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Fredrik Sjöberg: Der Rosinenkönig

18.02.2011

Mammutbäume, Regenwürmer und der Heilige Gral

Das Glück, sich ganz und gar in einer Sache zu verlieren, wird nicht jedem zuteil. Er muss es suchen, auch finden. In Der Rosinenkönig folgt der schwedische Schriftsteller und Biologe Fredrik Sjöberg mit Hingabe den irrlichternden Spuren eines fast vergessenen Genies, des Sonderlings und Naturforschers Gustav Eisen. Von MONIKA THEES

 

Irgendwo beginnt jede Geschichte. Warum nicht anfangen mit dem Feuersturm, der nach dem Erdbeben von San Francisco am 18. April 1906 eine der größten naturwissenschaftlichen Sammlungen Amerikas zerstörte? Der schwedische Zoologe Gustav Eisen, damals in leitender Position tätig an der California Academy of Sciences, hatte sie zusammengetragen, in jahrelanger Kleinarbeit, akribisch, genau und mit Passion. Ein Lebenswerk war zerstört, alles ging verloren: seine Korrespondenz, seine Bibliothek, sein Archiv. Gustav Eisen war bereits nahe der Sechzig, er weilte zur Zeit des Unglücks gerade am Golf von Neapel. Ob der Verlust ihn schmerzte, wissen wir nicht. Im Herbst des Jahres berichtete er August Strindberg vom Auftauchen seltsamer Vögel, sie seien bäuchlings weiß, oben schwarz, sie ähnelten Watvögeln und kündeten die ersten Erdstöße an. Ihre Art sei unbekannt, sie würden Erdbebenvögel genannt.

 

In den folgenden zehn Jahren widmete sich Gustav Eisen einem gänzlich anderen Metier: dem Studium von Glasperlen jedweder kulturhistorischer Provenienz. Er reiste von Kontinent zu Kontinent, sammelte, was er fand, besuchte Museen und malte jede Perle ab, die er sah. Alle, überall. Er war ein guter Aquarellmaler, früh geübt, mit genauem Auge und sicherer Hand. Nein, nicht nur das: Gustav Eisen war ein Mann mit vielen Talenten samt nötiger Tat: Wir verdanken ihm, dass es noch Mammutbäume im Sequoia National Park gibt, er ermöglichte es, dass sein Freund Strindberg studieren konnte. Der eigentümliche Schwede, 1847 in Stockholm geboren, war ein früher, anerkannter Experte der Regenwurmsystematik, er korrespondierte mit Charles Darwin über earthworms, schrieb ein Standardwerk über Rosinen (die ersten kommerziell gezüchteten Rosinen kamen aus Eisen Vineyards im San Joaquin Valley) und eines der größten, schwersten Bücher, die es überhaupt gibt: über einen Kelch, den er für den Heiligen Gral hielt. 

 

Die Stadt zum Leuchten bringen

Ach ja, und dann folgte im Alter noch ein dreibändiges Werk, Portraits of George Washington. Bevor Gustav Eisen hochbetagt 1940 starb, fütterte er Vögel und Eichhörnchen im Central Park und adressierte einen flammenden Appell gegen die Verwahrlosung des Parks an die Stadtoberen New Yorks. Eisen gehörte zur äußerst raren und kaum mehr existenten Gattung der Universalgenies, die heute, irgendwie vergessen unter dem Staub der Zeit, nur einigen Experten noch im Gedächtnis haften: den Regenwurmforschern, Mammutbaumbewahrern, Rosinenzüchtern. Einer Spezies, der nur, durch Zufall oder ähnliche Disposition, Menschen begegnen, die einen Blick für das scheinbar Nebensächliche bewahrten, so wie Fredrik Sjöberg, der Schriftsteller, Übersetzer und Biologe, der sich auf die Spuren des kaum fassbaren Eigenbrötlers begab, auf diesen um den Globus fuhr. Der Archive durchstöberte und jetzt von dem berichtet, was ihm auf seinen Streifzügen widerfuhr: Kurioses, Erhellendes und Abgründiges, alles in einem seltsamen, wunderbaren Buch zusammengetragen.

 

Es handelt, wie gesagt, vom Glück, sich ganz und gar in einer Sache zu verlieren. Als Forscher, aufmerksamer Beobachter und einer, der warten kann auf den passenden, den richtigen Augenblick: So wie an jenem denkwürdigen Tag, an dem Sjöberg, dem passionierten Schwebfliegensammler, ein Exemplar der Gattung Callicera aurata vor den Exhaustor geriet: der nördlichste Fund aller Zeiten in Schweden und der erste in der Region Uppland. Ein Coup, der nicht jedem gelingt und der entschädigt für die vielen Missgeschicke, die nicht nur ihn, sondern eine kleine Stadt zuvor um die wohlverdiente Ruhe brachten: Amüsant und auch mit ein bisschen Stolz berichtet Sjöberg, wie er als junger Mann, zwecks geeigneter Lichtverhältnisse für den nächtlichen Schmetterlingsfang, die städtische Straßenbeleuchtung manipulierte: Er entdeckte nach langem Suchen, unscheinbar an einer Häuserwand, die Fotozelle, welche das An/Aus aller Laternen Västerviks regelt, und brachte mit seiner Taschenlampe die ganze Stadt zum Leuchten.

 

Madame Blavatsky und die Theosophie

Uns Leser bringt sein Buch so manche Erhellung und die frohe Gewissheit, dass hinter jeder Seite eine weitere Episode wartet, die kurios, überraschend oder irgendwie bemerkenswert ist. Wer Fredrik Sjöbergs 2008 erschienenen Vorgänger Die Fliegenfalle kennt und schätzt, wird nicht aufhören, den Begebenheiten, Anekdoten und Beobachtungen zu folgen, die der Erzähler so leicht und schwirrend, so hinreißend und klug zu einem kleinen Kosmos des Besonderen, Beachtenswerten fügt. Den wahren Forscher treibt die Neugier und die Leidenschaft, kein Detail zu übersehen, noch dem letzten Hinweis nachzugehen und nicht aufzuhören, ehe sein unbedingter Wissensdrang gestillt. Gustav Eisen zog es unter anderem nach Guatemala, nach Baja California und Sonora, er brach auf von Kalifornien nach Nevada und veröffentlichte 1876-77 eine gleichnamige Reiseerzählung in der Zeitschrift Land och Folk (Land und Leute). Fredrik Sjöberg folgte ihm über Jahre, und manchmal ahnt man vage, dass die beiden mehr verbindet als die Passion des Biografen und die unvorhersehbaren Volten eines schwedischen Sonderlings, dessen Spuren so gezickzackt schwirren wie die der oben erwähnten Callicera.

 

Irgendwie, irgendwann stieß Eisen, ganz geistiges Kind seiner Zeit, auf die mysteriöse, aber einflussreiche Helena Blavatsky und die Theosophie. Diese und die okkulten Wissenschaften hätten ihm eine völlig neue Welt erschlossen, »wunderbarer als jene, die man mit dem Schöpfgefäß aus der Tiefe des Meeres hochholt oder die das Mikroskop ans Licht bringt«, notierte er einmal. Acht Jahre schrieb er später an The Great Chalice of Antioch, einer Abhandlung über einen Silberkelch (heute im Metropolitan Museum of Art), den er in einem Antiquitätengeschäft auf der Fifth Avenue entdeckte. Das Gutachten, das er dem Besitzer des Ladens zunächst versprach, legte er schließlich vor in Form eines sieben Kilo schweren, auf handgeschöpftem Papier gedruckten Prachtbands mit Illustrationen, bis ins kleinste Detail von höchster Qualität. Was trieb den Mann, welche Leidenschaft erfüllte ihn? Vielleicht die Suche nach einem Sinn? Der Wunsch, im abgesteckten Rahmen etwas klar Abgegrenztes mit höchster Perfektion und Genauigkeit zu vollbringen?

 

Anzunehmen ist es schon. Dann wären wir dort, im Kern allen Forschens und kreativen Schaffens und bei einem für Natur und Mensch gültigen Satz: Alles hängt mit allem zusammen: Strindberg und die Schwebfliegen, die Mammutbäume der Sierra Nevada, das Erdbeben von San Francisco und der Heilige Gral. Seltsame Passionen und eine Spur vom raren Glück, sich ganz und gar in einer Sache zu verlieren. Gustav Eisen lebt weiter in den Widmungen von Kollegen: Mit Achaeta eiseni (Wurm), Anopheles eiseni (Mücke), Anthidellium eiseni (Biene) beginnt die alphabetische Liste und endet mit Zophina eiseni (Bremse). Seine Asche ruht unter mächtigen Bäumen im Sequoia National Park, seine hinterlassenen Schriften sind über die ganze Welt verteilt. Fredrik Sjöbergs Schwebfliegensammlung schiffte 2009 zur Biennale nach Venedig, wurde als Teil des nordischen Pavillons unter dem Titel The Collectors ausgestellt. Irgendwann endet eine Geschichte – aber nie ganz, eine neue beginnt.

 

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