TITEL kulturmagazin
Montag, 27. Februar 2017 | 19:02

 

Matthias Winzen (Hg.): Russische Kunst heute

23.09.2004

 

Facettenreichtum

„Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des russischen Künstlers...“ (Elena Kovylina)


 

Schwer zu sagen, ob sich „die Deutschen“ „den Russen“ seelenverwandter fühlen als etwa „den Franzosen“ oder „den Amerikanern“. In jedem Fall aber fühlte man sich immer schon gegenseitig voneinander angezogen und beeinflusste sich künstlerisch, gesellschaftlich und politisch.

„Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst / des russischen Künstlers / der sich nicht in die Geschichte der Kunst einfügt“ verkündet Elena Kovylina forsch in ihrem „Epitaph für den internationalen Radikalismus“, abgedruckt in dem Sammelband „HA KYPOPT! Russische Kunst heute.“ Geht ihr Anspruch, frei nach Marx/Engels sprachlich gekleidet in eine historische politische Parole aus deutschen Landen, in Erfüllung, oder gilt eher, was sich hinter dem russischsprachigen Part des Katalogtitels verbirgt: „Auf in den Kurort!“ – also real hinein ins reiche Deutschland, wie es einst gang und gäbe war, oder in den Kurort im übertragenden Sinn, in die selbstgewählte erholsame, ideologiefreie Behaglichkeit nach dem Ende der Sowjetunion?

Man kann versuchen, sich diese Fragen in aller Ruhe und Vielfalt zu beantworten, wenn man den sowohl reich bebilderten als auch mit vielen zumeist lesenswerten Texten bzw. Selbstdarstellungen russischer Künstler ausgestatteten Band zu Gemüte führt. Phantastisches und Banales, Ironisches und Ernstes, Epigonales und Avantgardistisches wird einem begegnen – radikal oder stereotyp russisch, belanglos angepasst oder vielleicht gar kapitalistisch-verwestlicht im Medienrausch?

Von allem etwas, wobei substanziell hochwertige Kunst- und auch Textbeiträge überwiegen, was für die sorgfältige Auswahl des Materials spricht. In jedem Fall aber erscheint das Dargebotene eher unprogrammatisch, was sich allerdings nicht im dramatischen Widerspruch mit Elena Kovylinas Ausspruch befindet. Dieser steht wohl eher für ein Wunschdenken eingedenk der Gefahr, der um sich greifenden Verwertungsmaschine auf den Leim zu gehen. Denn zu flexibel ist der Markt, als dass er nicht an allem gefallen finden könnte, was in dem Band „HA KYPOPT! Russische Kunst heute“ abgebildet wird. Segen oder Fluch für die Künstler und ihre Kunst?
In jedem Fall ist es zunächst ein Segen für den Kunstbetrachter, der so die Gelegenheit erhält, eine Reihe hier zu Lande bisher unbekannter Namen und sehenswerter Werke nicht nur präsentiert, sondern auch in die Gedankenwelt der Schaffenden eingebunden zu bekommen. Wenn man Künstler selbst zu Wort kommen lässt, birgt dies natürlich immer die Gefahr, dass sie/er der Selbstgefälligkeit oder der Pseudo-Geheimiskrämerei anheim fällt. Doch auch dies ist hier kaum der Fall: Angenehm erhellend sind die Beiträge zumeist, ebenso wie etwa die E-Mail-Korrespondenz zwischen David Riff und Nina und Torsten Römer zum Ausstellungskonzept und zum Selbstverständnis „russischer Kunst“, einer weiteren, vielleicht sogar der zentralen und omnipräsenten Frage des Text- und Bildbandes.

Olaf Selg



Matthias Winzen (Hg.): HA KYPOPT! Russische Kunst heute.
Bild-Textband.
Wienand. 2004. Geb. 178 Seiten mit 340 farbigen und 45 s/w-Abbildungen.39,80 ¤.
ISBN 3-87909-835-2

Abbildung: Die Blauen Nasen

Matthias Winzen ist Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden Baden.

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter