TITEL kulturmagazin
Montag, 27. Februar 2017 | 19:01

 

R. Frieling, W. Herzogenrath (Hrsg.): 40jahrevideokunst.de

07.06.2006

Videokunst – Kunstvideos

40 Jahre Videokunst in Deutschland, das sind 40 Jahre Kunst, die den Betrachter von Anfang an vor das Problem ihrer Rezeption gestellt haben.

 

Anders als beim Tafelbild oder Foto, das unveränderlich an der Wand prangt und wo man meist auf den ersten Blick feststellt: „das interessiert mich, das schaue ich mir genauer an“ oder „das ist nicht meins“ und weitergeht, kann der Betrachter bzw. der Museumsbesucher eine solche Entscheidung bei Videos nicht auf den ersten Blick fällen. Er ist also gezwungen, länger stehen zu bleiben oder sich vor den Monitor zu setzen und abzuwarten, ob ihn das Gezeigte anspricht. Man kann den Anfang verpassen und gar nicht wissen, ob nun der verbleibende Teil noch dramaturgisch sinnvoll entschlüsselt werden kann oder ob man gar bis zum Wiederbeginn des Bandes verharren muss. Und dies kann dauern; nur mit Glück sind die Laufzeiten der Videoschleifen am Präsentationsort verzeichnet. Daher ist oftmals in Ausstellungen ein grundsätzliches Links-Liegen-Lassen von Videokunst zu beobachten. Boris Groys beschreibt diese Situation in seinem Katalogbeitrag „Vom Bild zur Bilddatei – und zurück“ wie folgt: „Mit der Einführung der bewegten Bilder ins Museum ändert sich die Lage aber drastisch, da diese beginnen, dem Betrachter die Zeit ihrer Betrachtung zu diktieren – und ihn seiner gewohnten Autonomie zu berauben.“
Diese Problematik bei der Rezeption scheint ein wesentlicher Grund zu sein, warum Videokunst in Deutschland trotz der immerhin ganz stattlichen 40-jährigen Tradition noch eher ein Nischendasein führt. Es sei denn, sie ist direkt in Aktionen eingebunden, insbesondere wenn DJ und VJ zusammenarbeiten.

Die Schwierigkeit der Präsentation könnte übrigens relativ einfach gelöst werden, indem man die Videotracks auf Bändern oder neuerdings CDs bzw. DVDs zur Mitnahme anböte. Sehr schön einerseits, dass man beim Erwerb des vorliegenden Katalogs eine DVD mit reichlich bewegten Beispielen mit auf den Weg bekommt. Der Nachteil andererseits: es handelt sich leider immer nur um Ausschnitte, was daran liegt, dass die einzelnen Werke inzwischen schon z. T. horrende Preise auf dem Kunstmarkt erbringen (hierzu Dieter Daniels: Video/Kunst/Markt mit einer kompakten Übersicht und der Entwicklung der Zahlen mit einer exemplarischen Zeitreise durch die Jahre von 1971/500 DM bis 2005/180.000 ¤). Auf diese Weise arbeitet man allerdings ungewollt der ausschnitthaften Rezeption von Videokunst zu, wie sie oben angesprochen wurde. Da immer das Ende der Bänder fehlt, ist eine abschließende inhaltliche Bewertung des Gezeigten in keinem Fall möglich, wenn man die Werke nicht schon kennt und die Sequenzen quasi nur als Erinnerungshilfe versteht.

Neben der ausführlichen Auseinandersetzung mit der Rezeption kommen in dem Katalog natürlich auch die Entstehungsgeschichte und die technische Seite der Videokunst zum Tragen.
Der Begriff „Videokunst“ in der historischen Diskussion mit Alternativen wie „Medienkunst“, „Zeit-Bild“ oder „Bewegungs-Bild“ wird in seiner Gültigkeit hinterfragt (Sabine Maria Schmidt: „Am richtigen Ort zur richtigen Zeit?“). Die Bedeutung der Anfänge der Videokunst und das gesellschaftliche Selbstverständnis einiger Künstler im Sinne einer „Politik der Gegenöffentlichkeit“ (genannt werden von Schmidt u. a. Katharina Sieverding und Rosemarie Trockel) als „Gegenentwurf zu den klassischen, ikonischen Bildmedien“ werden thematisiert: „Die dem Medium Video zugesprochene emanzipatorische und demokratische Wirkung sollte zwei Ziele der Kritik zugleich treffen: den elitären bürgerlichen Begriff des Originals der bildenden Kunst und den abstumpfenden Konsum der Massenmedien“ (Daniels).

Dies sind nur einige Aspekte, die in Essays (u. a. auch der Herausgeber Rudolf Frieling und Wulf Herzogenrath) angesprochen werden, bevor im Katalogteil die 59 Werke in kurzen Texten und Videostills – begleitet von den Ausschnitten auf der DVD – präsentiert werden. So wird die Vielschichtigkeit der Videokunst nachvollziehbar von der eher dokumentarischen, eine (Kunst-)Aktion begleitenden Aufzeichnung bis hin zur eigenständigen Bildfolge, von der erzählten Geschichte in bewegten Bildern bis hin zum Loop, vom schwarz-weiß des (abgefilmten) Flimmer-Fernsehbilds zur farbig-digitalen Bildgestaltung.

Insgesamt ist das Projekt 40jahrevideokunst.de, aus dem der Katalog hervorgegangen ist, ein zentraler – wenn nicht sogar der wichtigste – Schritt auf dem Weg zur konservatorischen Bewahrung und zugleich angemessenen Präsentation und Verbreitung von Videokunst.

Von Olaf Selg


Abb.: Rebecca Horn: Übung 6 (1974-75), Filmstill

Rudolf Frieling, Wulf Herzogenrath (Hrsg.): 40jahrevideokunst.de - Digitales Erbe: Videokunst in Deutschland von 1963 bis heute.
Hatje Cantz 2006.
Geb. 400 S., 650 farbige Abb. mit DVD. 35 ¤.
ISBN 3-7757-1717-X

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