TITEL kulturmagazin
Montag, 27. Februar 2017 | 19:11

 

Val Williams (Hg.): Martin Parr

21.10.2004

 
Liebevolle Freakshow

Val Williams präsentiert in einem ebenso sehens- wie lesenswerten Band das gesammelte Können des britischen Fotografen Martin Parr.

 

Typisch England: man wächst immer in einem langweiligen Vorort auf. So auch Martin Parr, geb. 1952 in Epsom, Surrey. Der Vater pflegt die Langeweile, indem er mit dem Sohne auf ornithologische Exkursionen geht, auf "Tagesausflüge" oder sogar in "Vogelbeobachtungsferien". Parr Junior zeigt sich dem jedoch gewachsen: "Auf diesen Ausflügen, bei denen meine Eltern die Vogelbeobachter anführten, habe ich natürlich die Vogelbeobachter beobachtet." Egal ob nachträgliche Stilisierung oder Wirklichkeit – diese Worte von Martin Parr fassen seinen Weg hin zum genauen Beobachter pointiert zusammen, es war nur noch ein kleiner Schritt zur Fotografie. Hier half wohl der Großvater entscheidend nach, indem er seinerseits den Enkel auf fotografische Exkursionen mitnahm, ihm das erste Fotobuch und vielleicht auch die erste Kamera schenkte.

Parr stammt zwar aus der Mittelschicht, hat aber mit einem bewussten Umzug in triste Industriegebiete des britischen Nordens seine Aufmerksamkeit der Arbeiterschicht zugewendet. Dabei steht er keineswegs überheblich über den Personen, Handlungen und Dingen, die er beobachtet und fotografiert. So spürt man in einer Vielzahl der Bildinszenierungen, dass er selbst beispielsweise Liebhaber von Kitschgegenständen ist. In der Folge ist vielen Bildern eine für Parr typische Spannung zu eigen in dem Versuch, Personen wie Objekte einerseits mit einer eher liebevollen Ironie darzustellen (wie in "Home Sweet Home"), die andererseits auf den Betrachter allerdings auch boshaft wirken kann (wie etwa bei "British Food").

Oftmals leben Parrs Fotos von ihrem seriellen Charakter: das einzelne Bild an sich, genau im richtigen Moment aufgenommen, erscheint schon als witzig, aber im Kontext mit weiteren, zu einer Serie gehörenden Fotos erschließt sich ein tieferer Sinn, der über den Oberflächenwitz der Abbildung hinausgeht. In der Abfolge sind die Bilder dann zunehmend entlarvend, bissig, zeigen das ganze Elend der kleinen spießbürgerlichen Welt in der Frittenbude, am Strand oder in den grausam gestalteten Wohnzimmern: Parr demaskiert gnadenlos geschmackliche Entgleisungen.

Der Fotoband ist klar gegliedert in sechs in sich stimmige Kapitel, die jeweils eine Lebens- bzw. Schaffensperiode beinhalten und die zugehörigen, z.T. erstmalig veröffentlichten Fotos genau in das Gesamtwerk einsortieren. Val Williams macht in ihren Kurzaufsätzen die Arbeit Parrs nachvollziehbar und beschreibt seinen Werdegang fundiert; Vorbilder und Quellen werden ebenso benannt wie Mitstreiter. Innerhalb seiner künstlerischen Entwicklung werden beispielhaft verschiedene, auch gegenläufige Richtungen der (britischen) Photographie deutlich, z.B. Parrs Changieren zwischen Konzeptkunst ("Bored Couples") und Dokumentarismus (bei den abfotografierten Supermarktsituationen etwa beim Run auf Sonderangebote in "One Day Trip").
Darüber hinaus kommt Parr an vielen Stellen im Text mit eigenen Zitaten zu Wort und so erhält der Band neben den Bildern eine zweite, sehr lebendige und anschauliche Ebene.

Auch die äußere Gestaltung des Fotobandes sei positiv erwähnt: Der einem Leder-Fotoalbum nachempfundene Umschlag passt kongenial zum Stil der Bilder und zu wiederkehrenden Topi wie "Kitsch" und "Gewöhnlichkeit". Darüber hinaus dient das Querformat der großzügigen Präsentation der einzelnen Bilder bzw. kleinen Serien.

Mit seinen vielen köstlich-fiesen Bildern vermag Parr gerade an Schlechtwettertagen gute Laune zu bringen; man vertieft sich gerne beispielsweise in die abgebildeten geschmacklichen Verirrungen der britischen Küche oder das schier schweinische Benehmen beim Verzehr derselben – das Buch ist, auch wenn es Bilder aus vielen Ländern der Welt enthält, im besten Sinne „very brithish“.

Anne Göhring / Olaf Selg


Val Williams (Hg.): Martin Parr
Phaidon Verlag, Berlin 2004, broschiert, 441 Farb- und 156 SW-Abb., 352 S., 39.95 ¤
ISBN 0-7148-9391-9www.phaidon.com






New Brighton, Merseyside, aus "The Last Resort", 1983-86 © Martin Parr / Magnum Photos

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter