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Montag, 27. Februar 2017 | 19:02

 

Go Johnny Go

16.06.2004

Sehnsuchtsinstrument

Auch wer die Ausstellung "Go Johnny Go / Die E-Gitarre – Kunst und Mythos" in der Wiener Kunsthalle nicht gesehen hat, wird mit dem gleichnamigen Text- und Bildband im originellen, dem Thema "E-Gitarre" angepassten Querformat bestens bedient.

 

Wer hasst sie nicht, diese pickeligen Jungs, die sich nur aufgrund ihres Gitarrengeklampfes am Lagerfeuer in den Vordergrund spielen. Und wer lacht sie nicht aus, die obligatorischen Luftgitarrenspieler, die bei fast jedem Konzert oder jeder Studentenparty irgendwann schamlos die sauerstoffarme Luft oder ihre Bierflasche malträtieren. Was aber steckt hinter der Faszination für dieses eigentlich recht simpel gestrickte Instrument „Gitarre“ im Allgemeinen bzw. „E-Gitarre“ im Besonderen?

Das Katalogbuch mit dem klangvollen Namen "Go Johnny Go" (aus: Johnny B. Goode / Chuck Berry) der Kunsthalle Wien, das von Gerald Matt, Thomas Mießgang und Wolfgang Kos herausgegeben wird, geht dem Ausdrucksvermögen der E-Gitarre sowohl als Objekt der bildenden Kunst und bespieltes Musikinstrument als auch ihrem Mythos von ihrer Entstehung bis heute nach.
























Schnell wird klar: hier wurde aus einem eher leisen, im Hintergrund begleitenden Instrument mit Hilfe des angeschlossenen elektrischen Verstärkers das bis zur Entdeckung des Computers für die Musik wichtigste Instrument der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der musikgeschichtliche Rückblick schildert die technische Entwicklung ebenso detailliert wie die sich daraus ergebende Vormachtstellung des Instruments in der Tanz- bzw. Bandmusik.
In einer Vielzahl sehr unterschiedlicher, aber allesamt lesenswerter Essays und O-Töne, die auf einen allzu elaborierten Code wie etwa das Spex-Kauderwelsch verzichten, wird Mythos und Geschichte keineswegs nur Bierernst genommen (sehr witzig: Ulrich Stock: Manneskraft sieht anders aus), aber der nicht zu verachtende Geschlechterkonflikt ebenso erfrischend thematisiert (Christiane Rösinger: Kopf, Herz und Schwanz?) wie mit Hilfe von Spezialisten (Interviews mit Jim Marshall, Lee Ranaldo und Hans Hiess) Praxis und Design der E-Gitarre erläutert oder der Blick aus Wien heraus weltweit erweitert (Vorarlberg, Osteuropa, Afrika).

Künstlerseiten mit begleitenden Kurztexten zu Abbildungen von Künstlern wie Rainer Fetting, Lori Hersberger, Helmut Middendorf oder von Sonic Youth him/herself, die sich in ihrem Werk mit der E-Gitarre auseinandergesetzt haben, runden das anschauliche und ebenso informative wie unterhaltsame Buch ab – im Übrigen keineswegs ein Werk alleine für Jungs.

"Wir versuchen den Eindruck zu erwecken, dass die Instrumente nur Transformatoren sind, um unsere Ideen in Sound zu verwandeln. Aber, um ehrlich zu sein: Es gibt schon auch diesen fetischistischen Aspekt. Die Liebe zur Physis des Instruments, zu seiner Ikonografie, seiner Rolle in einem größeren kulturellen Kontext: Seit 1950 hat die Gitarre eine Bedeutung, die weit über ihre Funktion als Musikinstrument hinausgeht. Sie repräsentiert Modernität in noch stärkerem Maße als Raketen oder Satelliten. In gewisser Weise ist sie zur Ikone der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden." (Lee Ranaldo, Sonic Youth)

Olaf Selg


Kunsthalle Wien (Hg.: Matt/Miessgang/Kos): Go Johnny Go / Die E-Gitarre – Kunst und Mythos
Ausstellungskatalog.
Steidl. 2003. 200 Seiten. 20,00 ¤.
ISBN 3-88243-979-3

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