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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 18:48

     

    Axel Ritter: Smart Materials

    21.12.2006

     
    Schlaue Baustoffe

    Diese subversive Schrift sollte man frühzeitig Bauwilligen unterjubeln...

     

    Erlauben Sie mir, persönlich zu werden. Dieses Buch wirkt ungemein optimistisch, noch bevor ich es aufschlug grinste ich dümmlich. Es hatte was von Wieder-Erkennen, ein Buch im sperrigen Querformat (na ja, ein bisschen im Querformat ist ehrlicher), im Tapetendekor gebunden, Glanzfolie dabei (später sah ich sie nachglimmen), und der Titel auf einer Art Etikett vermerkt, wie es beim Marmeladekochen Verwendung findet. Auf dem Buchrücken eine schwarze Kartusche, silberumrahmt, und wie auf dem Etikett natürlich nur in Kleinbuchstaben beschriftet, erstaunlich das Verlagslogo an dieser Stelle dann doch ganz ernsthaft abgedruckt zu sehen.

    Nebensächlichkeiten, gewiss. Mir blieb mein Vergnügen auch bei Betrachtung des Inhaltsverzeichnisses erhalten, hier finden Format-Schlachten statt, Versalien, Fettdruck, Umrahmungen, pastellene Farbfelder und graue Verbindungsmuster, die einander gegenüberliegende Blätter im Buch aus reiner Spielfreude zusammen halten, und natürlich zitieren sie die Schattenflächen früher Textverarbeitungstitanen. Der Satzspiegel ist dann ganz manierlich, die Wildheit etwas zurückgenommen, doch wäre der Zierrat nicht, so könnte man diesen Katalog kaum goutieren. Reichlich Farbfotos halten das Interesse wach. Ein Guckbuch! Ich habe auch dran geschnüffelt, aber es roch vor allem neu.

    Natürlich will der Autor uns auch was sagen. Viel lieber aber will er uns was zeigen: Dass es reichlich aufregende, auch unerhörte und manchmal verblüffende Dinge gibt, noch nicht zwischen Himmel und Erde verbaut, aber auf dem besten Weg dahin, und dass diese Dinge fast schon bereit liegen und es nur etwas mehr Spiellust und Vorurteilsfreiheit braucht, sie sich zu schnappen und damit zu werkeln. Axel Ritter vermittelt sein Wissen um die schlauen Baustoffe mittels einer gigantischen Tabelle, denn das ist dieses Buch in Wirklichkeit. Damit steht ihm ein fähiges Ordnungssystem zur Verfügung. Nach einigen einführenden Erläuterungen und Seitenblicken auf andere Fabrikationsaufgaben als die von Bauwerken werden drei große Hauptgruppen der smart materials vorgestellt: solche, die ihre Eigenschaften variieren können, energieaustauschende und zuletzt materieaustauschende.

    Sie können sich darunter nichts vorstellen? Nun, selbst der Fachmann Ritter benötigt einige Seiten seines vergnüglichen Buches, um klar zu machen, was diese smart materials denn nun sind oder eben nicht sind. Ich will Ihnen ein Beispiel geben.

    Zur Gruppe der eigenschaftsvariierenden smart materials gehören auch formvariierende. Einige von diesen tun dies in Abhängigkeit von der Temperatur, von ihrer eigenen Temperatur oder der ihrer Umgebung. Es gibt welche, die sich dehnen können, oder schrumpfen. „Dehnstoffe (DS) gehören zu den PTEMs [ich übersetze es Ihnen: Positive Thermal Expansion Materials], die geeignet sind als druckstellende Medien in z.B. kolbengeführten Arbeitselementen (Linearaktoren) Arbeit zu verrichten.“ Zitat Ende, es geht immer so weiter, Sie würden diese faktengespickten Kurzabhandlungen vermutlich freiwillig nur lesen, wenn Sie Werkstoffjunkie oder Chemielaborant wären. Mich zumindest hat die Neugier immer noch einen Informationshappen mehr einschlingen lassen, aber ich lese manchmal auch gerne Lexikon – verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Man findet kaum wieder heraus.

    Übrigens gehört aus den Alkoholen Glycerin in diese Gruppe der Dehnstoffe, doch bedeutender sind die Alkane. Ritter gibt zur jeden Stoffgruppe architekturrelevante Beispiele an, erläutert deren bauspezifische Eigenschaften, spricht über ihre Verfügbarkeit und nennt Risiken der Verwendung, aber auch beim Hantieren mit ihnen. Natürlich wird einiges zur Herstellung und zur historischen Entwicklung aufgeführt. Und kleine Schnittzeichnungen und aufwendige Detailfotos wenden sich an uns fernsehverwöhnte Sendung-mit-der-Maus-Gucker, die alles irgendwann schon mal gehört oder doch zumindest gesehen haben.

    Wo irgend möglich werden Architekturen abgebildet. Die Anzahl der behandelten Stoffe ist immens, die Informationsdichte trotz (oder erst aufgrund) des spielerischen Buchdesigns enorm. Am meisten aber frappiert der Optimismus dieses Werkes. Haben wir doch erst die neue Einfachheit, dann den immer lauernden radikalen Minimalismus und das lyrisch-straffe Bauen der Vorarlberger zu würdigen verinnerlicht: Hier wird einer bunteren, vielfältigeren und hemmungslos zukunftfreudigen Materialgerechtheit der Pfad bereitet. Ohne Polemik, die erlaubt sich eigentlich nur der Rezensent, und der empfiehlt das Buch nun eigentlich jedem, der mit Bauen zu tun hat. Nein, ich habe nicht geprüft, ob jemand anders dieses Thema nicht schon tiefer, weiter oder feinsinniger abgehandelt hat. Es gibt derzeit durchaus einiges zu neuen Materialien in den Regalen. Schade dass ich noch niemands Haus um solche Stoffe bereichern konnte. Diese subversive Schrift sollte man frühzeitig Bauwilligen unterjubeln... Ich jedenfalls bin infiziert.

    Torsten Frömchen


    Axel Ritter: Smart Materials
    in architektur, innenarchitektur und design.
    100 schw. - w. und 250 farbige Abbildungen.
    Birkhäuser Verlag AG, November 2006
    gebunden. 191 Seiten. 69,90 Euro
    ISBN: 3764373261

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