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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 12:36

     

    Jens Malte Fischer: Gustav Mahler. Der fremde Vertraute

    14.03.2004

     

    Slalomfahrt zu einem "fremden Vertrauten"

    Jens Malte Fischers Gustav-Mahler-Biografie




     

    Seit Luchino Visconti für seine Thomas-Mann-Adaption des "Tod in Venedig" (1971) das Adagietto aus Mahlers V. Symphonie zum Abgesang einer großbürgerlichen Epoche & zum Requiem eines platonischen alten pädophilen Liebhabers umfunktioniert hat - für Mahler war es noch ein Liebesgesang, den er seiner Alma, dem späteren Schreckbild aller Künstlerwitwen, zugedacht hatte -, ist der böhmische Komponist in den Rängen der gehobenen Kulturindustrie so präsent geworden wie Beethovens weltumarmender Geste am Ende der IX. Symphonie mit deren ohrwurmartigen Verkümmer- & Verkommerzialisierung zum "Song of Joy" in den Popular Charts.

    Zuvor schon war der lange Zeit als "eklektizistischer jüdischer Epigone mit seiner Kapellmeistermusik" ver- oder zumindest missachtete Gustav Mahler (1860/1911) erst durch Theodor W. Adornos Mahler-Monographie (1960) und dann durch die gleichzeitige Gesamtaufnahme seiner 9 Symphonien, vornehmlich in der Schallplatteneinspielung des enthusiastischen Leonard Bernstein, als letzte "Entdeckung", sprich Eingemeindung, eines bislang unbekannten Wiener "Klassikers" international anerkannt worden. Die Stereophonie hat seiner auch räumlich konzipierten Musik zum "Durchbruch" verholfen.

    Wie Stendhal sein literarisches Oeuvre nur der "Happy few" seiner Zeitgenossenschaft zugedacht hatte und von der Nachwelt Mitte des 20. Jahrhunderts seine Rehabilitation erwartete, so hatte auch der zu seinen Lebzeiten heftig umstrittene Mahler prognostiziert, seine Zeit werde noch kommen (wenn die von Richard Strauss vorüber sei) - und beide haben Recht gehabt mit ihren Ahnungen. Mahler, der seine Zeitgenossenschaft irritierte durch den Einbruch des Trivialen in die Hochkultur, deren musikalischer Kritiker er war, wurde als vorausahnender Zeitgenosse erkannt, als die bürgerliche Kultur, der er den Abgesang schrieb, endgültig zu Grabe getragen wurde durch den "Sieg" der kommunikativen Musik der Beatles und des Pop über das Widerständige einer Neuen Musik, die keinen - es sei denn einen bloß noch geduldeten - Boden unter den Füßen im öffentlichen Bewusstsein der Musikliebhaber gefunden hatte. Mahler, "der Zerrissene", wurde als Genie des Über- & Untergangs entdeckt - und seine große emphatische Musik war ein Phänomen, das den Alten seiner Zeit als Abbruchunternehmen verdächtig, den Neuen seiner Nachwelt als Mixtum Compositum und Vorahnung der Gegenwart geläufig, um nicht zu sagen konsumierbar erschien: anheimelnd "schräg" gewissermaßen, "cool" nennte man es wohl heute. Zumindest hat keiner nach ihm, auch nicht Dimitri Schostakovitsch, eine vergleichbare Präsenz als Symphoniker nach Brahms & Bruckner im öffentlichen musikalischen Bewusstsein (zumindest des Westens) gewinnen können wie Gustav Mahler.

    "Der fremde Vertraute" nennt der 1943 geborene, in München lehrende Jens Malte Fischer seine monumentale "Gustav-Mahler" Biografie, die - als verpflichte dieser musikalische Groß-Epiker mit seinen Riesensymphonien dazu - 991 (!) Seiten umfasst und den Ehrgeiz nicht verhehlen kann, das umfassendste Buch über den Komponisten zu sein. Buch - nicht Biographie, wenngleich dies auch. Damit soll gesagt sein, dass Fischer nicht nur Gustav Mahlers Biografie von der Herkunft aus einer böhmisch-jüdischen Familie von Schnapsbrennern bis zum schweren Tod als weltberühmter Dirigent und Komponist in Wien aus den "Blumen-, Frucht- und (vor allem) Dornenstücken" seines Lebens, Strebens & Sterbens herausgezogen und erzählt hat; sondern dass sein Buch - von ferne vergleichbar den außergewöhnlichen, gewiss auch exzentrischen Romanen des von Gustav Mahler sehr geliebten Jean Paul - in das Biographische so viele Digressionen, Extrablätter und Museteile eingeschoben hat, dass sich die Biografie zu einem Gustav-Mahler-Kompendium weitet, in dem nach einer "physiognomischen Beschreibung" als Ouvertüre und vor der Coda von "Mahler und die Nachwelt" und "Anmerkungen zur Mahler-Interpretation" nicht nur jede einzelne Symphonie ihr Kapitel hat, sondern auch "Der Bücherfresser", "Judentum und Identität" , "Der Dirigent" und sowohl die pathografische Skizze "Der kranke Mahler" als auch "Wien Neunzehnhundert" ihren Platz finden.

    Fischers Ambition, sich sowohl ganz in der intimen Nähe seines tragischen Helden aufzuhalten, als auch ihn in den filigran gewebten Teppich seiner Zeiten einzufügen, führt zur Bewegung großer kulturhistorischer Stoffmassen, deren bis ins Entlegene gehende Ausbreitung dem Leser soviel Geduld wie Nachsicht abverlangen. Der Umgang des sich unersättlich mit widersprüchlichen Materialen, Einschätzungen und Spekulationen ausgefüttert habenden Biographen zeigt ihn auf einem ununterbrochenen Slalom durch die aufgehäuften Urteile, Berichte, Briefschaften und Erinnerungen - immer auf der abwägenden Suche nach der darunter verborgenen, der davon verzerrten möglichen Wahrheit & Wirklichkeit von Gustav Mahlers Leben, seinem Charakter und seiner künstlerischen Entwicklung. So sympathisch die Vorsicht Jens Malte Fischers dabei ist, gegenüber Mahlers persönlicher Rigorosität als Dirigent (und auch als Ehemann) ebenso "gerecht" zu sein wie im Hinblick auf sein komplexes musikalisches Schaffen oder seine Karriere, so anstrengend für seine Leser ist denn doch diese das Buch durchwirkende Auseinandersetzung mit dem ihm zugrunde liegenden Material von Zeugenschaften, Nachreden und mutmaßlichen Verfälschungen von Fischers Vorläufern (und vor allem jener zweifelhaften "Zeugnisse" der Witwe Alma Mahler, die jedoch kein ganz leichtes, eher erotisch frustriertes Leben an der Seite des wesentlich älteren Musikers hatte.

    Umso mehr wird jedoch der Leser vielfach, wenn nicht sogar fast überwiegend auf die Geduldsprobe deshalb gestellt, weil der Autor seine Darstellung nur scheinbar chronologisch anordnet, diese fortschreitende biographische Entwicklung Mahlers jedoch durch sov iele Voraus- & Seitenverweise ausufern lässt, dass einem gelegentlich nicht nur Mahler aus dem Gesichtskreis zu entschwinden droht, sondern auch - was einen unmutig stimmen kann - das Buch dadurch wie eine malmende Recycel-Maschine immer wiederkehrender (und immer erneut dargelegter) Fakten, Äußerungen und Einschätzungen vor- oder besser: entgegenkommt. Die "unendlichen Längen", die Robert Schumann an Schuberts postum publizierten großen C-Dur-Symphonie bewunderte (und die man als Mahler-Liebhaber & -Kenner an ihm als epische musikalische Erzählung liebt), gehen einem denn doch am Buch des Mahler-Biographen Jens Malte Fischer auf die Nerven. Ebenso ein oft betulicher Ton des Biographen, der auch nicht an Farbe gewinnt, wenn er gelegentlich in sprachlichen Untiefen wie z.B. der folgenden erlahmt: "Unter der Leitung Franz Schalks schien die Sache Mahlers in trockenen Tüchern".

    Zu "retten" wäre, was wie ein dem literarischen Genre entgegengesetzte "horizontale" Darstellung erscheint, der es nicht gelungen ist, ihren Stoff ökonomisch zu entfalten, wenn man das Buch nicht in einem fortlaufende Zuge liest, sondern immer nur "portionsweise"; dann fielen seine Wiederholungen und Redundanzen weniger auf - ein Manko, das Fischers "Mahler" mit dem eben erschienen " Theodor W. Adorno: Ein letztes Genie" von Detlef Claussen verbindet, der dem Leser vorausschauend annonciert, jedes Kapitel könne auch für sich gelesen werden. Man tut also gut daran, bei der Lektüre von Fischers "Mahler" Generalpausen einzulegen.

    Gleichwohl muss ich, als geduldsstrapazierter Leser von Fischers "Gustav Mahler", jedoch auch wieder gestehen, dass mir die sympathetische Haltung des Autors zu seinem höchst schwierig zu be- und umschreibenden Liebes- & Verehrungs-Objektes durchaus gefällt (weil er auch Problematisches nicht verschweigt) und schließlich hat das alte Sprichwort besänftigend recht, wonach "Wem das Herz voll ist, der Mund übergeht". Und wer eine Summe der Mahler-Literatur ziehen will, muss natürlich viele große & kleine Posten summieren. Auch enthält das Buch vielfach intellektuell-fesselnde Überlegungen zu dem "fremden Vertrauten", der einem gewiss hier als Mensch in seinem Widerspruch nahegerückt, aber glücklicherweise doch nicht einem so vertraulich "entschlüsselt" wird, dass man sein Werk nun "besser verstünde". Was heißt schon musikalisches Verstehen - erst recht, wenn Jens Malte Fischer in seinen Betrachtungen der Symphonien und Lieder nur getreulich referiert, was Mahler hier und da über sie geäußert hat und sich der Biograph mit eigenen Urteilen zurückhält?

    Natürlich kann man an Jens Malte Fischers Kompendium, wenn man sich übers musikalische Hören hinaus mit dem "Faszinosum" dieses Komponisten (& Opernreformers) beschäftigen will, nicht vorbeigehen, sondern nur hindurchwandern - ob mit einem lesenden Gewaltmarsch oder in wiederkehrenden Abstechern, muss jeder selbst entscheiden. Jedoch sei jenen, die sich intensiver auf die Vertrackt- & Schönheiten des musikalischen Werks und dessen interpretatorische Schwierigkeiten einlassen wollen, unbedingt das Buch "Mahler im Gespräch" empfohlen. Darin befragt Paul Fiebig den Dirigenten Michael Gielen zu kompositorischen Eigenarten und Subtilitäten aller Orchesterwerke Mahlers - und da Gielen das seltene Beispiel eines hochintelligenten und ungemein präzise formulierenden ausübenden Musikers ist, der auch vor eigenen, argumentativ begründeten Urteilen nicht zurückschreckt, sind diese immer um ein Werk zentrierten Gespräche ungemein eindringliche, nachvollziehbare Erfahrungsberichte mit Mahlers Musik.


    Wolfram Schütte

     


    Jens Malte Fischer: Gustav Mahler. Der fremde Vertraute.
    Biografie. Paul -Zsolnay-Verlag, Wien 2003.
    Gebunden. 992 Seiten. 45 ¤.
    ISBN: 3552052739

    Michael Gielen / Paul Fiebig: Mahler im Gespräch. Die zehn Sinfonien.
    Metzler Musik, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2002.
    Gebunden. 232 Seiten. 24.90 ¤.
    ISBN: 3476019330

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