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Willy Ronis: "La vie en passant"

27.01.2005

 
Lauern auf den Zufall

Der französische Fotograf Willy Ronis versteht es, der realistischen Abbildung des Alltags den besonderen Moment abzugewinnen.

 

Während der kürzlich im Magazin titel vorgestellte James Abbe insbesondere ein Fotograf des Glamours, der Größen und der Großereignisse der Weltgeschichte war, ist Willy Ronis (geb. 1910) eher ein "Nachbarschaftsfotograf": "Sein Interesse galt vielmehr den eher leisen Randerscheinungen, dem unspektakulär Alltäglichen des Lebens an den Nebenschauplätzen der dynamischen Metropole" Paris (Sylvia Böhmer).
Sozialer Realismus – kein Wunder also, dass die Ausstellung im Januar 2005 in Berlin im Willy-Brandt-Haus zu Gast ist.

Ein Franzose unter Franzosen

Ursprünglich wollte Ronis Komponist werden, entschied sich dann aber für die Fotografie. Sein zumeist autodidaktisch erarbeitetes Wissen – er half nur als Junge im Fotostudio des Vaters mit – teilt(e) Ronis in zahlreichen Vorträgen und Workshops mit.
Nicht wenige der Motive, Situationen und Blickwinkel erinnern an Ronis Zeitgenossen und Landsmann Robert Doisneau (1912–1994), der ebenfalls den ungekünstelten, alltäglichen Moment gesucht hat. Vielleicht fallen Ronis Fotos in ihrer Anlage manchmal einen Tick eleganter aus, namenlose Fotos der beiden könnte man wohl aber häufig gar nicht auseinander halten, wenn man sie vorab nicht kennt.
Oder erinnert nicht die Abbildung Le petit Parisien (1952, s. u.) an das bekannte Foto von Henri Cartier-Bresson (1908–2004, ebenfalls Franzose), auf dem ein Junge mit zwei Weinflaschen in den Armen stolz wie Oskar auf der Straße daherkommt?
So gesehen ist Ronis Sicht- und Herangehensweise nicht unbedingt als einmalig zu bezeichnen, wohl aber prägen sein Umgang mit dem Bildausschnitt und sein Bemühen um grafische Gestaltungselemente im Bild deutlich seinen Stil. In diesem Bemühen konnte er auch schon einmal eine ganze Zeit lang an einer Straßenecke warten, um den "Zufall", das zufällig vorbeiziehende Leben "en passant" fotografisch einzufangen.

Das komische Element

Viele der für diesen Band ausgewählten Fotos haben – manchmal nur in einem Detail, manchmal als zentrales Topos – ein komisches Element, etwa im Aussehen oder Auftreten einer Person oder in der abgebildeten Situation insgesamt. Die Bilder bieten ihren Realismus also keineswegs trocken dar – es sei denn mit trockenem Humor. Keinesfalls aber macht sich Ronis lustig über seine Modelle, ihn hat jedoch sicherlich einiges amüsiert bei seiner Arbeit, spätestens beim Entwickeln und Vergrößern der Abzüge. Ein Vorteil des Bandes ist daher auch die Präsentation der Bilder im großen Format mit einem Bild pro Seite. Einziger Nachteil: ein paar Aufnahmen mehr hätten es schon sein dürfen; für den Preis ist der Band etwas schmal geraten. Wenn er denn noch zu kaufen wäre ... gilt die erste deutsch- (und englisch-)sprachige Monografie über Ronis doch, obwohl erst vor kurzem erschienen, bei Prestel schon als vergriffen. Was tun? Beispielsweise ins Museum gehen und auf die Museumsausgabe hoffen und/oder dort die Originale betrachten:
Die zum Fotoband zugehörige Ausstellung ist noch bis zum 30.01.2005 in Berlin im Willy-Brandt-Haus zu sehen, danach in Iserlohn (Städtische Galerie, 25.2. – 3.4.2005), Oldenburg (Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, 12.6. – 4.9.2005) und Stuttgart (vhs-photogalerie, 5.10. – 26.11.2005). Siehe auch www.willyronis.de.

Olaf Selg



Sylvia Böhmer/Matthias Hader/Nathalie Neumann: Willy Ronis – "La vie en passant".
Fotoband mit 3 Aufsätzen in dt./engl.
Prestel 2004.
Geb. 120 sw-Abb. 104 Seiten. 49,95 Euro.
ISBN 3-7913-2930-8

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