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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 24. Juni 2017 | 07:20

    Christoph Schwandt: Georges Bizet

    08.07.2011

    Ein unspektakuläres Musikerleben

    Man glaubt, ein Bändchen der rororo-Monographien in der Hand zu haben, aber Christoph Schwandts Bizet-Biographie ist, wie auch diejenige über Janácek vom selben Autor, Bestandteil einer (vorerst) kleinen Komponistenreihe des Mainzer Schott-Verlages. Der erste Eindruck trügt vielleicht auch deshalb nicht, weil Schwandts Bizetbuch 1991 schon in der Rowohltserie ediert worden war. Im Schott-Kontext mit etwas weniger knapp bemessenem und formalisiertem Umfang konnte nun eine nicht bloß aktualisierte, sondern auch erweiterte Version präsentiert werden. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

     

    Ins Umschweifige und Redselige gerät Schwandts Darstellung gleichwohl nicht. Über das Leben des mit 36 Jahren früh verstorbenen Carmen-Komponisten gibt es anscheinend nicht allzu viel Aufregendes zu erzählen. Ein Leben der unermüdlichen Arbeit. Immerhin, ein unehelicher Sohn kann vermeldet werden, ein nicht unbedingt bürgerliches Familienleben. Bizet (1838-1875) lebte in bewegten Zeiten, doch mit politischen Äußerungen hielt er sich bedeckt. Auch wenig private Korrespondenz ist überliefert; Beurteilungen von Kunst sind selten und nicht sehr ergiebig. In allem ein Gegentyp zum Jahrhundertschwätzer Richard Wagner. Es wirkt empathisch, wenn Schwandt seinerseits lakonisch und sachlich-knapp diese Vita referiert und auch mit Werkerläuterungen sehr gezügelt umgeht. Enormes Hintergrundwissen und umsichtige Quellenausschöpfung werden auch so deutlich. Eine mustergültige Annäherung an einen Künstler.

     

    A propos Carmen-Komponist: Besonders im schwungvollen Einleitungskapitel tut Schwandt viel, um diese Bezeichnung als Klischeevorstellung zu entkräften. In der Tat, Bizet schrieb Meisterwerke wie Arlésienne, Les Pécheurs de Perles, Jeux d’enfants, Djamileh und die frühe, wie ein Solitär in der Jahrhundertmitte stehende C-Dur-Symphonie (die ebenfalls »klassizistischen« Symphonien des etwas älteren Gounod geraten durch sie in den Halbschatten). Dennoch – das Ereignis Carmen überstrahlt das restliche Œuvre derart, wie es bei kaum einem anderen durch ein Haupt- oder Erfolgswerk präsenten Komponisten (man könnte an Humperdinck und sein Hänsel und Gretel, an Pfitzner und seinen Palestrina denken) der Fall ist.

     

    Dass Schwandt die Carmen-Euphorie Friedrich Nietzsches als »Caprice« wegzuwischen versucht, will nicht recht einleuchten. Es handelte sich doch wohl um die ebenso dezidierte wie folgenreiche Abwehrbewegung eines am Wagnerüberdruss leidenden Mitteleuropäers. Versuch einer produktiven Negation: Richard Strauss vollzog sie seinerseits mit der Hinwendung zu Mozart. Furtwängler war das Gegenbeispiel eines so borniert in der deutschen Tradition Verwurzelten, dass er fast zwangsläufig einen Carmen-Dégout empfand. (Schwandt unterschlägt die feine Ironie nicht, dass Bizet, ein Repräsentant der »mediterranen« Musikalität, eigentlich nordfranzösische Wurzeln hatte).

     

    Christoph Schwandt Christoph Schwandt

    Fleißig, sympathisch und bescheiden

    Überraschend und überzeugend ist Schwandts Bemerkung von der Austauschbarkeit der scheinbar folkloristisch geprägten Materialbestandteile in Bizets Musik. Verblüffend der Hinweis, dass dieselbe Melodik mal indischem, mal portugiesischem, mal mexikanischem, mal bulgarischem Kolorit zugeteilt wird – und Schwandt setzt noch eins drauf, indem er ihr außerdem eine (polnische) Mazurkaähnlichkeit attestiert. Volksmusik als symbolischer Ausdruck nationaler Identität (Sibelius, Smetana) war für den urbanen Franzosen Bizet nicht mehr aktuell – als Gegenstand ethnographischer Nostalgie (Kodály, Bartók) erreichte sie noch nicht seinen Horizont. Dass in Carmen nicht mehr an spanischer Intonation auffindbar sei als in Mozarts Figaro oder Beethovens Fidelio (zwei gleichfalls Sevilla als Schauplatz anzeigenden Opern), ist freilich eine etwas übersteile These.

     

    Lebhaftigkeit bekommt Schwandts Erzählung auch als Panorama der Pariser Musik in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts – mit dem allmählich verblassenden Ruhm Meyerbeers, dem neu aufstrahlenden von Offenbach, mit den Musikerpersönlichkeiten Hálevy, Gounod, Auber, Adam und Massenet. In diesem Gruppenbild mag Bizet als Person (offenbar ein kirchenferner »Aufgeklärter«) ein wenig unscheinbar anmuten: ein fleißiger, sympathischer, in Maßen erfolgreicher Künstler, der nicht viel von sich hermachte. Umso wuchtiger gestaltete sich – man muss es, auch wenn Schwandt es sicher ungern hört – die Aureole seines chef-d’œuvres Carmen.

     

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