Dass sich seine Aussagen größtenteils auf seine Kunst auswirken, zeigt nun ein fein und sorgfältig gestalteter Katalog der Galerie Samuelis Baumgarte anlässlich einer repräsentativen Werkschau zu seinem 80. Geburtstag. Hier finden sich ebenfalls Zitate von Botero wie etwa seine Bekenntnisse zu geometrischen Formen, einer spontanen Farbgebung und der Tatsache, dass seine Bilder aus der Erfahrung, die er aus der Wirklichkeit schöpfe, entstünden.
Erneut taucht hier der Verweis auf seine lateinamerikanischen Wurzeln auf, mit denen er seinen Stil begründet:” Die Bilder meiner Kindheit, die Dörfer Kolumbiens, seine Völker, seine Generäle und Bischöfe usw.: ich habe versucht, all dies durch das Prisma meiner Ansichten über Kunst zu sehen, und dies ist dann eine Stilrichtung geworden.”
Betrachtet man mit diesem Vorwissen dann seine Bilder, Zeichnungen und Skulpturen (1961-2009) kann man sich seiner südamerikanischen Originalität und europäischen Einflüsse vergewissern. Abgesehen von der allseits bekannten “Vermolligung” seiner Figuren, auf die der Kunsthistoriker Jean Charles Rump im Vorwort des Katalogs hinweist, fallen bei seinem Werk zunächst die karibischen Anklänge ins Auge: Beispielsweise bei der wohlgerundeten Skulptur “Frau im Stuhl” (1995), die in Gesamtkomposition und Ausdruck an präkolumbianische Keramik und Schmuck erinnert.
Oder bei der mit dekorativen Blumen geschmückten bronzenen “Blumenvase” (2002), die in Form und Motiv ganz der “artesanía”, dem kolumbianischen Kunsthandwerk nachgestaltet ist. Die Ölbilder "Frau mit Pelzmantel" (1990) und “Frau im Hauseingang” (2003) zeigen typische Vertreterinnen der kolumbianischen Landbevölkerung, was man an ihrer Haltung und der
dissonant bunten Kleidung erkennen kann. Hier mischen sich ein kräftiges Rot mit Rosa, ein helles Braun mit Lila, Farbmischungen, die nicht nur Boteros Fantasie, sondern auch der ländlichen Realität Kolumbiens entsprechen.
Die landesüblichen Farben der tropischen Früchte sieht man bei seinen in Öl gemalten “Stilleben mit Banane” (1981) und “Stilleben mit Spiegel” (2003). Fast naturalistisch, als würden sie einem der dortigen Wochenmärkte entspringen, sind die Melonen, Bananen und Orangen hier abgebildet. Ganz anders und europäisch mutet dagegen das Bild “Der Hof” (1999) an, in dessen Mittelpunkt ein in einem saftigen Grün gehaltener Baum steht, der links und rechts von Blumenbeeten mit impressionistischen Zügen flankiert wird.
Boteros Beschäftigung mit Picasso entdeckt man bei genauerer Betrachtung bei seinen Zeichnungen und Aquarellen mit Zirkusmotiven (2007-2009), die, wenn auch etwas verfremdet, den kubistisch geprägten Harlekins ähneln. Und die von ihm erwähnten Reminiszenzen an die italienische Renaissance kann man an der geometrischen Formgebung seiner Figuren und Gesichter ablesen, in denen man meint, Bildnisse Piero della Francescas wiederzuerkennen.
Nicht einzuordnen sind allerdings seine wunderbar gezeichneten Stillleben (1964-2003); es sind meist Kohle- und Tuschezeichnungen mit klassischen Bildelementen wie Früchten, Gläsern oder Brot, die durch ihre Ästhetik, Komposition und Gegenständlichkeit bestechen.
Auch ein in hellen, freundlichen Farben gemaltes Aquarell und in kontrastreichem Hell-Dunkel angefertigtes Kohle- und Ölbild befinden sich unter diesen Stillleben, die sich einer Klassifizierung entziehen und letztendlich repräsentativ für Fernando Boteros Gesamtwerk sind.Oder, um es mit anderen Worten zu sagen, die stellvertretend für einen Künstler sind, der einen eigenen, unverwechselbaren Stil hat.