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Chr. Grunenberg (Hg.): Summer of Love

08.02.2006

"Rebellion durch das Ornament" (Fred Tomaselli)

Sex und Drogen und Rockmusik – ein buntes Lebensgefühl hinterließ viele bunte Spuren, wobei die Bedeutung des "Psychedelischen" im Umfeld der Pop-Art lange Zeit kaum Beachtung fand.

 

Der Blick geht zurück auf das Jahr 1938: Während sich in Europa dumpf und brutal der nächste Weltkrieg ankündigt, synthetisiert Albert Hofmann in einem Chemie-Labor der Basler Sandoz AG erstmals LSD. Damit schafft er ungeahnt eine Basis für rund 20 Nachkriegsjahre zunehmend magischer Momente der frühen 50er bis zu seinem Hoch im "Summer of Love" 1967 und dem langsamen Abebben in den frühen 70er Jahren. Es ist gerade die tabellarische Übersicht am Ende des Bandes, die man sich vor der Lektüre der Aufsätze und Essays anschauen kann, um einen ersten Überblick über die Vielfalt der Ereignisse und die Vielzahl der beteiligten Personen zu erhalten.

Möchte man sich zuerst mit dem "Summer of Love" in Deutschland befassen, verbleibt man gleich im hinteren Teil des Buches, um den Text "Heidi Loves You! In Knallgelb oder: Psychedelia in Germania" von Uwe Husslein zu lesen. Wo es nötig ist, nimmt er Bezug auf die Ereignisse in London und Amerika, so dass der internationale Kontext für die Darstellung der bundesdeutschen Ereignisse gewahrt ist. Allerdings hätte der spezifische Blick nach Deutschland ruhig ausführlicher sein dürfen. So wird ein zwar eine gute Übersicht gegeben. Gerade mit Bezug auf Hussleins Feststellung, dass die "subkulturellen Milieus ... in der Bundesrepublik weniger metropolenfixiert war", bleibt die Auswahl aber doch beschränkt auf bekannte Protagonisten und Ereignisse insbesondere aus dem Frankfurter Umfeld.

Dafür führen uns jedoch mehrere Texte nach Österreich, wohin die zugehörige Ausstellung im Sommer wandert und wo die "Bewusstseinsebenen" ganz anders beeinflusst wurden: durch "die Musik, den Alkohol ("leichter Weißwein aus der Zweiliterflasche") und vor allem die 'Maschin', das Motorrad" (Günther Feuerstein). Respekt, Österreich, schon damals keine Macht den (harten) Drogen!

Das hat zugleich den angenehmen Nebeneffekt, im Katalog nicht zum x-ten mal die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von LSD um Albert Hofmann, Aldous Huxley, Ken Kesey u.v.a. Immerwiedergenannten erzählt zu bekommen. Diese Redundanz in den Beiträgen zu den Ereignissen in Amerika (insbes. San Francisco und New York) und London ist aber auch die einzige inhaltlich gravierende Schwäche des Bandes, neben der eher formalen des Fehlens von Autoreninformationen.

Folgerichtig ist die Unterteilung des Katalogbandes in verschiedene Sparten, auch wenn diese in der Realität natürlich in einem Lebensgefühl zusammengewirkt haben: Bildende Kunst bzw. Plakat- und Plattencoverkunst, Architektur, die Lightshow und (Rock)Musik, begleitet von zusammenfassenden Texten, so z.B. "Am Rande der Lesbarkeit: Die Londoner psychedelische Schule" von Barry Miles oder (auch mal wieder am Rande der Lesbarkeit) das "Verschleiern und Entschleiern: Die Kultur des Psychedelischen" von Diedrich Diedrichsen.

Daneben zeigt aber z.B. Sally Tomilson, wie einfach man die Ereignisse darstellen kann: "Zum Zeitpunkt des Summer of Love hatten sich Op Art, Pop Art, Jugendstil, Surrealismus und psychedelische Kunst vereint. Farben, Schriften, entliehene Motive, Lightshows und die politische und gesellschaftliche Ideologie, mit denen die Jugendkultur verknüpft war, bildeten den Schmelztiegel, in denen die Künstler ihren Pinsel tauchten."

Von Olaf Selg







Abb.: The Jimi Hendrix Expirience. Axis: Bold as Love. 1967





Christoph Grunenberg (Hg.): Summer of Love. Psychedelische Kunst der 60er Jahre. Texte von Joe Austin, Barry Curtis, Diedrich Diederichsen, Günther Feuerstein, Christoph Grunenberg, Dave Hickey, Uwe Husslein, Chrissie Iles, Barry Miles, Markus Mittringer, Simon Reynolds, Fred Tomaselli, Sally Tomlinson. Hatje Cantz 2005. 272 S., 304 Abb., davon 254 farbig. Broschur. ¤ 29,80. ISBN 3-7757-1670-X

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