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Donnerstag, 23. März 2017 | 05:15

 

Patterns 2. Muster in Design, Kunst und Architektur.

12.06.2008

Trotzdem*

Der Nachfolgeband des außerordentlich erfolgreichen Muster-Buches „Patterns. Neue Muster in Design, Kunst und Architektur“ tritt nicht nur in die Fußstapfen des Vorgängerbandes, sondern geht weit darüber hinaus.
Von Birgit Seidel

 

Die Fülle von Patterns 2 ist beinahe erschlagend. Das üppige Bilder-Feuerwerk, die unzähligen Anspielungen und Neuinterpretationen traditioneller Muster und Ornamente, die vielen schwergewichtigen Namen aus der Kunst-, Architektur oder Designszene – so viel können die Augen auf einmal gar nicht aufnehmen. Und trotzdem sieht man sich nicht satt.

Wie schon der erste ist auch der zweite Band alphabetisch sortiert – von Anni Albers über Daniel Buren, Thomas Demand, Andreas Gursky und Kengo Kuma, Michael Lin, Patricia Urquiola bis zu Toby Ziegler – jeweils im Anhang ergänzt durch Kurzbeschreibungen der Projekte und Biografien der Künstler, Architekten und Designer. Das Spektrum der Bildbeispiele wurde um Modedesign und der Visualisierung naturwissenschaftlicher Vorgänge erweitert. So erzeugt beispielsweise Neil Banas durch Computersimulation grafische Darstellungen pflanzenähnlichen Wachstums und David Gensler und Aerosy-Lex Mestrovic vom Modelabel Savant orientieren sich bei ihren Entwürfen an historischen Mustern der arabischen Kultur.

Muster und Moderne – moderne Muster

Die beiden einleitenden Texte, das Vorwort der Herausgeberinnen Barbara Glasner, Petra Schmidt und Ursula Schöndeling und der Essay von Markus Zehentbauer über das „Musterbeispiel Moderne“, binden die ganzseitigen, teilweise sogar doppelseitigen Farbabbildungen mit ihrer vordergründig puren dekorativen Ästhetik in einen größeren kunstgeschichtlichen Kontext ein. „Was gegenwärtig stattfindet, ist eine Wiedergeburt des geometrischen Musters aus dem Geist der Moderne“ beschreibt Markus Zehentbauer. Man sollte „...nicht von einer Rückkehr, sondern von einer Fortsetzung der Geschichte des Musters sprechen.“

100 Jahre nach Adolf Loos Aufsatz „Ornament und Verbrechen“ erscheint die Architekturzeitschrift „Baumeister“ mit dem Untertitel „Ornament und Versprechen“ (Baumeister B6/08 nachhaltig gebaut; Interior: Ornament und Versprechen). Heinz Emigholz dreht einen Film über den Verfasser der Schrift, Loos ornamental, Architektur als Autobiografie – Adolf Loos (Photographie und jenseits – Teil 13. Österreich/Deutschland 2007. 35mm | Farbe | 1:1:37 | 72 Minuten | Dolby Digital. Konzept, Regie, Kamera und Schnitt Heinz Emigholz). Und im Schweizerischen Architekturmuseum S AM Basel wurde Ende Mai die Ausstellung „Ornament neu aufgelegt – Re-Sampling Ornament“ eröffnet. Generieren die neuen, oft digitalen, Entwurfs- und Verarbeitungsverfahren eine neue komplexe Ästhetik des Musters? Welches neue Verständnis von Ornament und Muster entwickeln und entwerfen Gestalter momentan?

Stellte der erste Band von „Patterns“ noch eine Art Bestandsaufnahme der Tendenzen dar, die sich beginnen in Architektur, Design und Kunst abzuzeichnen, so thematisieren die Herausgeberinnen im zweiten Band verstärkt die unterschiedlichen Rezeptions- und Konstruktionsweisen von Mustern.

Muster strukturieren, irritieren, dynamisieren

Muster entstehen durch Wiederholung. Dadurch tragen sie das Prinzip der Ordnung bereits in sich und repräsentieren eine ihnen innewohnende Vollkommenheit und Schönheit. Betrachtet man Projekte wie den Geodätischen Dom von Buckminster Fuller für die Weltausstellung 1976 in Montreal, so kann das Muster selbst zum Konstruktions- und Ordnungsprinzip für neue Objekte werden.

Aber Muster ordnen nicht nur. Sie lenken auch ab, verdecken, überlagern, verschleiern – all das, was Adolf Loos als abstoßend und unzivilisiert empfand, setzen heute Gestalter absichtlich ein, um neue Sichtweisen zu erzeugen und alte zu untergraben. Absichtliche Störungen der Struktur und gewollte Mehrdeutigkeit führen beim Betrachter zu Irritationen. Oder zu Heiterkeit. Diese suggestive Kraft löst das Muster von der Fläche und lässt es spielerisch all unsere Sinne berühren. Und auch der Altmeister Adolf Loos konnte sich der pulsierenden Kraft nicht gänzlich entziehen, schrieb er doch in seinem Aufsatz über das Ornament: „Alle Kunst ist erotisch.“ Trotzdem.

Birgit Seidel

*Trotzdem, so lautet der Titel der Schriftensammlung von Adolf Loos, 1931 im Georg Prachner Verlag, Wien, von Adolf Opel herausgegeben; hierin auch der Artikel „Ornament und Verbrechen“ von 1908.












Abb.: Thom Faulders Architecture/Studio M, Airspace Tokyo, 2006

Barbara Glasner; Petra Schmidt; Ursula Schöndeling (Hrsg.): Patterns 2. Muster in Design, Kunst und Architektur. Birkhäuser Verlag AG, 2008. Geb. 335 S. mit 315 Farbabbildungen. 55,98 Euro. ISBN-13: 978-3-7643-8643-6.

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