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Jacob Holdt: United States 1970-1975.

19.04.2007


Eine Zeit, die stehen bleibt?

Jacob Holdt bewegt sich mit seinen Bildern auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Ästhetisierung von Armut und Drogensucht, Gewalt und Tod.

 

Fast zeitlos erscheinen die Bilder von Jacob Holdt (geb. 1947 in Kopenhagen). Sie entstanden schon vor über 30 Jahren, als Holdt 1970 bis 1975 die USA besuchte. Was eigentlich als Durchreise nach Südamerika geplant war, wurde zu einer langjährigen Entdeckungsreise. Eigentlich ist "Entdeckungsreise" aber der falsche Begriff, denn Holdt fühlte sich weniger als Reisender bzw. Tourist, sondern als mit(er)lebender Beobachter, und er wollte auch nicht Amerika entdecken und schon gar nicht das Elend, sondern es begegnete ihm. Dass er dann über 15.000 (!) Fotos gemacht hat, verdankt er seinem Vater, der ihm eine einfache Kamera quasi zur Beweisführung schickte, da er die brieflichen Schilderungen seines Sohnes über die Zustände in Amerika nicht glauben konnte. Holdt ist also kein gelernter Fotograf, sondern Autodidakt. Und er will in seinen Fotografien auch keine ästhetischen Ansprüche erfüllen. Dieses unprätentiöse Vorgehen ist vielleicht gerade eine Voraussetzung für Fotos, die auch heute noch beeindrucken und die man so oder so ähnlich auch heute immer noch in den USA – und anderswo – schießen könnte.

Apropos schießen: arme Afro-Amerikaner und bewaffnete weiße Mittel- und Oberklasse, diese schwarz-weiß-Malerei fasst den Kontrast, den der Band zeigt, und damit auch den real gelebten Rassismus wohl am treffendsten zusammen. Die Bilder von den Weißen sind zwar nur stellenweise eingestreut, aber um so gezielter dienen sie der Verdeutlichung des Elends der übrigen Bevölkerungsgruppen.

Es ist fast zu empfehlen, den mit knapp acht Textseiten eher kurzen, aber sehr lesenswerten Essay von Christoph Ribbat, "Hunger und Nähe: Jacob Holdt", am Ende des Bandes vor dem Betrachten der Bilder zu lesen. Er schildert einfühlsam Holdts Vorgehen, anstatt sich mit cooler Katalogprosa im fachlichen Diskurs zu verlieren und damit eine Distanz zum Geschehen aufbauen. Er hebt Holdts – zufällige oder "meisterhaft gestaltete" – "Szenen, Gesten und Gesichter" hervor, umreißt Holdts Haltung folgendermaßen: "Er macht High Art aus Low Tech, wie ein Wunderkind, das Flamenco auf einer Plastikgitarre spielt. Der Haken ist: Ihm selbst ist all das ganz egal." Und Ribbat macht treffend auf die drohende Konsequenz für Holdt durch die Präsentation der Fotos aufmerksam: "Keine Gewalttat, keine Anfeindung deprimierte ihn so sehr wie die Gewissheit, dass das etablierte Publikum seine Berichte blasiert in den kulturellen Mainstream integriert. Seine schockierenden Bilder verpuffen im Nichts. Die Stadt macht weiter wie bisher."
Indem Holdt seine Bilder veröffentlicht, trägt er letztendlich zur Ästhetisierung von Armut bei. Was tun? Er selbst hat seine Bilder insbesondere auf Vorträgen wortreich erläutert, auch in der ersten Buchveröffentlichung "American Pictures" (1977) wurden sie von viel mehr Text begleitet. Der Vorteil: die Bilder können dann eigentlich nicht gegen den Strich gesehen werden und zum reinen "Kunstwerk" werden. Der Nachteil: zu viel Pädagogisierung mindert die Wirkung der Bilder.

Im vorliegenden Band erläutern neben dem Essay noch einige in einen Anhang gestellten Anmerkungen von Jacob Holdt selbst die Entstehungssituationen der abgebildeten Fotos – eine gute Zwischenlösung, denn damit gewinnen die reinen Bildaussagen an Bedeutung, ohne dass sie tatsächlich ort- und zeitlos ästhetisiert werden.

Die zugehörige Ausstellung ist bis zum 03.06.2007 im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

Von Olaf Selg








Abb.: Hunger in Amerika 1975. Bethel, North Carolina.

Jacob Holdt: United States 1970-1975. Steidl 2007, 272 S. mit 85 farbigen Abb., 32,00 ¤, ISBN 978-3-86521-431-7

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