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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 03:25

     

    Martin Eder: Die Armen

    21.08.2008

    Aktfotos – gegen den Strich

    Wer bis jetzt keinen Draht zu den Bildern von Martin Eder gefunden hat, weil ihm etwa die gemalten Perserkatzen-Nackedei-Kombinationen unter Kitschverdacht standen und das „Lolita“-Genre nun mal für immer und ewig an Balthus vergeben ist, möge es jetzt mit seinen Fotografien mehr oder weniger entblätterter Frauen versuchen.
    Von Olaf Selg

     

    Eder bewegt sich weiterhin gerne unter Nackten, mit seinem Inszenierungsschema „weiße Haut vor dunklem Hintergrund“ scheint er jedoch formal wie inhaltlich den bewussten Kontrast zu seiner Malerei zu suchen. Und sein Pathos hat er ins Verbale verlegt: „Ich möchte gerne in aller Öffentlichkeit die gesamte Tragik des fleischlichen Dramas verkünden“, sagt Eder in einem Werkstattgespräch mit Helmut Ziegler.

    Wohlan, das ist gelungen. Denn die „Tragik des fleischlichen Dramas“ liegt einerseits in den unterschiedlichsten Ausformungen, die dieses Fleisch am Körper annehmen kann, und andererseits in der Fragwürdigkeit, dies – bis hin zu blauen Flecken und körpererweiterndem Intimschmuck – der Welt in jedem Fall zeigen zu wollen: Sind wir inzwischen alle ein bisschen Porno?

    Aber es gelingt Eder mit seinem Ansatz, der Top-Model-Manie eine realistische „Nachbarschaftserotik“ entgegenzuhalten, selbst wenn dies wohl nicht seine ursprüngliche Motivation war. Darüber hinaus interessiert ihn nicht einfach der schon tausendfach im Internet präsente Griff oder Blick in den Schritt – hier wie dort oftmals ein ungewolltes Plädoyer gegen die Schamhaar-Rasur –, sondern wohl eher die Frage, wie Frauen in einer Welt omnipräsenter Nacktheit mit ihrem Körper umgehen, in der Spannung zwischen medial vermittelten Inszenierungsklischees und dem betont „eigenen Stil“. Dies geschieht auf unterschiedliche Art und Weise: Mal meint man eine ironische Imitation dieser Klischees zu erkennen, mal scheint Eder genau den (fragilen) Moment eingefangen zu haben, in der sich das Modell seiner Situation nicht bewusst war.

    Sind die einen nun ärmer dran als die anderen? Oder wir, die sexsüchtigen Betrachter gar? Auf die Frage, wer denn nun „Die Armen“ seien, antwortet Martin Eder knapp: „Wir alle“ – vielleicht die einzige, allerdings verbale und nicht fotokünstlerische Schwachstelle des Bildbands. Damit dies hier jedoch nicht der letzte Eindruck bleibt, zum Abschluss noch ein Sprachschmankerl: „Wir leben in einer Wunschwelt und werden dort mit Schnullern um unseren eigentlichen Hunger betrogen.“

    Von Olaf Selg



    Martin Eder: Die Armen. Prestel 2008. Deutsch/Englisch. 128 S. mit 120 farbigen Abb. ¤ 39,95. ISBN 978-3-7913-402

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