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    Sonntag, 20. August 2017 | 23:13

    Dogon - Weltkulturerbe aus Afrika. Bundeskunsthalle Bonn.

    08.12.2011

    Schwarze Genesis

    Zwitterwesen und Zwillingspaare – die faszinierende Kultur der afrikanischen Dogon ist in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Von SABINE MATTHES

     

    Als Mali 1960 unabhängig wurde, war es besonders die Musik, die die Jugend befreite. Kolonialismus, Christentum und Islam hatten die Afrikaner ihrer Götter, Rituale und Kulturen beraubt, sie hatten ihnen eine andere Art des Gebets gebracht, wobei man sich Gott unterwerfen sollte, anstatt ihm im Tanz nahe zu kommen. Vor der Unabhängigkeit war die hauptsächlich muslimische Jugend in Malis Hauptstadt Bamako ohne Rhythmus, jetzt tanzte sie enthusiastisch dem Aufbruch entgegen.

     

    James Browns neue Körpersprache der 60er Jahre war die universelle Sprache der Bürgerrechtsbewegung und eines schwarzen Selbstbewusstseins. Junge Mädchen posierten in Malick Sidibés Fotostudio mit seinem Live at the Apollo-Album oder gaben ihren Vätern Schlafmittel, um sich nachts, im kurzen Rock unter der Tunika, heimlich zum Tanzen davonzustehlen. James Brown war der Hohepriester eines Rituals – ähnlich, wie es die Dogon seit jeher zelebriert haben. Er verband Malis Jugend mit der Moderne in der Diaspora und mit den eigenen afrikanischen Wurzeln. Manthia Diawara vergleicht ihn mit Nommo, der im komplizierten Weltbild der Dogon das erste vom Schöpfergott Amma geschaffene Wesen ist, halb Gott halb Mensch, das uns durch die Erfindung der Trommeln neben den ersten beiden abstrakteren und geheimeren Sprachen eine dritte, moderne Sprache bringt, die demokratischer und für alle verständlich ist.

     

    Kinder der Sonne

    Verschiedene Dogon-Gruppen waren zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert vor Sklavenhandel und islamischer Missionierung in die schwer zugängliche Felslandschaft von Bandiagara, südlich von Timbuktu, geflohen. Sie vermischten sich mit der alten Zivilisation der dort bereits ansässigen Telem und brachten eine der faszinierendsten Kulturen Afrikas hervor. Die abgeschiedene Lage hat sie weitgehend vor äußeren Einflüssen abgeschirmt und ihren reichen Mythenschatz und ausgeprägten Glaubensvorstellungen bewahrt. Bis heute leben hier die Dogon – die »Kinder der Sonne«, wie sie sich selbst nennen – in mehreren Hundert Dörfern, die teils wie Schwalbennester an dem spektakulären Sandsteinplateau hängen. Seit 1989 ist ihr Gebiet Teil des UNESCO-Weltkultur- und Weltnaturerbes. Mehr als 270 Skulpturen, Masken und Alltagsgegenstände geben jetzt in der, vom Pariser Musée du Quai Branly konzipierten, Ausstellung Dogon - Weltkulturerbe aus Afrika in der Bundeskunsthalle Bonn einen Überblick.

     

    Der Star der Ausstellung ist eine große Djennenké Figur aus Holz aus dem 10. Jahrhundert, ein majestätischer Hermaphrodit mit erhobenem Arm. Die hochgereckten Arme vieler Dogon-Skulpturen erbitten vom Himmel Regen und den Schutz der Ahnen. Zwitterwesen und Zwillingspaare spielen in der Mythologie der Dogon eine wichtige Rolle, weswegen viele Skulpturen zweigeschlechtlich sind. Eine These sagt, dass sie Variationen von Nommo sind, dem ersten von Gott Amma geschaffenen Wesen, das sich selbst in vier Zwillingspaare verwandelte, woraus die acht direkten Vorfahren der Menschen entstanden. Die Acht wird zur magischen Zahl. Die Schöpfungsgeschichte kennt acht Weltalter, ein Dogon hat acht Zwiebelbeete und das Palaverhaus des Ältestenrats, das extra so nieder gehalten ist, damit es nicht zu Rangeleien kommen kann, muss auf acht Pfeilern stehen. Beschneidung wird bei den Dogon als notwendig angesehen, da in ihrem Denken Männer und Frauen als Hermaphroditen geboren werden, wobei die Klitoris als männlich und die Vorhaut als weiblich betrachtet werden, weswegen Mädchen und Jungen beschnitten werden müssen, um ihr individuelles Geschlecht zu erhalten. »Die perfekte Existenz ist, wenn Mann und Frau wieder eins werden«, heißt ein Sinnspruch der Dogon.

     

    Maske und Tanz

    Gott Amma war männlich, die Erde war weiblich. Als Amma mit einem Ameisenhügel Sex haben wollte, kam ein Termitenhügel dazwischen, Amma beschnitt ihn und machte weiter, aber die Harmonie der Welt war gestört. So wurde der bleiche Fuchs geboren, ein Geschöpf kosmischer Unordnung. Die Kanaga-Maske, die bekannteste der Dogon, erinnert an ihn, wie er verdurstet auf dem Rücken liegend seinen Schöpfer um Vergebung anfleht. Amma setzte sein Verhältnis mit der Erde fort, woraus Nommo entstand. Durch die Masken werden die Dogon zurück an den Ursprung geführt, sie sind ein Zeichen des Anfangs jenseits der Zeit. Vielen Masken ist ein Tanz zugeordnet, dessen Schritte unveränderlich festgelegt sind. Im Tanz wird die Schöpfung der Welt und ihrer Prinzipien erlebt.
     

    Die wichtigste Zeremonie der Dogon ist das ›Sigi‹-Fest. Es symbolisiert den Tod des ersten Ahnen und findet nur alle 60 Jahre statt. Das letzte begann 1967 und endete 1973, das nächste beginnt 2027. Alle Männer tragen Masken und tanzen in langen Prozessionen über einige Monate oder Jahre von einem Dorf zum nächsten. Die mehrere Meter lange Sirige- oder Etagen-Maske besteht aus 80 Abschnitten, die die einzelnen Etagen des Hauses des Klangründers symbolisieren, die ihrerseits für die 80 Urahnen der Menschheit stehen.

     

    Als der französische Ethnologe Marcel Griaule auf seinen Forschungsreisen von 1931-1956 die Dogon studierte, war er elektrisiert. Er ließ sich von Ogotemmêli, einem beinahe blinden, alten Weisen der Dogon, die Geheimnisse ihrer Kosmologie erzählen, veröffentlichte die Berichte in seinem Bestseller Dieu d`eau (1948, dt Titel: Schwarze Genesis) und löste einen wahren Dogon-Boom aus.

     

    Die komplexe Mythologie der Dogon zeigte eine präzise Kenntnis kosmologischer Fakten – was zu wilden Spekulationen führte. Wie konnten ihre Legenden von den vier Monden des Jupiter und den Ringen des Saturn erzählen, wo sie kein Teleskop besaßen? Woher kam ihr Wissen, dass der hellste Stern am Himmel, Sirius (»sigi tolo«), zwei unsichtbare Begleiter hat und der Umlaufzyklus 60 Jahre beträgt – wofür Astronomen die besten Instrumente benötigten? War das Sirius-Geheimnis der Dogon durch den Kontakt mit Außerirdischen zu erklären? Oder hatten sie mit einer astronomischen Expedition, die im Dogon-Land die Sonnenfinsternis von 1893 studierte, Kontakt? Jean Rouch, vom Surrealismus inspirierter ethnographischer Filmemacher, dokumentierte die letzte Sigi Zeremonie über Jahre. Er vermutete, dass Sirius bis 50 v. Chr. mit bloßem Auge als Doppelstern sichtbar war und dass die Dogon das Phänomen über viele Generationen überliefert haben.

     

    Reisende und Forscher brachten damals einen großen Teil des kulturellen Erbes der Dogon in europäische Museen. Afrikanische Kunst beeinflusste mit ihren reduzierten geometrischen Formen französische Kubisten wie deutsche Expressionisten und erneuerte die westliche Kunst. Wie aber fühlen sich diese Ritualobjekte, die hier, ihrer eigentlichen Bestimmung und vitalen Energie beraubt, in ihren aseptischen Glasvitrinen so unnahbar verloren wirken?

    Mit zwölf Themenboxen versucht die Ausstellung, auch solchen Fragen über einen zeitgemäßen Umgang mit afrikanischer Kunst nachzugehen. Einerseits sind die Dogon stolz, wenn ihre Kultur im Ausland gezeigt wird, andrerseits sagen sie: »Es sind mehr von diesen Objekten in Frankreich und Europa, als bei uns. Können sie nicht wieder zurückkommen? Die Europäer sollten das in unserer Heimat besichtigen und hier herkommen.« So könnte man, auf dem Weg dorthin, aus Malick Sidibés inzwischen legendärem Fotostudio zumindest ein Portrait von sich selbst mitnehmen.

     

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