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Schneede: Max Beckmann

11.03.2010

Das Recht der Bilder betrachtet zu werden

Ästhetisch von berückender Wucht, motivisch geradewegs provozierend hermetisch – so könnte man das Oeuvre des großen deutschen Malers Max Beckmann (1884-1950) auf eine griffige kurze Formel bringen. Mit Uwe M. Schneedes neuer Monographie besitzt das kunstaffine Publikum nun endlich einen verlässlichen Führer durch die komplexe Bildwelt des Malers. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

In der deutschen Kunstgeschichtsschreibung nimmt Max Beckmann spätestens seit den 80er Jahren – speziell nach seinem 100. Geburtstag im Jahr 1984 – einen festen Platz im gedachten Kanon der modernen Malerei ein. Im Fokus der kunstaffinen Öffentlichkeit stehen jedoch zumeist weiterhin die klassischen deutschen Expressionisten von Ernst Ludwig Kirchner bis Franz Marc. Dies vermag nur auf den ersten Blick zu verwundern, denn gerade Beckmanns Spätwerk bleibt auch nach der soliden kunsthistorischen Aufarbeitung ein zwar großartiger, aber ungemein sperriger, monolithischer Block aus emphatischer Farbgebung, malerischer Abbreviatur und rätselhafter Bildsemantik.

 

Den Postkartenfaktor der blauen Pferde Franz Marcs jedenfalls können Beckmanns Werke nicht erreichen. Ihren ungemeinen intellektuellen Reiz, ihre ästhetische Sogwirkung bezieht diese Malerei gerade aus ihrer vermeintlichen Sperrigkeit – Beckmanns Bilder geben ihr Geheimnis nicht preis. An dieser Tatsache hat sich die kunsthistorische Forschung lange genug abgearbeitet. Geradewegs verzweifelt hat sie – mit mal mehr, mal minder gelungenem Ergebnis – versucht, die Bilder gleich einem „Kreuzworträtsel“ (Hans Belting) aufzulösen.

 

Eine vorsichtige Annäherung

Zweifelsohne eignet sich Uwe M. Schneede für diese Tätigkeit ganz hervorragend. Als Direktor der Hamburger Kunsthalle hat er mehrere Beckmann-Ausstellungen kuratiert, als kunsthistorischer Forscher war er maßgeblich an der dreibändigen Ausgabe der Beckmann-Briefe beteiligt. Wer anders als er sollte also das gewagte Unternehmen starten, Beckmanns Lebenswerk monographisch als zugleich anspruchsvolles und unterhaltsames Bilderbuch für das breite Kunstpublikum zu bearbeiten?

 

Schneedes pikturale Monographie kann durchaus auf eine solide Vorarbeit aufbauen. Die kunstwissenschaftliche Fachliteratur zu Beckmann füllt inzwischen mehrere Regalmeter und auch im Bereich der populären Beckmann-Literatur gibt es Vorgänger: Stephan Reimertz lieferte vor wenigen Jahren eine solide Biographie des Malers, und der Taschen-Verlag bietet für wenig Geld eine Studie des Beckmann-Forschers Reinhard Spieler an, die sich zwar einerseits als verlässliche Werkmonographie versteht, andererseits aber mit ihrer übertriebenen spekulativen Energie in der einschlägigen Forschung für ein ganzes Heer an zynischen Fußnoten gesorgt hat.

 

Auf derartige Assoziationsleistungen lässt sich Schneede schon von vornherein nicht ein. Er hat nicht den Anspruch, die komplexe Bildrhetorik der Beckmannschen Arbeiten neu zu dekodieren. Vielmehr wagt er sich an eine genaue Beschreibung des individuellen Bildfindungsverfahrens Beckmanns:

 

„Ausgehend von Figuren und Szenerien aus der Realität kam Beckmann durch das Heranziehen und den übergängigen Einbau ikonographisch vorbelasteter Gestalten und Requisiten, mit Aufnahme symbolisch wirksamer Motive oder Handlungseinheiten (...) sowie mit einem spezifischen Verfahren – Schichtung, Vertiefung, Verschränkung – auf Grundfiguren, Urmuster, wie sie sich in Mythen, Religionen, Sagen und Märchen finden (...).

 

Schneede begnügt sich – überaus weise – mit einer strukturellen Annäherung an die komplexe ikonographische Organisation des Bildraums, statt der Malerei sein eigenes Weltbild gleichsam in der persönlichen Aneignung aufzustülpen. Erkennbare Motivschichten werden vorsichtig kommentiert und in ihrer spezifischen Verwendung beschrieben. Alles was darüber hinausgeht, findet in Schneedes luzider Einführung keinen Platz. 

 

Stattdessen rückt Schneede die Zeitgenossenschaft Beckmanns in den Fokus des Interesses. Hatte die ältere Forschung Beckmanns Gemälde noch zu künstlerischen Illustrationen der esoterischen Geheimlehre Helena Blavatskys, einer in der Tat für die Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts nicht zu unterschätzenden Inspirationsquelle, degradiert, so versucht Schneede nun, Beckmanns Malerei mit kulturgeschichtlichen, politischen und tagesaktuellen Strömungen seiner Zeit zu parallelisieren. Aus dem modernen Mythenmaler wird so ein etwas spirituell angehauchter Chronist der Moderne.

 

Der Ausrufer, Selbstbildnis Der Ausrufer, Selbstbildnis

Eine kluge und konkurrenzlose Einführung

Selbstverständlich lässt sich diese im Vorwort fast emphatisch ausgeführte Marschroute nur schwer präzise durchhalten. Auch Schneede kommt nicht daran vorbei, in seinen Bildbetrachtungen in die geheimnisvollen Sphären des Mythischen und der pikturalen Allegorie abzudriften – Kontextualisierung hin und her. Zudem hat Olaf Peters jenes Thema bereits in seiner 2005 erschienenen Habilitationsschrift „Vom schwarzen Seiltänzer“ ausführlich behandelt. Der angestrebte Novitätenwert des von Schneede gewählten Programms scheint sich so bereits a priori von selbst zu marginalisieren. Der eigene Anspruch tritt hier merklich hinter der tatsächlichen Ausführung zurück.

 

Dies geschieht allerdings paradoxerweise nicht zum Nachteil des Lesers. Gerade weil Schneede sein kulturgeschichtliches Handwerkszeug – gegen seinen eigentlichen Anspruch – weitestgehend dezent beiseite lässt und den Bildern ihr ureigenes Recht  betrachtet zu werden einräumt, wird „Max Beckmann. Der Maler seiner Zeit“ zu einer unterhaltsamen und durchweg überzeugenden Lektüre.

 

Als problembewusste und verlässliche Einführung in Werk und Leben des Malers jedenfalls ist Schneedes kluge Monographie derzeit konkurrenzlos. Und dies obwohl „Der Maler seiner Zeit“ durchaus auch Anlass zur Kritik gibt: Wenig nachvollziehbar ist zum Beispiel, warum sich Schneede nahezu ausschließlich auf die Gemälde Beckmanns stützt. Sicherlich hätte eine stärkere Einbindung der Graphiken und Illustrationen Beckmanns den Befund noch etwas stärker abgerundet. Ebenso steht der an sich lobenswerten erstmaligen Aufarbeitung der Tagebücher Mathilde Quappi Beckmanns, der zweiten Frau des Künstlers, die leider für die Beckmann-Forschung geradewegs topische Missachtung der beiden von Beckmann selbst verfassten Dramen gegenüber – sie haben es noch nicht einmal ins Literaturverzeichnis geschafft.

 

Dies alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das kunstinteressierte Publikum das vielfältige Oeuvre Max Beckmanns nun endlich unter Anleitung eines kundigen Führers in einem wunderbar bebilderten Coffee-Table-Book bestaunen darf. Mehr kann man in diesem Zusammenhang eigentlich nicht erwarten.

 

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