TITEL kulturmagazin
Montag, 27. Februar 2017 | 19:01

 

D. Schreiber/ R.Stamm (Hg.): Gaudi in Deutschland

16.12.2004

 
Gaudí aus deutscher Sicht

Obwohl Antoni Gaudí zeitlebens selbst nie in Deutschland war, genoss er hierzulande in einigen Kreisen zu Anfang des 20. Jahrhunderts große Bewunderung. Die Ausstellung in Bremen und der zugehörige Text/Bildband beleuchten das Verhältnis zwischen Gaudí und der deutschen Architekturrezeption.

 

Um ein Missverständnis gleich auszuräumen: In dem vorliegenden Band - und der zugehörigen Ausstellung im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen (bis zum 02.01.2004) - geht es um die theoretische Gaudí-Rezeption in Deutschland und um die Präsentation seiner Hauptwerke.
Antoni Gaudí (1852-1926) selbst war nie in Deutschland, hat demzufolge hierzulande auch kein Bauwerk geschaffen und hörte zwar (heimlich) klassische Musik aus deutschen Landen, hielt offiziell aber nichts von deutscher (bzw. nordischer) Kunst. Umgekehrt aber wurde er Anfang des Jahrhunderts in Deutschland in einigen Kreisen sehr geschätzt. Selbst seine katalanischen Kollegen brachten ihm nicht unbedingt jene Aufmerksamkeit oder Begeisterung entgegen wie die deutschen (Reform-)Architekten Bruno Taut, Hermann Finsterlin, Bernhard Hoetger oder der bekannteste, Bauhaus-Gründer Martin Gropius.

Hoetger war es, der als Architekt das Paula Modersohn-Becker Museum plante und in diesem Bauwerk die wohl deutlichste Huldigung an Gaudí in Deutschland schuf. Dies ist denn auch das einzige Beispiel des Buches, in dem ausführlicher auf die praktische Gaudí-Rezeption in Deutschland eingegangen wird.

Darüber hinaus wird das angespannte Verhältnis von Gaudí zur deutschen Kunst erläutert sowie die allgemeine Bezugnahme deutscher Architekten auf sein Werk beschrieben. Gelegentlich kommt es in den Aufsätzen trotz verschiedener thematischer Ansätze (u.a. Gaudí am Bauhaus; Über Gaudí als Gesamtkunstwerker; Gaudí der Wissenschaftler) zu inhaltlichen Doppelungen, insgesamt erhält man jedoch einen passablen Überblick über das Schaffen Gaudís. Dies natürlich unter Einbeziehung seiner weltbekannten Bauwerke in Barcelona (Sagrada Familia, Park Güell, Casa Milà) und den dazugehörigen Ausstattungsdetails wie etwa dem eigens entworfenen Mobiliar.

Die Verbindung von Gaudís Architektur mit den an der Natur angelehnten Formen und Bauweisen und die Einbindung selbst kleinster Details in die Gesamtkonzeption lassen jene Faszination beim Betrachten und beim Betreten seiner (Bau-)Werke entstehen, die mit dem Begriff "lyrisch" umschrieben werden kann. Es ist gut, dass diese für den Bildband titelgebende - und für die deutsche Gaudí-Rezeption wohl wegweisende - Behelfsformulierung, die ganz auf das subjektive Empfinden Gaudí'scher Baukunst als Gesamtkunstwerk abhebt, in dem Buch in seine Bestandteile zerlegt wird, also unter anderem in die Grundlagen der Konstruktion unter Bezugnahme auf vegetabile oder anthropomorphe Vorbilder und auf die Beziehungen zu Zeitströmungen wie etwa den Jugendstil bzw. den "Modernismo".

Eine besondere Note erhält "Lyrik des Raums" durch die abschließenden Zeitzeugenberichte von Julius Meier-Graefe, Paul Linder (Erstveröffentlichung!) und Hermann Finsterlin. Schade nur, dass die Bezugnahme auf Dalí und dessen Diktum, Gaudí sei mit seinem "unverkrampften Verhältnis zum Kitsch" als "Vorläufer der Pop Art" zu werten, als Ausgangspunkt zu einer anderen Sicht auf Antoni Gaudí zu kurz ausfällt.

Olaf Selg


 
Daniel Schreiber / Rainer Stamm (Hg.):
Lyrik des Raums. Gaudí in Deutschland. Wienand, 2004,
Geb. 176 S. mit 173 farb. und 96 s/w-Abb. 39,80 Euro.
ISBN 3-87909-846-8

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Abbildung: Antoni Gaudí. Sagrada Família, Barcelona, 1927.





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