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Montag, 27. Februar 2017 | 19:10

 

Klaus Klemp: Papierkorb trifft Hochhaus

05.07.2004

 
Bau-Kunst

Gibt es eine Philosophie des Mülleimers? Wer geneigt ist, diese Frage leichtsinnig zu verneinen, möge sich unbedingt die Essaysammlung von Klaus Klemp zulegen. Hier wird man auf ebenso kompetente wie amüsante Weise vom Gegenteil überzeugt.

 

Klaus Klemp, Jahrgang 1954 und Leiter der Kulturabteilung des Amtes für Wissenschaft und Kunst der Stadt Frankfurt/Main, ist ein Fachmann auf dem Gebiet des Hinsehens. Unterhaltsam vermittelt er in den Essays seine Aufmerksamkeit für und seine Sorge um die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Die runden Objekte des Alltags, die auf dem Buchcover abgebildet sind – Papierkorb, aber auch Aschenbecher, Gullydeckel oder Hydrant –, geben einen Übersicht darüber, was wir tagtäglich zu ignorieren geneigt sind, und das zu einem Gutteil wohl nur, weil diese Alltagsgegenstände nicht formschön gestaltet, sondern hässlich oder im besten Fall eben so langweilig sind, dass man sie wenigstens übersehen kann.

Manifest gegen Ignoranz

Klemps Buch ist ein Manifest gegen Ignoranz und Gedankenlosigkeit, eine Sammlung fast liebevoller Kampfschriften für die ästhetische Wiedereroberung des öffentlichen Raumes: Telefonhäuschen, U-Bahn-Stationen, Hotels, aber auch Kleidungsstücke, Formulare von Ämtern oder Särge – vieles liegt insbesondere in Deutschland nicht nur im Detail im Argen. Der Autor zeigt anhand von Beispielen immer wieder, wie uns Dinge den Tag derzeit, ja, man muss wohl sagen: versauen können, und wie es besser, schöner gehen könnte.
Klemps Erfahrungen und Engagement für eine mehr als nur ästhetisch zu verbessernde Umwelt sprechen deutlich aus seinen Essays, wobei nicht nur eingestreute Anekdoten seiner manchmal ebenso leidvollen wie unfreiwillig komischen beruflichen Tätigkeit den Beiträgen eine unterhaltsame Note geben.

Aus den Texten spricht also die Unmittelbarkeit seiner Erlebnisse und wenn man sich schon immer einmal gefragt hat, wie diese oder jene merkwürdig erscheinende öffentliche Baumaßnahme zustande gekommen ist oder warum sich der in Zeitungen präsentierte Entwurf vom verwirklichten Gebäude so deutlich unterscheidet, kann dies auf erhellende Weise etwa in dem Text "Eine Bausitzung" erfahren.

Sensibilisieren ohne schulmeisterliche Attitüde

Für den einfachen wie den erfahrenen Städtebewohner bietet Klaus Klemp mannigfaltige Blicke hinter die Kulissen seiner Umwelt. Seine Essays sensibilisieren ohne schulmeisterliche Attitüde, er streut sein Fachwissen angenehm beiläufig ein. Er versteht es, sein ernsthaftes Anliegen ansprechend darzubieten und die Spannung zwischen Architektur und Kunst im öffentlichen Raum allgemeinverständlich und plastisch darzustellen etwa am Beispiel der seiner Meinung nach gelungenen Symbiose von Bau und Kunst in Frankfurt/Main mit dem Hammering Man, nicht ohne jedoch gezielte Spitzen und Seitenhiebe gegen falsche "Gartenzwerge für Milliardäre" auszuteilen.

Olaf Selg


Zitat:

In Deutschland wimmelt es von Kunstgartenzwergen, die munter selbst vor Hochhäusern aufgestellt werden. Eine nationale Topografie dieser Grausamkeiten wäre ein lohnendes Forschungsprojekt für deutsche Kunstgeschichtsseminare, die sich einmal mit der Gegenwart befassen wollen. Sie werden dabei voraussichtlich zu dem Ergebnis kommen, dass im Gegensatz zu heute der verrufene Historismus des 19. Jahrhunderts ein „Goldenes Zeitalter“ der öffentlichen Kunst war, von Barock und Renaissance ganz zu schweigen.


Klaus Klemp: Papierkorb trifft Hochhaus. Essays zum öffentlichen Raum.
Anabas Verlag. 2004. TB. 120 Seiten, 14 ¤.
ISBN 3-87038-360-7

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