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T. Seelig / U. Stahel (Hg.): Im Rausch der Dinge

08.11.2004

"Was nicht geraubt oder erworben werden kann, wird fotografiert." (Timm Starl)

Der Band "Im Rausch der Dinge" versammelt mehr als die sichtbare Sinnlichkeit der Dinge.

Ausstellung "Vom Leben der Dinge" im Fotomuseum Winterthur noch bis zum 14. November 2004

 

Was uns umgibt, entzieht sich oftmals unserer Aufmerksamkeit, weil es alltägliche Gegenstände sind, an die wir uns gewöhnt haben. Dass ihnen auch etwas Besonderes anhaften könnte, kommt uns kaum in den Sinn. Dann gibt es aber jene Dinge, die so außergewöhnlich gelungen erscheinen, dass sie uns bei jedem Anblick wieder faszinieren.
In dem Fotoband "Im Rausch der Dinge" geht es jedoch um noch viel mehr: Erstens um die Dinge, die freilich nun einmal nur dann in ein Buch passen, wenn man sie abbildet. Daher geht es zweitens ferner immer um die (im vorliegenden Fall fotografischen) Abbilder der Dinge. Im Zusammenhang damit steht drittens das Nachdenken über die Entstehung von Abbildungen der Dinge und um die Frage nach der Aufgabe und Orientierung der Fotografie zwischen den Polen der sachlich-dienenden, inventarisierenden oder werblich-präsentierenden Funktion und dem Stellenwert als autarke Kunstform, selbst oder gerade wenn sie kein ‚Designer-Ding’ von allerhöchstem gestalterischen Wert ablichtet.

"Erhellen", "Herauslösen" und "Ausschließen" sind denn auch drei zentrale Stichworte in Michel Frizots Beitrag "Das fotografische Leben der Dinge". Sie umreißen sehr gut auf der Arbeitsebene diese mögliche Wechselwirkung zwischen Fotografie und Ding: Die Fotografie dient der Präsentation der Dinge, die Abbildungen können aber eine Eigenständigkeit erreichen, die es Wert ist, statt der Dinge selbst in ein Museum gestellt zu werden oder eben in Buchform in Umlauf zu kommen.





Peter Volkmer, Studio Volkmer:
Flying,  2000,
Archiv F. Braun GmbH











Michael Jakobs beschreibt in seinem grundlegenden Text "Zur Poetik der Dinge in der Moderne" nicht nur die Ebene der "Unberührbarkeit", die die Dinge durch die Fotografie bekommen, sondern thematisiert auch ihre "Ewigkeit", ihre (unberührte) Unsterblichkeit, die sie durch die fotografische Abbildung erhalten können; die Fotografie widerspricht somit nicht nur elementar der Flüchtigkeit des Moments, sondern auch der Vergänglichkeit des Dings. Fotografie ist also immer zugleich Ausdruck von Erinnerung, von Bewahren und Besitzen-wollen. Die Abbildungen fügen den Dingen also quasi in einer Metaebene noch eine offene oder verdeckte Aussage hinzu.
Darüber hinaus macht Jakobs sehr plastisch deutlich, wie eine damit einhergehende Fetischisierung unseren Alltag durchdringt: die Dinge werden auf den Altären der Konsumtempel in quasireligiöser Form präsentiert, es entwickelt sich ein Sog der Dinge, der allerdings eigentlich nicht im Kaufrausch gipfelt, sondern in ihrer musealen bzw. kunstgeschichtlichen Würdigung.

Ein "Rausch" kommt bei der Zeitreise durch die Welt der Dinge in diesem souverän zusammengestellten Fotoband nicht auf. Dies mag der zugehörigen Ausstellung im Fotomuseum Winterthur vorbehalten bleiben. Gleichwohl ist dieses Ausbleiben des Rausches kein Negativmerkmal, sondern die Folge der kompakt informierenden und anregenden Aufsätze bzw. Essays, die die einzelnen Kapitel einleiten und die Abfolge der Abbildungen unterbrechen; man wird den Fotoband also nicht einfach durchrauschen.

Vieles ließe sich noch herausheben und ableiten aus den weiteren Texten der Herausgeber und vieler (namhafter) Autoren; Stichworte aus den Kapiteln des Bandes sind u.a. Form und Material, Handarbeit und Massenproduktion, die gute Form, Licht und Geschwindigkeit, Bürowelt, Kinderträume, Sportgeräte, Zerfall und Auflösung – mit diesem Spektrum gelingt umfassend die Präsentation von und die Auseinandersetzung mit weltweiten Produkten, ihrem Design und den Möglichkeiten ihrer fotografischen Abbildung im 20. Jahrhundert.

Von Olaf Selg

Das Fotomuseum Winterthur und die Fotostiftung Schweiz zeigen die Ausstellung "Vom Leben der Dinge" bis zum 14. November 2004.
Internet: http://www.fotomuseum.ch


 
Thomas Seelig / Urs Stahel (Hg.): Im Rausch der Dinge. Vom funktionalen Objekt zum Fetisch in der Fotografie des 20. Jahrhunderts.
Steidl 2004, Hardcover, 400 S. mit 300 Farb- und SW-Abb. 48 ¤.
ISBN 3-86521-063-5


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