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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 18:45

     

    W.J.T. Mitchell: Bildtheorie

    29.05.2008

    Wie das Bild Wissen schafft

    Wer Kunstgeschichte betreibt, nennt sich heutzutage gerne Bildwissenschaftler. Der wohl interessanteste Vordenker dieses akademischen Trends, W.J.T. Mitchell, macht nun Suhrkamp erstmals der deutschen Öffentlichkeit zugänglich.
    Von Sebastian Karnatz

     

    Die Geisteswissenschaften denken gerne in turns. In den letzten Jahrzehnten wurden sie wahlweise vom linguistic, cultural, performative oder spatial turn heimgesucht. Diese methodischen Wendepunkte lenken den Blick der Forschungsgemeinde jeweils auf neue Themengebiete, neue Zusammenhänge und – ganz wichtig! – neue Theoreme. Eine der jüngsten und zweifellos wichtigsten Moden dieser wissenschaftlichen Debattenkultur ist der so genannte pictorial bzw. iconic turn. Doch schon bei dieser bipolaren Namensgebung beginnen die ersten Probleme. Sprechen Kunstwissenschaftler im Gefolge des Kunsthistorikers und Gadamer-Schülers Gottfried Boehm von einer ikonischen Wende, so publizieren vor allem Kultur- und Literaturwissenschaftler über ähnliche Phänomene, mit ähnlichen Forschungsansätzen nach W.J.T. Mitchell unter dem Motto des pictorial turns.
    Als wäre diese babylonische Begriffsverwirrung nicht schon irritierend genug, befehden sich die beiden namensgebenden Herren auch noch recht heftig in einem jüngst veröffentlichten Briefwechsel. Was steckt also hinter diesen vermeintlichen Fachdebatten? Es geht um nichts weniger als eine generelle Neubewertung der Aufgabengebiete der Disziplinen Kunstgeschichte und Ästhetik; um nichts weniger als eine grundlegende Neujustierung des sprachlichen und gedanklichen Analysebestecks jeglicher an visuellen Phänomenen interessierter Forschungsrichtung.

    The marriage of illumination and text

    So zumindest mag es einem unbeteiligten Zuschauer erscheinen, wenn er sich mit ausgewählten Fachvertretern unterhält. Neben den beiden ähnlich lautenden turns tummeln sich an prominenter Stelle nämlich auch noch Hans Beltings Bildanthropologie und Horst Bredekamps reformierte Kunstgeschichte.
    Die deutsche Universitätskunstgeschichte jedenfalls hat scheinbar den Trend erkannt und die Weichen für einen neuen Fachboliden namens Bildwissenschaft gestellt, der sich grundsätzlich mit der Eigengesetzlichkeit der Bilder auseinandersetzen soll. Der Suhrkamp Verlag hat es sich nun – verdienstvollerweise – zur Aufgabe gemacht, auch interessierte deutsche Leser und Betrachter an den oftmals hermetisch wirkenden, interdisziplinären bildwissenschaftlichen Diskurs heranzuführen, indem die wichtigsten Aufsätze W.J.T. Mitchells nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung aufgelegt werden.

    Mitchell ist promovierter Literaturwissenschaftler und lehrt an der University of Chicago Englisch und Kunstgeschichte. Dabei führte ihn schon seine erste akademische Arbeit in ein fachliches Grenzgebiet. Unter dem Titel Blake’s Composite Art: A Study of the Illuminated Poetry legte er 1977 eine Untersuchung zum spezifischen Zusammenwirken von Text und Illustration in den Werken des britischen Frühromantikers William Blake vor. Dies scheint geradezu Mitchells wissenschaftliches Erweckungserlebnis für spätere Forschungen gewesen zu sein: Die Erfahrung des mangelnden Instrumentariums, um die komplexen Zusammenhänge von Text und Bild, von logos und eikon, zu beschreiben.

    Was dieser Dissertation folgt, ist eine erstaunliche akademische Karriere: Mitchell wird zum Vater des pictorial turns und gleichzeitig zur Gründungsfigur einer neuen, vor allem im angelsächsischen Bereich höchst einflussreichen Forschungsrichtung. Unter dem Banner der Visual Culture Studies schlossen sich Wissenschaftler verschiedenster Couleur – Literatur-, Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaftler – zusammen, um den Geheimnissen des Visuellen auf die Spur zu kommen.

    Der Übervater dieser neuen Strömung, also Mitchell selbst, scheint jedoch den Unternehmungen seiner Jünger durchaus auch kritisch gegenüberzustehen. So verteilt er Ratschläge an eine „sich bereits entwickelnde interdisziplinäre Formation“, die er gerne produktiv, provokativ und undiszipliniert (sic!) sehen würde. Das heißt aber gleichzeitig, dass er eine einseitige, modische Fachausrichtung namens Visual Culture Studies nicht in allen Fällen gutheißt.

    Ein flammender Aufklärer


    Dem durch diverse, sich widersprechende Theoreme geplagten Beobachter der zeitgenössischen bildwissenschaftlichen Debatte kann bei der Lektüre der Streitschriften Mitchells doch ab und an das Herz aufgehen. Im Gegensatz zum Groß seiner Fachkollegen besitzt er nämlich zwei Eigenschaften, die seine Schriften nahezu monolithisch aus dem Meer der jüngsten Bildtheorien herausragen lassen: Humor und den Willen zur Selbstkritik. Letztere ist auch der Schlüssel zu seinen Arbeiten. Mitchell startet seine zweite Karriere 1986 mit seiner bahnbrechenden Publikation „Iconology“, von der weite Teil auch im vorliegenden Band abgedruckt sind. Statt der eigentlich intendierten bildtheoretischen Abhandlung gelingt Mitchell allerdings nur – in Anführungszeichen versteht sich – eine tiefe Einsicht in die wahrnehmungs- und mentalitätsgeschichtliche Bedingtheit jeglicher kunsttheoretischen Äußerung.
    Der linke Kritiker Mitchell kann hier auf ein breites bildungsbürgerliches Wissen zurückgreifen und entdeckt ideologische Grundierungen in nahezu sämtlichen Bildtheorien - von Platon und Aristoteles über Lessing bis in die Gegenwart. Statt einer Theorie der Bilder erschafft er eine Geschichte der Angst vor den Bildern, eine Kritik der Bildkritik.

    Mitchell schreckt dabei selbst vor der Dekonstruktion seines eigenen geistigen Rüstzeugs nicht zurück. Penibel weist er auch bei sich selbst eine Ideologie nach und versucht seine Säulenheiligen Marx und Wittgenstein ebenfalls einer gründlichen Dekonstruktion zu unterziehen. In diesen Zeilen tritt ein aufrichtiger Streiter für einen säkularen Bildbegriff vor uns, ein Aufklärer mit dem flammenden Schwert des kritischen Geistes. Man versteht wie Mitchell und seine deutsches Pendant Gottfried Boehm aneinander geraten konnten – der kritische Ikonologe und der Bildhermeneutiker; der säkulare Aufklärer und der metaphysische Bildtheoretiker. Wo Boehm von Bildern als ‚spannungsgeladenen real-irrealen Körpern’ spricht, vermeidet Mitchell jegliches metaphysisches Vokabular und pflegt die Methode des exakten, alles hinterfragenden Blicks:
    Was immer der Pictorial Turn also ist, es sollte doch klar sein, daß er keine Rückkehr zu naiven Mimesis-, Abbild- oder Korrespondenztheorien von Repräsentation oder eine erneuerte Metaphysik von pikturaler »Präsenz« darstellt: Er ist eher eine postlinguistische, postsemiotische Wiederentdeckung des Bildes als komplexes Wechselspiel von Visualität, Apparat, Institutionen, Diskurs, Körpern und Figurativität.

    Mitchell ist also weniger an der Begründung einer neuen Theorie als an der generellen Kritik jeglicher Bildtheorie gelegen. Seine Aufsätze können ohne Frage dazu beitragen, das visuelle Analysebesteck zu schärfen. Andererseits entkommt aber Mitchell der grundlegenden Aporie einer derartigen Metatheorie nicht: Wer alles für angreifbar erklärt, kann auch sich selbst nicht trauen.

    Das Bild will dich!


    Sichtbar wird dieses Dilemma vor allem im Aufsatz „Was wollen Bilder wirklich?“. Hier verknüpft Mitchell seine theoretischen Ausführungen mit kurzen, ausgewählten Bildanalysen. Anhand des allseits bekannten Werbeplakats für die U.S. Army – „I want you“ – führt er in die Praxis der visuellen Theorie ein. Was nun folgt, ist zwar eine mit allen kulturhistorischen, psychologischen und soziologischen Wassern gewaschene Analyse, aber nichts, was nicht auch die Nachkriegskunstgeschichte spätestens seit den 60er Jahren ähnlich zu Papier gebracht hätte; von der nach wie vor beeindruckend komplexen Bildtheorie Aby Warburgs einmal ganz abgesehen.
    Mitchell leugnet jedoch derartige kritische Punkte nicht. Schon im Gründungsdokument des neuen turns erklärt er sich über Umwege zu einem Warburgianer im zweiten oder dritten Verwandtschaftsgrad. Es ist nämlich ausgerechnet der von der akademischen Kunstgeschichte immer wieder als zu logozentrisch gescholtene Warburg-Intimus Erwin Panofsky, den er als Kronzeugen seiner visual cultures aufruft. Dies verbindet er allerdings mit einer wunderbaren Volte, die bereits heute zum festen Legendenmaterial der modernen Geisteswissenschaften gehört: Mitchell strebt die Synthese von Panofskys bildungsbürgerlicher Ikonologie und Louis Althussers Ideologiekritik an. Indem er diese grundverschiedenen Ansätze vereint, schafft er eine neue methodische Disziplin, die das Beste beider Welten vereinen könnte – eine kritische Ikonologie.

    Ohne Zweifel werden Mitchells Theoreme die Kunstwissenschaften noch lange beschäftigen. Sie sind der bislang substantiellste Versuch, den mit den Bildern befassten Wissenschaftlern ein erweitertes Arsenal an Analysemethoden an die Hand zu geben. Dem Suhrkamp Verlag gebührt das Verdienst diese Aufsätze nun auch dem deutschsprachigen Publikum – in einer von verschiedenen Übersetzern akkurat angefertigten Übertragung – in einem Band zugänglich gemacht zu haben. Daher kann man getrost über die nicht ganz gelungene Anordnung der Texte, die eine konzise Bildtheorie inklusive Vorwort suggeriert, hinwegsehen. Das schöne Nachwort von Gustav Frank wurde irritierenderweise mit dem Titel „Pictorial und Iconic Turn. Ein Bild von zwei Kontroversen“ überschrieben. Es bietet jedoch vor allem eine kompetente Erläuterung zu den abgedruckten Texten Mitchells und zur allgemeinen Einordnung seiner Theoriemodelle.
    Wer sich mit den Bildwissenschaften und deren intellektuellen Grundlagen beschäftigen will, der kommt an Mitchells „Bildtheorie“ jedenfalls nicht vorbei.

    Sebastian Karnatz



    W.J.T. Mitchell: Bildtheorie. Suhrkamp Verlag 2008. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Gustav Frank. Aus dem Amerikanischen von Heinz Jatho. 497 Seiten. 32,80 Euro.

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