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    Dienstag, 25. April 2017 | 14:21

     

    Gert Selle: Geschichte des Design in Deutschland

    21.02.2008

    Design oder Nichtsein?

    Gert Selles „Geschichte des Design in Deutschland“ ist inzwischen längst zu einem Standardwerk der Designgeschichte geworden. Hinter der musealisierten Hülle versteckt sich jedoch auch heute noch ein recht lebendiger Führer durch die Welt der Produktkultur.

     

    Wir leben in einer durchgestylten Welt. Alles von der Kaffeemaschine bis hin zum Sportgerät – man denke nur an den neuesten Fußball aus dem Hause Adidas – folgt einer gewissen ästhetischen Maxime. Diesem Phänomen trägt auch die Verlagswelt Rechnung: An so genannten Coffee Table Books über die Geschichte des Designs mangelt es nicht. Mit perfekt ausgeleuchteten Hochglanz-Photographien und trendgerechtem Produkt-Styling erklären sie uns die Welt des Designs. Auch der akademische Betrieb hat das Design und seine verschiedenen Facetten längst zum Thema gemacht.
    An der Schnittstelle von Wissenschaft und Allgemeinbildung operiert Gert Selle, der mit seiner „Geschichte des Design in Deutschland“ weder eine hochspezielle Abhandlung noch ein reines Bilderbuch vorlegen will. Selles Designgeschichte ist allerdings selbst bereits historisch geworden. Eine erste Auflage erschien 1978, seither wurde das Buch in regelmäßigen Abständen immer wieder erweitert und an die jüngsten Entwicklungen angepasst. Und in der Tat kann man sich bei der Lektüre der neuesten Auflage des Klassikers nicht über mangelnden Gegenwartsbezug beklagen. Die Literaturangaben reichen bis ins Jahr 2007 und Selle bespricht neben den altbekannten Designikonen auch das virtuelle Design von Second life.

    Designgeschichte als Kulturkritik

    Seinem ursprünglichen Analyseansatz ist Selle jedoch seit 1978 treu geblieben: Designgeschichte als „Einführung in den Zusammenhang von Ökonomie, Technologie, Soziologie, Psychologie, Morphologie und Ästhetik industrieller Produktformen“. Wer nun also aufgrund dieser Programmatik eine doch eher anstrengende Lektüre erwartet, der irrt gewiss nicht. Selle verlangt seinen Lesern einiges ab und macht auch vor nicht unbedingt spritzigen, ausufernden designtheoretischen Reflexionen nicht Halt.
    Den eher theorielastigen Eindruck verstärkt auch die spärliche und konsequent in schwarz-weiß gehaltene Bebilderung des Buches. Selles Designgeschichte versteht sich schließlich als „analytischer Textband“ nicht als Zierde für den Wohnzimmertisch. Nimmt der geneigte Leser aber die Mühen dieser Designgeschichte in Kauf, so wird er postwendend mit allerhand Wissenswertem und klugen Beobachtungen über die ökonomische Abhängigkeit des Designs von industrieller Fertigung und allgemeinem Zeitgeist belohnt.

    Eine menschenverachtende Gebrauchsform?

    Dabei darf man sich jedoch von der politischen Ausrichtung seiner Ausführungen nicht abschrecken lassen. Selles Designanalysen sind konsequent kulturkritisch gehalten, eine rein ästhetische Formanalyse der einzelnen Gegenstände erscheint ihm generell als unzulässig: Mit ausschließlich „kunsthistorischem Besteck“ komme man dem Geheimnis des Designs nicht auf die Spur. Diese – gerade heutzutage – bewundernswert politische Einstellung treibt jedoch ab und an durchaus seltsame Blüten. So kann Selle, in seinen Denkschemata selbstverständlich konsequent, dem Volksempfänger einerseits eine „ästhetisch befriedigende und funktional übersichtliche Produktform“ zusprechen, ihn jedoch andererseits als bestialisches Instrumentarium der Diktatur brandmarken: „Ursprünglich sollte es durch Schlichtheit und Zweckmäßigkeit der Form überzeugen und hätte es ein Radio für alle werden können. Geworden ist es ein Radio gegen alle. An seine Gebrauchsgeschichte sollte sich jeder erinnern, der diese skulptural einprägsame Form im Museum oder auf Abbildungen zu Gesicht bekommt. Sie ist mit den zwölf finstersten Jahren deutscher Geschichte unlösbar verbunden.“
    Trotz – oder gerade wegen – dieser stark politisierten Lesart des Alltagsdesigns gehört gerade das Kapitel über das Design im Nationalsozialismus zu den spannendsten Teilen dieses Buches. Auch der erhellende Vergleich der Produktkulturen beider deutscher Nachkriegsstaaten profitiert von der politischen Ausrichtung der Analysemethode.

    Keine bequeme Nachttischlektüre

    In einem abschließenden Kapitel wagt Selle gar einen Ausblick. Er spricht von einer „Disziplin im Wandel“, die sich sowohl dem digitalen Erscheinungsbild unserer Zeit, als auch einer veränderten Produktkultur anpassen müsse. Schließlich verstecke sich gutes Design heute oftmals hinter einer weitgehend belanglosen Oberfläche – als Beispiel hierfür können zweifellos die unzähligen verschiedenen Handydesigns gelten, deren wahre Klasse sich in anderen Punkten wie Menüführung und Technologie manifestiert.
    Selles deutsche Designgeschichte bietet einen anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung der Produktkultur in Deutschland. Sie regt zur Reflexion – und damit selbstverständlich auch zum Widerspruch – an und gibt erhellende Einblicke in die verschiedenen Produktionszusammenhänge. Zur bequemen Nachttischlektüre eignet sie sich allerdings kaum.

    Sebastian Karnatz


    Gert Selle: Geschichte des Design in Deutschland
    Campus Verlag, Frankfurt, New York 2007,
    442 Seiten, 39.90 Euro.


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