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Samstag, 25. Mai 2013 | 14:27

Philip Jodidio: 100 Contemporary Houses

19.04.2012

Villa Kunterbunt

Individuelle Wohnhäuser seien die Quintessenz der modernen Architektur. Mit dieser Kernaussage setzt Phililp Jodidio die Messlatte für sein zweibändiges Werk über 100 außergewöhnliche und visionäre Exemplare des modernen Eigenheims hoch an – und auf architektonischer Ebene niedrig: als Fundament. In zwei Bänden, deren erster 351 Seiten und der zweite 336 Seiten umfasst, führt der Autor durch die repräsentativen Residenzen des Hochglanzbandes. Von LIDA BACH

 

Das Inhaltsverzeichnis gleicht einer Bettlektüre für Architekturliebhaber. Auf das »Deck House« in Santiago von Felipe Assadi + Francesca Pulido Architects folgt das »House in Rokusyomaki« in Kawaguchi des Atelier Masuda. Daniel Libeskind ist unter den wenigen Namen, die Unkundigen als Orientierungspunkte dienen. Das Nominee der Baukünstler mag Laien verschlossen bleiben, die Wohnstätten nicht. Die »100 Contemporary Houses« des dreisprachigen Coffee-Table-Schmucks aus dem Taschen Verlag sind sowohl im architektonischen als auch im psychologischen Sinne Konstrukte. Die Räume exhibitionieren sich vor der Kamera, fast immer menschenleer und karg. Jeder Einrichtungsgegenstand wird zum Designobjekt, das niemals zufällig an einem Ort liegt.

 

Trautes Heim?

Das Hundepaar auf der Veranda des »Wall House« von Far Frohn & Rojas scheint platziert, weil das schwarz-weiße Fell perfekt den matten Steinboden ergänzt. Regale sind leer oder mit Büchern bestückt, die zu tadellos positioniert sind, als dass je eine andere Hand als die des Inneneinrichters sie angerührt haben könnte. Selbst in der von Palmen beschatteten »Casa Kike«, von den Gianni Botsford Architects in Costa Rica errichtet, erweckt der Flügel mit aufgeschlagenem Notenheft keinen bewohnten Eindruck. Die Eigentümer scheinen nicht kurz fortgegangen, sondern abgereist aus privaten Hotels, die schon auf den nächsten Gast erwartet. In dieser schemenhaften Präsenz der Eigentümer liegt etwas Gespenstisches, das die Gebäude trotz ihrer Weitläufigkeit bedrückend mach.

 

Das Heim wird im freudschen Sinne zu etwas Unheimlichen: gleich den Herrenhäusern aus Gothic-Romanen, den architektonischen Gegenbildern der Galerie des Modernismus, zum Besitzen da, satt zum Bewohnen. »Das Wohnhaus ist eng verbunden mit dem Gedanken des Schutzes.«, schreibt der Schweitzer Architekt Mario Botta im Vorwort. Letzten suchen die Bewohner des vom mit einer Doppelwürdigung vertretenen Tadao Ando im italienischen Treviso erbauten »Invisible House«. Der Name und der Bau spiegeln »die einzige Anforderung des Kunden« oberflächlich und parodieren sie zugleich. »Der vollkommene Schutz der Privatsphäre« kann nur garantiert werden, wo Transparenz herrscht.

 

»Open door, so I walk inside, close my eyes, find my place to hide« (Metallica)

Sie vermitteln die großzügigen Fensterfronten, die Einblick in das gewähren, was verborgen werden soll. Sein würfelartiges »4x4 House« in Kobe wiederum erinnert gleich anderen Häusern in der Kombination von kühnem Modernismus und skurriler Kantigkeit an Lego-Konstruktionen oder Bauklotz-Türme, zusammengesetzt vom Architekten als verlängertem Arm eines Kindheitsträume auslebenden Bauherren. Die modernistische Wohnarchitektur – erwachsene Nachahmung kindlichen Höhlenbauens? Dies zumindest suggeriert Bottas Vorstellung eines Wohnhauses: »Eine in den Felsen geschlagene Höhle«, die dem Mutterschoß entspräche. Ihm solle ein Haus gleichen, meint er. Doch gerade weich, vertraut und behaglich wie man es damit assoziiert wirken die Objekte nicht.

 

Das »Lucky Drops House« in Tokio, entworfen vom Atelier Tekuto für ein Ehepaar mit Katze, und verbirgt diesen Höhlencharakter unter einer weit größeren Fläche als der, die der schmale Milchglasbau – Tribut an die Sehnsucht nach der schützenden Transparenz – ebenerdig einnimmt. Die totale Abgeschlossenheit setzt sich in der klinisch weißen Innenarchitektur fort. Ästhetisch ist das an die Krankenstation in einem U-Bootbauch erinnernde Gebilde interessant, doch man hofft unwillkürlich, dass nie eine Katze in den metallischen Kammern, die großteils unterirdisch angelegt sind, hausen muss. Und auch Menschen möchte man es nicht wünschen.

 

Die Ambivalenz klingt im Vorwort an, wo Jodidio schreibt, die grundlegenden Vorstellungen von Schutz, Leben und Tod blieben an jedem Wohnort eng mit der Architektur des Alltagslebens verbunden – »obwohl es unterschiedliche Vorstellungen zwischen einem Haus und einem Zuhause geben mag.« Dieser Unterschied konditioniert den Buchtitel: »100 Houses« – nicht »100 Homes«.

 

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