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Friedhelm Hofmann: Grenzüberschreitungen.

14.07.2005

Gottgefällig

Grenzüberschreitungen – welch ein Versprechen! Und dann auch noch in „Essays zur zeitgenössischen Kunst im kirchlichen Raum“. Das könnte ja etwas sein: denn beim Aufeinanderprallen von Kirche, Christentum und Kunst war schließlich von jeher Feuer in der Hütte, setzte es kurzerhand schon mal ein paar heiße Eisen, wenn die Gottgefälligkeit zu kurz kam und Gotteslästerung diagnostiziert wurde.

 

Hätte ich von Anbeginn gewusst, dass sich das Wörtchen „zeitgenössisch“ nahezu ausschließlich auf Künstler der Jahrgänge 1940 bzw. 1935 und älter bezieht, die Erwartungen an die im Band versammelten „Begegnungen mit Künstlern“ wären wohl von Anfang an nicht allzu hoch ausgefallen. Bieten diese Jahrgänge doch nicht gerade die besten Voraussetzungen für allzu aktuelle Bezüge und Positionen. Aber nun gut, Kirche und Glaube waren schon immer für die Ewigkeit zuständig, was sind da schon 70 oder 100 Jährchen.
Der Band spiegelt im Übrigen auch wider, dass Kirche noch immer eine Männerdomäne ist – am Schluss wird gerade mal eine Künstlerin angeführt.

Der Autor der Grenzüberschreitungen, der Kunsthistoriker und Würzburger Weihbischof Friedhelm Hofmann, ist ein genauer Beobachter und Beschreiber. Aber leider ist er in seinen Texten auch kreuzbrav und humorlos. Um allerdings nicht knochentrocken zu wirken, bringt er einen reichhaltigen Zitatenschatz in seine verschrifteten Kunstobservationen ein.
Das erscheint einerseits bitter nötig angesichts der eher harmlosen Kunstwerke, wie die zugehörigen Abbildungen dokumentieren. Andererseits wirkt es aber auch zu willkürlich, überhöhen die Zitate des Öfteren das präsentierte Kunstwerk doch stark. Hofmanns Vorgehen haftet dann etwas künstlich Beweihräucherndes an, denn von den meisten Kunstwerken selbst geht kaum etwas Mystisches aus, es ist nicht viel zu spüren von überzeugender Größe, von Tiefsinn auf der Suche nach den Herausforderungen und Grenzen unseres Daseins, die es zu überschreiten gälte.

Insgesamt begeht er also den Fehler so manches Kunsthistorikers, die eher geistlosen Werke nachträglich durch Worte mit Sinn zu bekleiden, anstatt sie bloßzustellen unter der Fragestellung: Was gibt das jeweilige Kunstwerk wirklich her? Oder ist die gezeigte (christliche bzw. religiös motivierte) Kunst nur noch leere Hülle, belanglos, einfallslos, trostlos gar? Gäbe es nicht so viele Themen, so viele Kreuzigungen und Kreuzzüge innerhalb des letzten Jahrhunderts zu verarbeiten, anstatt sich mit der Produktion von bunten Butzenscheiben oder Scheinheiligenbildchen, allesamt vermutlich gottgefällige Kunstwerke, zufrieden zu geben?

Schließlich ist aus der Begegnung von Kirche und Kunst, dem Verhältnis von Abhängigkeit und Förderung, von Liebe und Hass in der Vergangenheit so viel Großartiges hervorgegangen, man denke etwa an die Sakralbauten der Gotik, an Bilder von Hieronymus Bosch oder an die Glasfenster von Marc Chagall in Zürich.
Eine der herausragenden Ausnahmen der „Begegnungen mit Künstlern“ ist Günter Uecker (geb. 1930). Hofmann schreibt über dessen Kunst: „Seine Affinität zu Nägeln ist hinlänglich bekannt.“ Der Leser vermag sich die Verwandtschaft von Uecker und der Kirche in diesem zentralen Motiv – dem Fest- oder Durchgenagelten – selbst zu erschließen. Das von Hofmann präsentierte „aggressionsfeld – gereiht oder die zerstörung“ (1983) mit der Durchnagelung einer Stadtansicht von Köln transportiert „Erinnerung an den brutalen Krieg“ ohne einen Schuss, ohne eine Bombe, ohne einen tropfen Blut und trifft doch ins Mark. Hofmann: „Das Grauen hört nicht mit der Zerstörung auf.“ Nein, es lebt weiter, auch in so manchem Bild:

 
Abb.: Hans Lünenborg: Porträt Kardinal Höffner, 1974.


Von Olaf Selg


Friedhelm Hofmann: Grenzüberschreitungen.
Begegnungen mit Künstlern.
Wienand 2005.
Geb. 160 S. mit 28 Abb. 18,00 Euro.
ISBN 3-87909-856-5

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