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Montag, 27. Februar 2017 | 19:10

 

Andreas Blühm: Fit fürs Museum.

06.11.2008


Museumserkundung

Braucht man wirklich eine Anleitung, um ins Museum zu gehen? Natürlich nicht, sagt der geübte Besucher. Aber sicher doch, sagt der von Unübersichtlichkeit und elitärem Gehabe abgestoßene Neuling. Von Olaf Selg

 

Zu Beginn seines Buches versetzt der Autor Andreas Blühm seine Leser in eine gar nicht so fiktive Situation: „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zuhause herum. Draußen ist das Wetter ungemütlich, die Kinder quengeln oder lassen sich nicht vom Computerspiel abbringen. Wie wäre es jetzt mit einer Abenteuerreise in die nähere Umgebung? Abenteuer? Wo soll es die denn geben? ... Gehen Sie doch mal ins Museum!“

Gerne. Aber ist es wirklich notwendig diesen Vorschlag öffentlich zu propagieren? Heißt es doch auf dem Buchrücken: „Deutschland hat 1.114 Kunstmuseen und Ausstellungshallen (Institut für Museumsforschung, Stand 2006). Insgesamt kamen mehr als 102 Millionen Besucher in die deutschen Museen, mehr als zur Bundesliga.“ Na gut, Deutschland hat nicht ganz so viele Bundesligavereine, aber rein zahlenmäßig wirkt es so, als sei das Klassenziel „gute Besucherzahlen“ eigentlich erreicht. Und wer will schon immer Schlange stehen... Wobei, ganz ehrlich, der biertrinkende Ultra gerne in seiner Fankurve bleiben darf. Oder doch nicht? Laut über die gezeigten Werke reden soll man nach Blühms Meinung: „Scheuen Sie sich nicht, Ihre Stimme zu erheben und missachten Sie eventuelle mürrische Blicke.“ Lautes und zumeist eitles Gequatsche hin oder her – diese Aussage ist aber schon das Maximum des möglichen, provokativen Verhaltens, das den Rahmen des Anstands ja nicht sprengen darf, egal ob Kunst-, Naturkunde- oder Technikmuseum, denn die Werke dürfen, bitteschön, nicht gefährdet werden.

Natürlich gute Schuhe!

Ansonsten versteht es Blühm durchaus, den Museumsbesuch dahingehend zu entzaubern, dass ihm der scheinheilig-bildungsbürgerliche Touch genommen wird. Ohne pädagogischen Zeigefinger, ohne missionarischen Anspruch wird ein breites Spektrum möglicher Museumsbesuche ins Auge gefasst. Der Besuch könnte als etwas unaufgeregt Ablaufendes ins (Wochenend-)Leben integriert werden. Aber warum noch mehr Normalität? Ist es nicht eigentlich schön, sich auf etwas Besonderes zu freuen? Dabei wird es in jedem Fall bleiben, wenn das Gezeigte für die Besucher entsprechend besonders ist.

Blühm fächert das Thema „Museumsbesuch“ breit auf, nennt merkwürdige Häuser (z. B. Froschmuseum in Münchenstein, Schweiz), wichtige Vorbereitungsmaßnahmen („Was ziehe ich an?“ Natürlich gute Schuhe, nicht schöne.) und Verhaltensweisen auch für Extremsituationen („Ich habe nur eine Stunde Zeit“), verweist auf gute Gründe etwa für als unzureichend empfundene Beleuchtungsverhältnisse oder berichtet über Vorgänge „Hinter den Kulissen“ von Museen.

Das Buch möchte im besten Sinne ein Familienratgeber sein. Die wenigen Tipps für Kinder wirken jedoch etwas verloren für diese viel zu heterogene Zielgruppe; sie genügen allerdings nicht. Bezüglich der Senioren setzt der Band auf natürliche Auslese – in Form von zu kleiner Schrift und z. T. unzureichendem Kontrast bei farbig hinterlegten Textabschnitten – und folgt damit dem Trend vieler Museen mit ihren zu kleinen Beschriftungen, mangelhaften Bestuhlungen etc.

Nichtsdestotrotz: Der ist Band für Unentschlossene und Museumsmuffel zu empfehlen, die nur einen kleinen Anstoß in die Richtung Museumsportal benötigen, und insofern eine jahreszeitengemäße Geschenkidee: Die thematisch abwechslungsreiche Untergliederung, die kompakte Darstellung und nicht zuletzt die auflockernden – oft allerdings mit Brachialhumor arbeitenden – Illustrationen machen das Buch zu einer insgesamt geschmeidigen Schlechtwetterlektüre.

Von Olaf Selg


Andreas Blühm: Fit fürs Museum. Hatje Cantz 2008. 128 S. mit farbigen Illustrationen von Klaus Stuttmann. ¤ 14,80. ISBN 978-3-7757-2091-5

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