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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:39

    Dennis Hopper. Photographs 1961-1967

    20.10.2011

    A big big book

    Die inneren Alarmglocken schrillen, hört man von der angeblichen künstlerischen Zweitbegabung Prominenter. Vor allem, wenn es sich um Persönlichkeiten aus der Film- und Musikbranche handelt, steigen böse Zweifel in uns hoch. In diesem Fall sind sie allerdings vollkommen unberechtigt, findet MATHIAS LISTL.

     

    Denn sofort werden Erinnerungen wach, schon von so manchem Auswärtsspiel berühmter Schauspieler oder Sänger auf künstlerisch fremdem Terrain bitter enttäuscht worden zu sein. Dabei nisten sich pauschale Urteile wie das bekannte »Muss die jetzt auch noch singen?« mitunter so schnell im Kopf ein, dass eine Abwägung zwischen Können oder Nicht-Können von vornherein negativ entschieden ist.

     

    Auf der anderen Seite: Dass die Gleichzeitigkeit wirklicher Qualität in mehreren künstlerischen Disziplinen möglich ist, das beweisen – auch wenn natürlich nur wenige sind – gewichtige Gegenbeispiele. Neben dem durchaus begabten Maler und Zeichner Goethe kommen einem im deutschen Sprachraum als Doppelbegabungen in jüngerer Zeit etwa Armin Müller-Stahl oder Udo Lindenberg in den Sinn. Deren Malereien und Zeichnungen können sich neben dem jeweiligen filmischen bzw. musischen Schaffen durchaus sehen lassen. Denn auch vom prominenten Namen getrennt, haben sie Bestand. 

     

    Dennis Hopper: 
Mobil Man, 
Los Angeles, 1965 Dennis Hopper:
    Mobil Man,
    Los Angeles, 1965

    Dennis Hopper - ein wahrer »Multi-Tasking-Artist«

    Sollte man die große Zweitbegabung der 2010 verstorbenen Hollywood-Legende bis jetzt noch nicht gekannt haben, wird man spätestens nach der Lektüre des hier vorzustellenden Buches Dennis Hopper jener seltenen Spezies ohne Vorbehalte zurechnen, die im um sich greifenden Denglisch-Jargon als »Multi-Tasking-Artist« bezeichnet werden könnte. Der knapp 5 Kilo schwere Prachtband Dennis Hopper. Photographs 1961-1967 aus dem Taschen-Verlag führt einem in über 500 Seiten vor Augen, mit welchem Können der seit Easy Rider unsterbliche Schauspieler sein vermeintliches Hobby – die Fotografie – betrieben hat. Wenn auch, wie im Titel angekündigt, der Fokus eindeutig auf den fotografischen Arbeiten liegt, die der Amerikaner in den 1960er Jahren geschaffen hat, ist innerhalb des Buches auch Platz für Hoppers künstlerisches Experimentieren der Folgezeit, seine filmischen Arbeiten und vieles mehr.

     

    Aufnahme im mexikanischen 
Durango, 1965. Aufnahme im mexikanischen
    Durango, 1965.

    Fotografieren auf der Höhe der Zeit

    Im Falle der Fotografien des 1936 im US-Bundesstaat Kansas geborenen Schauspielers und Regisseurs ist es keineswegs nur die hohe technische Qualität, die den Laien wie auch den Kunstinteressierten zu begeistern weiß. Wird die erstgenannte Lesergruppe vor allem die große Vielfalt an Motiven und Themen wie auch die pralle Lebensfreude ansprechen, die einem aus den allermeisten von Hoppers Bildern entgegenspringt, werden Fotografie-Liebhaber und Experten der Kunst der 1960er Jahre dagegen die enorme Aktualität dieser Arbeiten in ihrer Entstehungszeit zu schätzen wissen. Denn gerade die Fotos aus den 1960er Jahren erweisen sich als Werke auf der absoluten Höhe der Zeit, die sich auch vor größeren Namen wie Ed Ruscha oder William Egglestone nicht zu verstecken brauchen.

     

    Andy Warhol 
(Ferus Gallery opening), 1962 Andy Warhol
    (Ferus Gallery opening), 1962

    Das Alltägliche und vermeintlich Hässliche

    Mit diesen beiden Größen der amerikanischen Fotokunst verband Hopper nicht zuletzt die Vorliebe für Banales, Alltägliches und vermeintlich Hässliches, wie es das Modell der amerikanischen Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit nach und nach über die ganze Welt verbreitete. Wie Ruscha für sich etwa Tankstellen und Großparkplätze als künstlerisches Motiv entdeckte, widmete Hopper sich in Arbeiten wie dem Mobil Man fast gleichzeitig der Reklamewelt. Deren verlockende Ästhetik faszinierte den Schauspieler nicht nur in den Straßen seiner Wahlheimat Los Angeles. Auch auf seinen vielen Reisen nach Mexiko – so scheint es – konnte er nicht ganz von ihr lassen. Dennoch mischt sich in diese Arbeiten auch eine ganz andere, mit dem American Way of Life überhaupt nicht kompatible Sicht auf die Welt. Hier waren es der glanzlose Alltag der armen Mexikaner, aber auch ihre im Stierkampf zu sehende Lebensfreude, die Hopper mit seiner Kamera nicht weniger gekonnt festzuhalten verstand.

     

    Robert Rauschenberg, 1966. Robert Rauschenberg, 1966.

    Die amerikanische Kunstwelt von innen

    Von noch größerer kunstgeschichtlicher Bedeutung dürfte aber Hoppers fotografische Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst der eigenen Zeit sein. Mit einer Unzahl von Künstlern ersten Ranges bekannt oder befreundet dokumentierte er nicht nur die Traumfabrik Hollywood, sondern auch die amerikanische Kunstwelt quasi von innen. So begegnen einem neben Schauspielerlegenden wie James Dean, Dean Martin oder John Wayne auf Hoppers Bildern auch heute so bekannte bildende Künstler wie Warhol, Duchamps, Kienholz, Kaprow oder Rauschenberg – festgehalten in intimen Momenten der absoluten Anspannung bis zur ausgelassenen Freude. Auf einer 1962 entstandenen Aufnahme sieht man etwa Andy Warhol unmittelbar vor einer Ausstellungseröffnung: Nicht nur, dass dem anständig stillstehenden Pop Art-Künstler wie einem Schuljungen die Fliege gebunden wird, verwundert. Auch die Perlen der Angst und Nervosität, die das Gesicht Warhols zum Glänzen bringen, hätte man von dem mit der Öffentlichkeit spielenden Künstler nicht erwartet. Ganz anders dagegen Robert Rauschenberg: Übermütig streckt er Hoppers Kamera die gestempelte Zunge entgegen.

     

    Claes Oldenburg (Big shirt), 
1963 Claes Oldenburg (Big shirt),
    1963

    Summa summarum

    Nicht zuletzt sind es auch die Kunstwerke dieser heute gefeierten Stars, die Eingang in die Fotografien des Easy Riders gefunden haben. So tauchen sie nicht nur im häuslichen Umfeld Hopper gleichsam als interessantes Hintergrundmotiv immer wieder auf. Mitunter widmete der leidenschaftliche Kunstsammler ihnen auch seine ungeteilte Aufmerksamkeit. So begegnet man in Hoppers „Kunst über Kunst“ beispielsweise einer Skulptur Claes Oldenburgs, die nur scheinbar zufällig beim Transport festgehalten wurde: Ein auf unnatürliche Größe angewachsenes, ordentlich zusammengelegtes Herrenhemd ist inmitten einer typisch amerikanischen Tankstellenszenerie ins rechte Licht gerückt.

     

    Um es kurz zu machen: Nicht nur die angesprochene Qualität und die Fülle von Hoppers fotografischen Arbeiten machen Dennis Hopper. Photographs 1961-1967 zu einem wirklich großartigen Kunstband. Auch was die drucktechnische Seite und die inhaltliche Ausgestaltung des Buches angeht, erfüllt der Taschen-Verlag jenes Motto, unter dem er seit Jahren viele seiner Publikationen in künstlerischen Grenzbereichen anpreist. Dennis Hopper. Photographs 1961-1967 erweist sich also im doppelten Sinne - und längst nicht nur vom Format her gesehen - als big book für den Leser. Diesem bleibt nur das Problem, das gute, große und auch nicht zu teure Stück adäquat in den eigenen vier Wänden unterzubringen.

     

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