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Montag, 27. Februar 2017 | 19:10

 

Bodo von Dewitz/Brooks Johnson (Hg.): Shooting Stalin

20.01.2005


Historische Volltreffer

Der Amerikaner James Abbe, in den 20er- und 30er-Jahren Weltenbummler in Sachen Fotografie, ist heute fast vergessen – dabei war er es, der einst auf Stalin „schoss“.

 

Schon der Titel des Fotobands deutet – gewollt oder ungewollt – an: der Mann, um den es hier geht, ist nicht mehr sehr bekannt. Da wird nicht einfach ein Künstlername genannt, der für sich stehen könnte, sondern nach einem gelungenen Appetizer, der mit einer ebenso bekannten wie gefürchteten Person und dem projizierten Wunsch vieler seiner Opfer in englischer Sprache zweideutig spielt – Shooting Stalin –, folgt die Einordnung des eigentlich Gemeinten wiederum nicht nur mit seinem Namen, sondern unter Hinzuziehung seiner Profession – Die 'wunderbaren' Jahre des Fotografen James Abbe – und auf dem inneren Titelblatt sogar unter Hinzuziehung der Lebensdaten: 1883–1973. Diesem biografischen Aufriss beigegeben ist die verführerische Aussicht auf ein 'wunderbares' und zugleich gewagtes Versprechen (das im Großen und Ganzen eingehalten wird).

Dabei zitiert der Titel des Katalogs eigentlich nur James Abbe selbst, kommentierte er doch seine bemerkenswerten Fotos, die er von europäischen Diktatoren wie Hitler, Mussolini oder eben Stalin anfertigte, mit den Worten „Shooting dictators is great fun“, und lautet der Titel seiner Biografie My wonderful years.
Richtig begann seine Karriere in Amerika zunächst mit Fotografien von Bühnen- und dann von Filmstars. Bei Studioporträts und Standfotos in Filmkulissen der Stummfilmstudios prägte er auch seine ersten stilistischen Eigenheiten, unter anderem durch die geschickte Beleuchtung bei den Arrangements der Stars (wie Rudolph Valentino oder Charlie Chaplin, 1922) in den Kulissen des Glamour von Hollywood.

Doch nicht nur bei den Ikonen der Leinwand überrascht der entspannte Eindruck bei der fotografischen Begegnung, auch Ikonen des Verbrechens an der Menschheit wie Stalin (1932) und Hitler (1933) kommen bei dem ersten im Kreml zugelassenen westlichen Fotografen James Abbe geradezu „locker rüber“.
Ihnen und vielen anderen berühmten und/oder berüchtigten, bekannten und unbekannten Menschen begegnete er während seiner langen Jahre und Reisen in Europa und durch die ganze Welt, was Abbe als eine der ersten Verkörperungen des Typus „Tramp-Fotograf“ erscheinen lässt, der aus vielen Ländern mit seinen Fotoreportagen, zu denen er auch Texte verfasste, berichtete. Mit seiner Rückkehr nach Amerika im Jahr 1937 beendete Abbe seine Laufbahn als Fotograf und begann eine neue als Radiomoderator.

Vieles gäbe es noch zu ihm zu sagen, wie die informativen (stellenweise etwas redundanten) Katalogtexte der beiden Herausgeber Bodo von Dewitz und Brooks Johnson sowie Terence Pepper und Daniel Kothenschulte belegen. Insbesondere aber gibt es einiges zu entdecken in dem Katalogband: nicht immer revolutionäre, gleichwohl aber viele sehenswerte Fotos. Einleitende Kurztexte zu den Bildbandkapiteln, z. T. von James Abbe selbst geschrieben, ein vorbildliches Abbildungsverzeichnis und ein „Kleines Lexikon der fotografierten Personen“ runden den Band über einen Fotografen, der zwar die Chance nutzte, bekannt, nicht aber unsterblich zu werden, sinnvoll ab:
"One final worry: How to convince Stalin and his entourage that these were really flash bulbs in my valise, and not a bomb! Fanatics all over the world would gladly die for the publicity of having assassinated Stalin. What if the Kremlin should at the last minute take me for an assassin? Well, we'd see."

Olaf Selg


Bodo von Dewitz/Brooks Johnson (Hg.): Shooting Stalin – Die 'wunderbaren' Jahre des Fotografen James Abbe (1883–1973).
Fotoband mit Aufsätzen. Dt./Engl.
Steidl 2004. 360 Seiten mit 350 Duotone-Fotos. 40 Euro.
ISBN 3-86521-043-0


Abbildung: Hitler mit seinem Leibwächter Wilhelm Brückner im Braunen Haus, München 1933.

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