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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:53

     

    John Baldessari John Baldessari

    Retrospektive. John Baldessari: Pure Beauty

    11.03.2010

    "Erklären Sie mir, warum ich ein Konzept-Künstler bin!"

    Anlässlich der Retrospektive des Lebenswerkes von John Baldessari „Pure Beauty“, die nach der Tate Gallery in London, nun vom 11. Februar bis zum 25. April 2010 im Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) in Barcelona zu sehen ist, hatte die Autorin Gelegenheit mit dem Künstler zu sprechen. Von MAGGIE THIEME

     

    Pure Beauty (1966-68) Pure Beauty (1966-68)

    Der in Santa Monica, Kalifornien lebende John Baldessari (*1931), ist einer der hervorragendsten Künstler seiner Generation. In einem mehr als 50-jährigen Wirken hat er Meilensteine gesetzt. Und obwohl er als einer der Wegbereiter der Konzeptkunst gilt, möchte er weder als Konzeptkünstler noch als dezidiert kalifornischer Künstler wahrgenommen werden. Sich einer Klassifizierung zu verweigern, scheint bei jemandem, dessen Konzept es war, mit den Regeln der bisherigen Kunstwahrnehmung zu brechen bzw. gekonnt mit ihnen zu spielen, selbstverständlich.

     

    1970 verbrannte er nach einer öffentlichen Ankündigung alle seine bisherigen Gemälde. Danach verlegte er den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Auseinandersetzung mit Bild und Text, in den 70ern kam die Fotografie hinzu. Für seine Collagen und Fotokompositionen benutzte er bereits vorhandenes Material – der Film-Standort Los Angeles versorgte ihn mit Standbildern aus B- und C-Movies. Immer wieder stellte er den Begriff der Kunst und den Kunstbetrieb in Frage. So beispielsweise mit seiner Video-Performance: „I will not make any more boring art“, in der er den gleichen Satz - wie in einer Strafarbeit aus alten Schulzeiten - solange schreibend wiederholte, bis das Blatt voll war. Sein Versprechen, keine langweilige Kunst zu machen, hat er gehalten, aber im Kunstbetrieb ist er angekommen. Keine Frage.

     

    Baldessari, der 2009 in Venedig für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, hat selbst etwas von diesem Tier. Groß, aufrecht, wenn auch mit weißer Mähne, ist er mit 78 wach, schlagfertig und immer noch dabei, neue Richtungen in seinem Schaffen auszuprobieren. Ausgestellt werden über 130 Werke. Vom Beginn seiner Karriere bis heute stellen sie einen Querschnitt seiner zum Teil auch noch zu entdeckenden Arbeiten dar.

     

    Kunst verstehen?

    Mit dem Malen aufzuhören, war ein radikaler Akt. Haben Sie jemals erwogen es wieder zu tun?

     

    Mit dem Malen aufhören?

     

    Ja, in der Art wie das Verbrennen Ihrer Malerei in den 60er Jahren – als revolutionärer, befreiender Akt.

     

    Oh, das ist interessant, ich wüsste nicht, warum ich jetzt aufhören sollte. Ich denke, dass es gut ist, immer wieder neu über sich zu nachzudenken und sich neu zu erfinden. Aber dann stellt sich die Frage, ob man wieder anfangen würde?

    Ich denke nicht, dass dies für mich ein Thema ist. Eher würde ich aufhören auszustellen. Das wäre eine Möglichkeit. Ja, ich könnte es tun, aber ich mag es, wenn Leute mein Werk sehen. Ich dachte auch schon mal daran, mich geografisch zu verändern, in einen kleinen Ort irgendwo in der Welt zu ziehen, wo es keine Museen, keine Kunstmagazine gibt. Würde ich noch die gleiche Kunst machen? Ich weiß es nicht. Es würde auf jeden Fall ein Experiment sein.

     

    Ihre Kunst wird als Konzept-Kunst bezeichnet. Wenn Sie es als eine Kunstperiode verstehen würden, was käme nach danach: De-Concept-Art?

     

    Zunächst mal liege ich im Streit mit Etiketten. Sie sind nützlich, wenn etwas Neues in der Kunst beginnt: Es ist nicht das, was vorher war, deshalb muss man ihm einen Namen geben. Aber wenn ich jemanden bitte, den Impressionismus zu definieren, ist wahrscheinlich der einzige, der genannt wird, Monet. Aber ist er ein Impressionist? Es ist ausgrenzend, weil es scheint, als ob jedes Label nur zwei bis fünf Künstler zulässt. Zwei meiner Freunde, Claes Oldenburg und Roy Lichtenstein, werden mit Pop-Art gleichgesetzt, aber beide widersprechen dem und sagen: „Wir sind nicht Pop-Art-Künstler, wir sind Künstler.“

    Kein Künstler mag Etiketten. Und ich mag nicht unter diesem Etikett „Konzept-Kunst“ wahrgenommen werden. Erklären Sie mir, warum ich ein Konzept-Künstler bin!

     

    Konzept und Ideen? Ich weiß es nicht. Für mich würden Sie perfekt unter das Label des Radikalen Konstruktivismus hineinpassen.

     

    (Lacht) Ja, ich glaube das auch. Ich pflegte immer einen Scherz zu machen, dass ich ein versteckter Formalist sei. Ich bin ein Formalist, aber ich erzähle es den Leuten nicht.

     

    Denken Sie, dass die sogenannte Konzept-Kunst eine angemessene Form der Annäherung an eine mehrschichtige Realität ist?

     

    Zunächst müssten wir definieren, was Konzept-Kunst überhaupt ist. Nun, ich weiß nicht, ob ich Ihre Frage richtig beantworte, aber ich denke, für mich bedeutet die Arbeit als Künstler und eigentlich für mein ganzes Leben die Notwendigkeit, die Dinge so anzusehen, als sähe ich sie das erste Mal. Wenn ich zum Mond flöge und dort etwas Seltsames sähe, könnte es Glas sein, aber ich habe es nie zuvor gesehen. Wenn ich weiterhin auf eine solche Art wahrnehmen könnte, wäre ich glücklich. Ich denke, die Arbeit eines Künstlers besteht darin, diese Sichtweise lebendig zu halten. Ich habe bisher noch nicht soviel darüber nachgedacht.

     

    Ist dies der evolutionäre Aspekt Ihrer Kunst, wie Sie es mal genannt haben?

     

    Ja, vielleicht.

     

    Würden Sie gern gebeten werden, einen BMW zu designen?

     

    Absolut nicht. Sie meinen, wie Jeff Koons? Nein! Nein, aber wissen Sie, ich fürchte, wir werden mehr und mehr davon sehen. All dies entspringt der Verschmelzung von Kunst und Kommerz, von Kunst und Unterhaltung.

    Aber es fing schon viel früher an. Momentan gibt eine große Show im Museum of Modern Art zu Tim Burton. Er ist kein Künstler, er ist ein Filmregisseur. Und ich erinnere mich, vielleicht vor zehn Jahren, dass Kirk Varnedoe, der Direktor der Abteilung für Malerei und Bildhauerei des MOMA, wir arbeiteten damals zusammen, mir sagte: „Du glaubst es nicht, zu mir kommen die Leute aus der Geschäftswelt, um mir zu sagen, welche Ausstellungen ich machen sollte.“

    In dieser Weise wird es mehr und mehr weitergehen. Alles, was wir künftig haben werden, sind Retrospektiven, sagen wir, von schwarzen Leinwänden und Ryan-Art. (Lacht) Nein, ich glaube nicht, das ist keine Unterhaltung. Aber das ist es, worauf wir zusteuern.

     

    Ich fand in der Konzept-Kunst so interessant, dass vor allem Ihre Kollegen von der Ostküste, die in den 60ern gerade die Regeln der damaligen Kunstwelt gebrochen hatten, sofort sehr ernsthaft, neue Regeln aufstellten. Sie taten in gewisser Weise das Gleiche, aber machten sich darüber lustig. Was bedeuteten die Regeln?

     

    Nun, ich denke, was es war, hat mit der Tatsache zu tun, dass totale Freiheit etwas Beängstigendes hat. Ich erinnere mich an einen Cartoon mit diesem kleinen Kind im Klassenraum, das mit seinem Lehrer spricht und sagt: “Müssen wir wieder Was immer wir wollen machen?“

     

    Hat es auch etwas mit dem Wunsch zu tun, Bestätigung für sein Tun zu bekommen?

     

    Ich bin mir sicher, dass ich das gleiche mache. Für mich nenne ich es das „Problem“. Ich setze mir das „Problem“, aber ich dränge es anderen Leuten nicht auf. Nur für mich selbst. Kunst kann nicht gelehrt werden. Über Jahre habe ich Bücher über das Lehren von Kunst gesammelt. Die Idee, dass jemand einen guten Lehrer hatte, denke ich, ist phantastisch. Deshalb lese ich diese Bücher so gern. Und ich erinnere mich, dass ich einmal bei einem Dinner in New York saß, mit einer Reihe amerikanischer und europäischer Künstler, das waren die frühen 60er, als wir noch dachten, Kunst wird besser und besser, und ich hatte einen Einfall, sagen wir eine Idee, ich sprach sie aus und ganz überraschend große Stille! Man hätte eine Nadel herunterfallen hören können. Ich sagte, mein Gott, was habe ich gesagt? Und jemand sagte, dass würde nicht gut in die Geschichte der Kunst hineinpassen. Und ich dachte, oh mein Gott, ist das ein Künstler, der das sagt? Sie sehen, da gab es Regeln, aber man sprach nicht darüber. Es war unhöflich. Ich denke, es war so etwas wie gutes Benehmen.

     

    Zu Beginn Ihrer Karriere fuhren Sie mit dem Auto herum und „schossen“ Fotos, ohne hinzusehen. Nun ist die Gegend um L.A. berüchtigt für ihre „drive-by-shootings“.

     

    Oh, mein Gott, Sie sehen da eine Verbindung? Mein Gott, denken Sie, ich habe damit angefangen? (Lacht) Nein, ich denke der Unterscheid ist, dass diese Leute, die herumfahren und Leute erschießen, sehr genau hinsehen.

     

    Was ist schlimmer als langweilige Kunst?

     

    Kunst verstehen.

     

    Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.

     

    Ich danke Ihnen.

     

     

    John Baldessari: Pure Beauty. BARCELONA, Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA), 11. Februar – 25. April 2010.

    Nach Barcelona geht die Reise der Baldessari Retrospektive ins Los Angeles County Museum of Art (Los Angeles) und anschließend ins Metropolitan Museum of Art (New York).

     

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    Kommentar:
    Sehr interessant!!! Weiter so
    | von Baltes Helga , 17.03.2010

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