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Montag, 27. Februar 2017 | 19:11

 

Robert Flynn Johnson: anonymus

24.03.2005

 
In jedem Foto ruht eine Geschichte

„Für die Ästhetik eines packenden Fotos macht es keinen Unterschied, ob es von einem anonymen, bekannten oder gar berühmten Fotografen geschaffen wurde.“ (Robert Flynn Johnson)

 

Es gibt sie auf allen Flohmärkten und in allen Trödelläden: Kisten voll alter Fotografien, ungeordnet und ohne nähere Angaben zum Fotografen oder zum Bildgegenstand. Robert Flynn Johnson ist ein leidenschaftlicher Sammler besonderer Fundstücke, die sich in solchen Konvoluten finden. In dem Bildband anonymus präsentiert er eine Auswahl von Fotografien, die überwiegend aus der Zeit von 1880 bis 1940 stammen. Neben der zumindest ungefähren Datierung ordnet Johnson den Fotos nach Möglichkeit auch noch den Herkunftsort oder das -land zu. Mehrheitlich stammen die Fotos – wie Johnson – aus den USA, einige Bilder sind aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Japan und China. Die Sammlung der Fotos wird von zwei angenehm subjektiven Texten zum Wesen und Unwesen der Fotografie begleitet.

Zunächst verzeichnet William Boyd „Dreizehn Wege, eine Fotografie zu betrachten“ und stellt damit einleitend die Frage, die im ganzen Band virulent vorhanden ist: Warum finden wir ein Foto gut? Das kann nicht immer, wie die Bilder der anonymen Fotografen zeigen, an einem bekannten Namen allein liegen. Also müssen andere Kategorien her, inhaltliche wie formale. Diese handelt Boyd keineswegs akademisch ab, sondern umkreist sie, an Beispielen aus dem Band angelehnt, essayistisch: zur Verdeutlichung der Thematik dienen Topoi wie Komposition, Abstraktion, Gedächtnisstütze, die Orientierung an einem anderen Kunstwerk oder die „höchste Form der Fotografie“ (Nan Goldin), der Schnappschuss.
Robert Flynn Johnson scheint sich gerade letzterem Urteil anzuschließen mit seinem Text „Zufallskunst“. Er bezieht sich aber nicht nur auf den Zufall der Entstehung eines Fotos. Denn da sich die „fotografische Erinnerung an die Gegenwart unversehens zum Dokument einer rasch entschwindenden Vergangenheit wandelt“ und nicht nur die Zeit, sondern auch das fotografische Zeitdokument zu entschwinden droht, gilt es dieses zu bewahren oder wiederzuentdecken, und auch diese Entdeckung ist zu einem guten Teil Zufall.

Eine Bemerkung im Text verwundert allerdings: Johnson spricht von den gezeigten und im Band nicht gezeigten Fotografien als von einem „visuellen Reservoir, das Werke voll wenn auch unbeabsichtigter, so doch unbestreitbarer Schönheit, voll Pathos und Phantasiereichtum enthält“. Warum „unbeabsichtigt“? Dies ist aber die einzige Stelle, wo Johnson dem Klischee der reinen „Künstler-Kunst“ verfällt.
Ansonsten zeigt seine Auswahl einerseits, wie viel kunstvolles Talent jenseits der Fotoschulen schlummert, und andererseits mit teils bizarren Aufnahmen (u. a. in den Kapiteln „Geschöpfe“ und „Abgänge und Schande“), wie viele Skurrilitätenjäger es abseits des professionellen Bildjournalismus gibt bzw. gab.

Olaf Selg



Robert Flynn Johnson: anonymus – Rätselhafte Bilder von unbekannten Fotografen.
Steidl 2005.
208 S. mit 223 s/w-Fotografien. 28,00 ¤.
ISBN 3-86521-067-8

Abbildung: Großbritannien, um 1900.

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