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Maja Pflug: Natalia Ginzburg

07.10.2011

Die Intimität der Distanz

Natalia Ginzburg prägte das intellektuelle Leben Italiens seit den späten 1940er Jahren ebenso nachdrücklich, wie das politische und intellektuelle Leben Italiens seinerseits sie beeinflusste. Eine eigenständige, eher spröde Persönlichkeit und meisterliche Beherrscherin der Sprache, ist Ginzburg alles andere als leicht nahezukommen. Mit der Wiederauflage Maja Pflugs Lebensbeschreibung Natalia Ginzburg. Eine Biographie ehrt der Wagenbach Verlag gleichermaßen die Autorin, wie er noch einmal an die Schriftstellerin erinnert, die heute vor 20 Jahren in Rom starb. Von MAGALI HEISSLER

 

In kleinen strikt chronologischen Schritten, vom Geburtsjahr 1916 bis zum Todesjahr 1991, schreitet Pflug Ginzburgs Leben ab. Daten, Namen, Fakten stehen im Vordergrund. Die Familie des Mikrobiologen Giuseppe Levi, die katholisch erzogene, aber agnostische Mutter, vier beträchtlich ältere Geschwister. Großeltern, Familiengepflogenheiten. Wer Ginzburgs 1963 erschienenes Familienlexikon gelesen hat, wird das meiste wiedererkennen. Leicht ist der Einstieg nicht, die Informationen kommen schnell und sind dicht gepackt.

 

Von der Familie aus geht der Blick ins Umfeld. Der erste Weltkrieg und der beginnende Faschismus verlangen Positionierung, die Familie Levi ist atheistisch, antifaschistisch, sozialistisch. Dazu großbürgerlich-liberalistisch, mit großem Interesse an Literatur und Musik. Die Themen bannen schon das Kind Natalia, sie träumt von großartigen Demonstrationen unter roten Fahnen, lauscht den Geschwistern, wenn sie über Proust sprechen, liest mit dreizehn Moravia. Nur die Musik zieht sie nicht an. In der Oper liest sie trotz der schlechten Beleuchtung ein Buch, während sie hofft, daß der Lärm von der Bühne bald aufhört. Als Erwachsene schläft sie ein, ihr Mann muss sie wecken: »Wach auf, gleich kommt die Arie, die dir gefällt.« Ihre Musikalität, die die Literaturkritiker später nicht müde werden hervorzuheben, wird allein in ihrer Sprache liegen, die sie als Schriftstellerin entwickelt.

 

Die Geschwister werden in den 1920er Jahren politisch aktiv. Nur gegen die Diktatur reden, wie es der Vater tut, reicht ihnen nicht. Bald steht die Familie unter Beobachtung der Polizei, dann folgen Verhaftungen, die Brüder fliehen ins Ausland. Für Natalia beginnen die Erfahrungen, die nach der Ermordung ihres ersten Mannes, Leone Ginzburg, 1944 zum Trauma werden, an dem sie ein Leben lang trägt.

 

Du läufst Gefahr, zufällig zu schreiben

Sie schreibt, sobald sie nur Buchstaben aufs Papier malen kann. Gedichte zuerst, dann auch Geschichten, manchmal nur Eindrücke oder Sätze, die ihr gefallen. Sie ist ein unordentliches Kind und ein unordentlicher Teenager, allein die Hefte mit ihren Texten sind mustergültig. Immer trägt sie sie bei sich. Zum Kreis der Freunde ihrer Geschwister gehören die wichtigsten Vertreter des antifaschistischen und sozialistischen Italien. Vittorio Foa, Giulio Einaudi, Cesare Pavese, die Brüder Olivetti. Hier lernt sie ihren ersten Mann kennen, hier kommen auch ihre ersten schriftstellerischen Versuche zur Sprache. Erste Erzählungen werden in Zeitschriften veröffentlicht. Natalia schreibt, was immer ihr zufliegt. Es ist so leicht.

 

»Du läufst Gefahr, zufällig zu schreiben«, sagt der Maler und Schriftsteller Carlo Levi zu ihr. Das ist der Beginn dessen, was sie später als das Wichtigste in ihrem Leben bezeichnet, des Berufs der Schriftstellerin. Sie beginnt gezielter zu arbeiten, eine Sprache zu suchen, die möglichst dicht an dem ist, was sie der Wiedergabe für würdig befunden hat.

 

Ihre Entwicklung bricht ab, als die Kinder kommen, Kinder und Familie waren immer wichtig für sie. Die Probleme, die Frauen damit haben, Kinderaufzucht, Haushalt und Beruf zu vereinbaren, lassen sie von da aber ebensowenig los, wie die Erinnerung an die politischen Verfolgungen. Die Brüche und Risse in den Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Mensch und Gesellschaft werden immer ein Thema sein, wie auch das Unbehaustsein in der Welt.

 

Ab Ende der 1940er Jahre arbeitet sie fest für Einaudi, als Lektorin und Beraterin. Wer die zeitgenössische italienische Literatur zwischen Ende der 1930er bis in die 1980er Jahre liest, Gadda, Amelia Rosselli, Andrea De Carlos, Elsa Morante, Rosetta Loy u.v.m., muss dahinter immer den Namen Natalia Ginzburg lesen, denn sie hat sie entdeckt. »Du bist das kritische Gewissen des Verlags«, schrieb ihr Giulio Einaudi. Die nicht immer leichte Zusammenarbeit mit ihr endet erst Ende der 1980er Jahre.

 

Das Erinnern niemals vergessen

Die 1980er Jahren waren die Zeit ihrer öffentlichen politischen Arbeit, 1983 wird sie als unabhängige Kandidatin für die KPI ins Parlament gewählt. Sie nimmt die Aufgabe ernst, wie alles, was sie aus Überzeugung anpackt. Leicht macht sie es keinem. Sie geht ihren Weg, eine Vertreterin der Intellektuellen, des Großbürgertum, eines sozialistischen Humanismus. Sie streitet gleichermaßen für die Familie, die Beibehaltung des Namens KPI oder einen Glauben an einen Gott. Für Ginzburg sind das keine Widersprüche, es sind Bestandteile der kulturellen Leistung des Menschen, nichts davon soll in Vergessenheit geraten, nicht das Gute daran, nicht das Böse. Vergessen bedeutet den Rückfall in die Barbarei.

 

Maja Pflug beschreibt vor allem, als Biographin hält sie sich weitgehend zurück. Sie läßt Ginzburg selbst sprechen, zitiert breit aus ihren Texten, aus Interviews oder Briefen. Ebenso breit kommen die zu Wort, die Ginzburg gekannt haben, Freunde, die Literaturkritiker, und die, mit denen Ginzburg zusammengearbeitet hat. Das Entziffern bliebt Leserinnen und Lesern überlassen, die Schlüssel aber sind vorhanden. Auf diese Weise kommt man Ginzburg sehr nahe, ohne diese sehr komplizierte Persönlichkeit aber vorbuchstabiert und damit kleingemacht zu bekommen.

 

Schade ist, dass die vielen aussagekräftigen Zitate nicht mit Belegstellen versehen sind. Da das kleine Buch eine Neuauflage der Ausgabe von 1995 ist, hätte man eine Überarbeitung durchaus ins Auge fassen können. Das hätte auch der Interpunktion gut getan, und den ausführlichen Apparat mit Werk- und Personenverzeichnis von der einen oder anderen Ungenauigkeit befreit. Luigi Einaudi z.B. war nie Mitglied der DC.

 

Trotzdem war die Wiederauflage des schmalen Bands eine gute Entscheidung. Maja Pflug wurde in diesem Jahr mit dem deutsch-italienischen Übersetzer-Preis geehrt, zugleich jährt sich der Todestag von Natalia Ginzburg vom 7. Oktober 1991. Das Buch ist eine wunderbare Jubiläums- und Erinnerungsgabe.

 

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