TITEL kulturmagazin
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Zoe Leonard - Fotografien.

16.10.2008


Bestandsaufnahme der Wirklichkeit

"Ich zeige Ihnen hier, was ich gesehen und fotografiert, und nicht, was ich erfunden habe." (Zoe Leonard)
Von Matthias Struch

 

Wolkenbilder, gesehen und aufgenommen durch Fenster von Flugzeugen. Luftbilder, gefunden im Überblick auf Unorte und bekannte Städte, Gleisanlagen, Elendsquartiere, Straßenzüge, Paris, Washington, Istanbul, nachts und am Tage, unscharf und kontrastreich. Bilder von Bäumen, in der Natur oder der Stadt, mit Früchten oder verirrten Plastiktüten in den Zweigen. Vogelnester, zertretene Kaugummis, tote Tiere.

Die Fotografin, Installations- und Objektkünstlerin Zoe Leonard (geb. 1961 in New York) ist eine Sucherin und Finderin, eine Sammlerin, und in dieser Leidenschaft ebenso begnadet wie obsessiv. Sie sammelt Bilder und die Wirklichkeit darin. Sie sammelt Spuren, Narben und Strukturen, im Kleinen und im großen Ganzen, der Welt, des Lebens. Dabei thematisiert sie immer wieder Gegensätze und Zusammenhänge von Natur und Kultur, Frau und Mann, Mensch und Tier - anthropologische Diskurse, einfach, klar, verständlich, unakademisch und politisch. Auf der Documenta 9 sorgte die Mitbegründerin des feministischen Kollektivs "Fierce Pussy" mit Schwarzweißfotografien weiblicher Genitalien inmitten von Frauenporträts und mythologischen Frauenszenen für Aufsehen. Viele Jahre fotografiert sie schwarzweiß, später kommt die Farbe hinzu - immer analog. Sie meidet die großen Formate, lässt Kratzer und Verunreinigungen stehen.

Das nun vorliegende schöne Buch gestattet einen umfassenden Blick auf ein beeindruckendes Gesamtwerk. Ein wenig störend die typographische Gestaltung der Texte. Inhaltlich eröffnen sie aber Perspektiven auf Leonards Arbeit. In Urs Stahel Essay findet man Ansätze für die verschiedenen "visuellen Diskussionen" bei Zoe Leonard. Elisabeth Lebovici sucht die "alltäglichen Reibungen" in Leonards Sammlungsbildern, Aufnahmen von Jagdtrophäen und Exponaten anatomischer Sammlungen, während Svetlana Alpers Leonards Arbeit "Analogue" (1998-2007) betrachtet, jenes Bildarchiv vernachlässigter Ladenfronten in der Umgebung der Lower East Side in New York, es als "spannende Würdigung archivalischer Fotografie" einschätzt und nahezu folgerichtig beim Vergleich mit Eugene Atgets Bestandsaufnahmen von Paris landet: eine Bestandsaufnahme, archäologisch, soziologisch, historisch und wieder auch politisch.

Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur anlässlich einer Ausstellung Ende 2007/Anfang 2008, die von Urs Stahel und Zoe Leonard selbst konzipiert wurde, und die vom 30.10.2009 bis 28.02.2010 im Museum Moderne Kunst Stiftung Ludwig in Wien zu sehen sein wird.

Von Matthias Struch












Urs Stahel (Hg.): Zoe Leonard – Fotografien. Mit Texten von Urs Stahel, Elisabeth Lebovici und Svetlana Alpers. Buchgestaltung: Trix Wetter und Iza Hren. Steidl 2007. 262 S. mit 150 Tritone-Tafeln. ¤ 50,00. ISBN 978-3-86521-661-8

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