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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 15:40

    Zeitlos schön. Die Bußpsalmen des Orlando di Lasso, illustriert von Hans Mielich

    27.10.2011

    Mehr als nur ein Kalender

    Der zweite Dobler Kunstkalender mit Hans Mielichs Miniaturen zu den Bußpsalmen Orlando di Lassos heißt nicht nur Zeitlos schön, er ist es auch, findet Mathias LISTL.

     

    Nun ist es also wieder soweit. Den Romantikern und poetisch Veranlagten unter uns werden es die immer kürzer werdenden Tage wie auch das sich färbende und schließlich fallende Laub ins Gedächtnis rufen. Bei allen anderen sorgen die nun immer geballter in den Supermärkten anzutreffenden und kaum zu umgehenden Paletten voller Lebkuchen, Zimtsterne und Schokonikoläuse für die Erinnerung daran, dass Weihnachten schon fast vor der Türe steht, und somit auch das - gefühlt - erst angebrochene Jahr in Kürze schon wieder vorüber ist.

     

    Damit ist gleichzeitig der Startschuss für die heiße Verkaufsphase einer anderen Produktgattung gegeben, die in den kommenden zwei Monaten ihrer natürlichen Hochkonjunktur entgegensieht: Der unumgängliche Kauf des uns das Jahr über in kleiner Form in Geldbeutel oder Jackentasche begleitenden, in größerer Form täglich von der Wand herab grüßenden - in nicht wenigen Fällen leider die Augen beleidigenden - Kalenders steht nun wieder an. Wie bei Lebkuchen, Zimtsternen und Nikoläusen gilt es auch hier, die Spreu vom Weizen zu trennen, und sich nicht vom erstbesten Kalendarium verführen zu lassen. Daher ist es gar nicht so abwegig, an dieser Stelle nicht über ein Buch zu urteilen, sondern eine Empfehlung für einen äußerst ansprechend gestalteten »Begleiter über das Jahr« auszusprechen. Dass sich der hier zu besprechende Kalender mit Kunst auseinandersetzt, versteht sich dabei von selbst.

     

    Bußpsalmen des 
Orlando di Lasso, Bd. I Bußpsalmen des
    Orlando di Lasso, Bd. I

    Unentdecktes oder so nicht Gekanntes

    Bereits zum zweiten Mal hat der in Wasserburg am Inn ansässige Kunsthistoriker und Restaurator Gerald Dobler einen großformatigen Jahresplaner gestaltet, der sich intensiv mit jeweils einem Kunstwerk Bayerns auseinandersetzt. Ziel war es dabei, ein meist nur in Fachkreisen bekanntes künstlerisches Kleinod auch einem ungleich breiteren Publikum bekannt zu machen bzw. einen neuen Blick auf scheinbar hinlänglich Bekanntes zu werfen. So setzte Dobler in seinem zum Jahr 2011 erschienen Erstlingswerk die von Maximilian von Mann gestalteten Fresken des Wasserburger Rathaussaales gekonnt in kalendarischer Form in Szene. Sein ab Januar kommenden Jahres Tage und Monate anzeigender Nachfolger widmet sich dagegen einem ungleich kleinformatigeren, in seiner künstlerischen Qualität aber keineswegs geringeren Artefakt bayerischer Herkunft. Es sind Detailaufnahmen der filigranen Illuminationen zu den Bußpsalmen des Orlando di Lasso aus der Hand des Münchner Malers Hans Mielich, die die einzelnen Monatsblätter von Doblers zweitem Kalender zieren.

     

    Bußpsalmen des 
Orlando di Lasso, Bd. II, 
Die wundersame Errettung 
der ägyptischen Juden Bußpsalmen des
    Orlando di Lasso, Bd. II,
    Die wundersame Errettung
    der ägyptischen Juden

    Ein Meisterwerk des deutschen Manierismus

    Spätestens um 1559 hatte der 1532 im heute belgischen Hennegau geborene Orlando di Lasso seine SEPTEM PSALMI POENTIFICALIS CUM DUOBUS PSALMIS LAUDATE - zu deutsch Sieben Bußpsalmen mit der Motette Laudate Dominum - komponiert. Unmittelbar danach dürfte der Bayerische Herzog Albrecht V. den Auftrag erteilt haben, dieses liturgische Vokalstück des ab 1562 in München als Hofkomponist tätigen Musikers in prächtiger Buchform festzuhalten. Bis die daraufhin angefertigten beiden Chorbücher endgültig fertig sein sollten, gingen allerdings rund zehn Jahre ins schöne Bayernland. Erst um 1570 waren die Arbeiten am zweiten Band der insgesamt über 400 Seiten starken Prachthandschrift abgeschlossen. Betrachtet man einzelne Seiten der heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München verwahrten Chorbücher und Details daraus, erklärt sich diese lange Herstellungsdauer aber von selbst. Der 1516 in München geborene Mielich, über Jahrzehnte der bevorzugte Maler Albrechts V., schuf mit seinen äußerst kleinteiligen Illuminationen ein bibliographisches Meisterwerk, das innerhalb des deutschen Manierismus seines Gleichen sucht.

     

    Bußpsalmen des 
Orlando di Lasso, Bd. I, 
Die Heimkehr des
verlorenen Sohnes Bußpsalmen des
    Orlando di Lasso, Bd. I,
    Die Heimkehr des
    verlorenen Sohnes

    Kleines ganz groß

    Und so dürfte es eine der größten Schwierigkeiten, denen sich Gerald Dobler bei der Konzeption seines Kalenders gegenübersah, gewesen sein, aus diesem Schatz Einzelmotive für nur zwölf Monate auszusuchen. Dabei gelingt es seiner Auswahl, die wichtigsten Aspekte von Mielichs vielgestaltigem Werk zu vermitteln. Die oftmals stark vergrößerten, in Wirklichkeit aber nur mit Hilfe einer Lupe ganz zu erkennenden Motive der einzelnen Monate verdeutlichen zum einen die enormen handwerklichen Fähigkeiten des Malers. Noch auf der kleinsten Fläche vermochte es Mielich etwa, das mit Elefanten und Reiterei gegen die fliehenden Israeliten anrückende ägyptische Heer realistisch darzustellen. Zum anderen geben die ausgewählten Szenen einen Eindruck vom unglaublichen motivischen Reichtum der Illuminationen und der sprühenden Phantasie ihres Schöpfers. So werden altbekannte biblische Geschichten von Mielich durch exotisches Getier aufgepeppt, und die Hochzeit des Joseph ist in eine Renaissance-Kulisse verlegt, die alle architektonischen Register zieht.

     

    Bußpsalmen des 
Orlando di Lasso, Bd. I, 
Herzog Albrecht V. als 
Ritter vom Goldenen Vlies Bußpsalmen des
    Orlando di Lasso, Bd. I,
    Herzog Albrecht V. als
    Ritter vom Goldenen Vlies

    Das große Ganze

    Wäre die Bebilderung der einzelnen Monate an sich bereits lobenswert, so bereichern weitere, dem Kalendarium angehängte Seiten den Jahresplaner noch zusätzlich. Hier finden sich zum einen eingehende Informationen zu Orlando di Lassos Bußpsalmen, zu Hans Mielichs Miniaturen oder zur Kulturpolitik des Auftraggebers, Herzog Albrecht V. Wie die Beschriftung der einzelnen Monate sind auch diese Erläuterungen in drei Sprachen abgefasst, neben deutschsprachigen kommen also auch englisch oder französisch sprechende Kunstliebhaber voll auf ihre Kosten. Zum anderen sorgen vier ganzseitige Abbildungen mit je einem vollständig wiedergegebenen Einzelblatt dafür, dass man einen ungefähren Eindruck von der tatsächlichen Pracht der beiden Chorbücher erhält. Und auch Mielichs Präzision in der Miniaturenmalerei wird so erst wirklich nachvollziehbar: Die stark vergrößerten Szenen der einzelnen Monatsblätter erkennt man hier als kleine Bildchen wieder, die erst im Verbund mit anderen das große Ganze bilden.

     

    Für wen das alles noch nicht genug ist, für den bietet Gerald Dobler noch einen weiteren Zugang zu Orlando di Lassos Bußpsalmen an. So sind einer speziellen Teilauflage seines Kalenders zwei CDs des englischen Ensembles Henry’s Eight beigegeben, auf denen die Bußpsalmen in voller Länge auch zu hören sind. Spätestens in dieser Form ist dieser „Begleiter über das Jahr“ also auch etwas für Liebhaber Alter Musik und weit mehr als nur ein Kalender für ein Jahr. Für letzteres sorgt - wie auch bei seinem Vorgänger - zudem das Kalendarium, das nicht nur eines, sondern ganze drei Jahre anzuzeigen vermag. 

    Neben einem ausdrücklichen Lob für soviel Nachhaltigkeit – das Stichwort musste fallen - bleibt einem abschließend nur, dem umtriebigen Herausgeber für weitere anvisierte Projekte viel Glück zu wünschen. Für das kommende Jahr steht der Arbeitstitel des Dobler’schen Kalenders jedenfalls bereits fest. Unter dem Motto Zeitlos schön werden dann mittelalterliche Wandmalereien Bayerns - von der Romanik bis zur Renaissance - von ihm ins Visier genommen.

     

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