    Einige wahllos herausgegriffene Beispiele: So heißt es im Text, die Künstlerin Sophie Calle unterwerfe sich „bewusst willkürlichen, aber genau definierten Regeln“. Die sagenhafte, fast schon dadaistisch zu nennende Dialektik dieser Aussage dürfte dem Autorenpaar entgangen sein. Unfreiwillig komisch auch folgende Beschreibung: „Helen Chadwicks Piss Flowers stehen für das Nebeneinander von natürlicher Schönheit und Körperflüssigkeiten.“ Noch mehr gefällig? Na dann, bitte: „Der britische Künstler Jeremy Deller setzt sich in seinen Arbeiten mit den Menschen auseinander.“ Donnerwetter!

     

    Auch das – hoffentlich vor allem durch die Übersetzung entstellte – Vokabular der Künstlerbeschreibungen tut sein Übriges zu dem verstörenden Leseeindruck. Hier wird Kunst wohl tatsächlich als spannendes soziologisches Forschungsprojekt verstanden: „Robert Mapplethorpe verschrieb sich der Erforschung des gesellschaftlichen Untergrunds (sic!).“ Oder: „Koons macht oft Anleihen bei der Sprache der Werbung und Vermarktung, wenn er untersucht (sic!), wie sich Perfektion verkauft.“ Es kann einem ja ganz schwindelig werden, vor lauter Untersuchungen in diesem Buch.

     

    Ärgerlich ist auch die ab und an beeindruckend naive Terminologie der Autoren: „Juan Munõz ist für seine schwer fassbaren und manchmal beunruhigenden Skulpturen menschlicher Figuren bekannt.“ Als ob nicht gerade das Fassbare, das Haptische diese realistisch gestalteten Figuren auszeichnen würde!

     

    Kunst sollte betrachtet werden

    Man muss die Kunst also dringend vor Charlotte Bonham-Carter und David Hodge in Schutz nehmen. So sehr gerade die zeitgenössische Kunst mit ihren vielfältigen Strömungen und ihrem Mangel an verbindender Gruppendynamik auch die Fahrwasser des ideengeschichtlich klar Beschreibbaren verlassen hat – eine derart sorglose Diktion hat sie nicht verdient.

     

    Mit Wehmut erinnert sich der Rezensent an die poststrukturalistischen Diskursgewitter Roger M. Buergels anlässlich der documenta 12 – namentlich in den inzwischen fast legendären Documenta-Magazinen – zurück. Zwar konnte man der Diskursmaschinerie des Kurators vieles von blinder Theorieverliebtheit bis hin zu ästhetischer Beliebigkeit vorwerfen, eines jedoch blieb immer klar: Die zeitgenössische Kunst hat es verdient, aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet, gedanklich eingerissen und wiederaufgebaut, ver- und enträtselt, besprochen und beschwiegen zu werden. Wichtig ist dabei nur eines: Ernsthaft über Kunst nachgedacht zu haben und dies in – a priori ungenügende – Worte gepackt zu haben.

     

    Ernsthaft haben die Autoren dieses Buches leider nicht gedacht und lange wohl auch nicht. Vielmals hat man gar den Eindruck die sensationelle Buergel-Maschine, eine Internet-Plattform, die aus wahllosen Diskursfetzen zu jedem beliebigen Bild einen Text generiert (http://www.hanebuechlein.de/exot/buergelmaschine), hat mehr Ahnung von Kunst als die zwei Autoren.

     

    Theoretisch unbedarft offerieren sie dem Leser einen behäbigen Mix aus Kurzbiographie und knapper Werkeinordnung, der eher dem Niveau der Boulevard-Presse als dem einer ernstzunehmenden Kunstmonographie entspricht. Plattitüden so weit das Auge reicht. Ein letztes Beispiel: „Wie viele Werke Hirsts untersucht die Serie den Tod und seine Nähe zum Leben.“

     

    Louise Bourgeois, "Spinne" Louise Bourgeois, "Spinne"

    Lasst das Kunstwerk sprechen!

    Was bei einem derartigen Ansatz geradewegs notwendigerweise auf der Strecke bleibt, ist die Liebe zum Sehen selbst bzw. die Liebe zur allgemeinen sinnlichen Erfahrung. Die Autoren beschreiben die jeweiligen Kunstwerke nicht, sie versuchen nicht, sie als spezifische Phänomene zu ergründen – sie konstatieren und erweisen dabei eher der biographischen Neugier des Boulevards eine Referenz als dem mehrfach gebrochenen Spiel einiger Künstler mit Identität und Alterität, mit Kunst, Biographie und Betrachter. All dies droht im Brei der Banalitäten unterzugehen.

     

    Paradoxerweise lohnt es sich trotz dieser erheblichen Defizite, das Buch durchzublättern – wenn man es schafft, den Text auszublenden. Der Belser Verlag hat „Die Kunst der Gegenwart“ mit einem ansprechenden visuellen Layout ausgestattet. Die Kunstwerke sind größtenteils großformatig in qualitativ hochwertigen Farbabbildungen wiedergegeben. Und tatsächlich sprechen die Werke selbst eine weit diffizilere – und spannendere – Sprache als die Autoren. Allerhand gibt es hier zu entdecken, ganz ohne fremde Anleitung. Denn nichts baut die Hemmschwelle im Umgang mit zeitgenössischer Kunst mehr ab, als die Begegnung mit ihr selbst.

     

    Deswegen lautet das halbwegs versöhnliche Fazit dieser Rezension: Blättern Sie „Die Kunst der Gegenwart“ durch, lassen sie sich von Damien Hirst und Jeff Koons provozieren, tauchen sie mit Matthew Barney in die Abgründe des Daseins hinab, staunen sie über Maurizio Cattelan und vor allem: Lassen Sie sich von niemandem die Kunst erklären, der Sie nicht für voll nimmt! Sehen und fühlen Sie lieber selbst.

     

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