TITEL kulturmagazin
Montag, 27. Februar 2017 | 19:09

 

Michael Reisch. Virtuelle Fotografie.

24.08.2006


MENSCHENLEER

Der Fotokünstler Michael Reisch erschafft am Computer virtuelle Lebensräume. Lebensräume?

 

Einst war die Natur menschenleer, dann kam der Mensch daher und bevölkerte fast den letzten Winkel. Doch nicht nur das. Zumindest in unseren Breitengraden ist auch kein Landstrich mehr denkbar ohne ein Zeichen der Zivilisation, sei es eine Straße oder mindestens ein Strommast.
Nun gibt es schon länger Bemühungen, zivilisatorische Einflüsse wieder verschwinden zu lassen; Naturschutzgebiete werden angelegt, unsinnige Flussbegradigungen zurückgebaut etc. Die inzwischen künstliche Natur soll – abermals nach den Vorstellungen des Menschen – wieder natürlicher gemacht werden.

Was in der Realität eine Sache jahrelanger Planungs- und Genehmigungsverfahren verschiedenster Behörden ist, kann am Computer wesentlich schneller und nahezu im Alleingang geschehen. Michael Reisch (geb. 1964 in Aachen) übernimmt die Regie über die Umwelt, entfernt aus seinen Fotos der Serie 1/Landscape alle menschengemachten Merkmale und baut sich sattgrüne Wald- und Wiesenlandschaften und virtuelle Traumhügel. Erst auf den zweiten Blick wird man vielleicht misstrauisch: so viel ungestörte Natur, und noch dazu mit merkwürdigen Duplikationen in einigen Landschaftsdetails. Diese Natur scheint irgendwo aus dem Nirgendwo zu stammen, man kann sie nicht zuordnen.

Doch Reischs Ziel ist nicht die Ehrenmitgliedschaft beim Bund Naturschutz oder bei Robin Wood, sondern die Erschaffung menschenleerer Räume. So werden in der Serie 0/Architectures selbst originär vom Menschen angelegte Architekturen – Wohngebäude oder Industrieanlagen – durch seine Bearbeitung zu geisterhaften Kulissen, darüber hinaus auch gelegentlich spielerisch verändert (siehe Hochhaus).

Nüchtern wirkt die so geschaffene Umwelt auf den Bildern, es entstehen eher unromantische, aber auch kitschfreie Zonen; keineswegs mimt Reisch den gottgleichen Schöpfer einer paradiesischen Kuschelumgebung. Alles in allem ist in diesen Arbeiten von Michael Reisch insbesondere ein Ziel erkennbar: die künstlich vom Menschen geschaffene bzw. angelegte, reale dreidimensionale Umgebung in ein zweidimensionales Kunstprodukt zu transformieren.

Von Olaf Selg



Abb.: Hochhaus (2004)






Michael Reisch. Fotoband mit Texten. HatjeCantz 2006. Dt./engl. Geb.124 S. mit 52 Farbabb. 35,00 ¤. ISBN 3-7757-1848-6


Die zugehörige Ausstellung tourt bis 2008 durch Deutschland und Österreich, z. Zt. München (bis 24.09.2006 im Fotomuseum des Stadtmuseums).

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