TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 18:29

 

Richard Palmer, Oscar Peterson: Meine Jazz-Odyssee

14.03.2004


Der Mann am Klavier

Auf sicherem Untergrund steuert Oscar Peterson das (sein) Jazzschiff durch die Odyssee einer Musik, die sein Leben bestimmte.



 

Vom Vater angetrieben und vollgestopft mit Übungen, die anfangs das Feld der Klassik abgrasten, wurde seine Schwester Daisy zu seiner ersten Klavierlehrerin. Falsch gespielte Töne zogen Prügel nach sich, nicht von der Schwester sondern vom Vater verabreicht. Oscar Petersons Erziehung zum weltweit gefeierten Pianisten stand, wie er freimütig in seinen Erinnerungen schreibt, unter gewalttätiger Regie.

Oscar Peterson wurde 1925 in Montreal in Kanada geboren. Auch dort befand er sich als Schwarzer nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Später ist er der einzige Farbige in der sonst nur mit Weißen besetzten Band von Percy Ferguson, seinem ersten Engagement. Anschließend spielte er bei Johnny Holmes, wo er fünf Jahre blieb. Von ihm lernte Peterson komponieren und arrangieren. Im Herbst 1947 bekommt er seine erste Verpflichtung mit seinem eigenen Trio. In Montreal begegnet er auch dem großen Jazzförderer Norman Grantz, mit dem ihn eine lebenslange Gemeinsamkeit verbindet - die Liebe zum und das absolute Einlassen auf den Jazz.

Voller Leidenschaft beschreibt Peterson sein Verhältnis zu den Bassisten. Mit mehreren arbeitete er über die Jahre zusammen, am längsten mit Ray Brown. Dem (und auch anderen) setzt er in Papier gemeißelte kleine Denkmäler in Form von reimlosen Gedichten, die zwischen die, oft kurzen, Kapitel eingefügt sind. Das legendäre Trio mit Herb Ellis, Gitarre, und Ray Brown, Bass, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten der Jazzgeschichte. Peterson schreibt in ehrfürchtiger Liebe über Brown, mit dem ihm nicht nur die Musik verband: "Wir waren zwei Kerle, die ausgezogen waren, die Welt in Grund und Boden zu spielen und dabei so viel Spaß wie möglich in unserer Freizeit zu haben." Den hatten sie offensichtlich, wie Peterson in einigen Episoden beschreibt. Die Beschreibung der Streiche, die sie sich gegenseitig zumuteten, zählen zu den amüsanten Höhepunkten des Buches.

Wer ein Jazzleben wie Oscar Peterson hinter sich gebracht hat, der musste schon zwangsläufig mit nahezu allen leuchtenden Stars dieser Musik gespielt haben. Zu den absoluten menschlichen Meilensteinen gehörten Louis Armstrong und Charlie Parker, Benny Carter und Count Basie, Billie Holiday und Anita ODay, Ella Fitzgerald und Carmen McRae. Und es gibt kaum einen Jazzclub oder einen Konzertsaal, den Oscar Peterson nicht mit seinen freundlichen Pianotönen verzierte. Angst vor den großen Stilen im Jazz hatte er nie. So ist es kein Wunder, dass er genauso gut im Blues wie im Hardbop, im Swing und im Musical zu Hause war. Präzise beschreibt er in dem Kapitel. "Vorbereitungen auf den Soloauftritt am Klavier", wie er nach vielen Jahren als Jazzbandpianist zum Solopart zurückkehrt.

Was die Biografie zu einer besonderen macht ist die Tatsache, dass Peterson kein Zensurblatt vor den eigenen Mund nimmt, aber selbst dann noch freundlich und fair bleibt, wenn er nicht ganz so angenehme Wahrheiten aufschreibt. Bemerkungen zur amerikanischen Kulturpolitik ("Verrat am Jazz") enthalten, neben einer verständlichen Bitterkeit, eine durch ihn selbst personifizierte Parteinahme für die Kultur der Schwarzen. Deren lange währende Abwesenheit im amerikanischen Kulturbetrieb bedeutet eine Ohrfeige für die Gesellschaft, die Peterson gerne mitverteilt. "Die zahllosen Studiobands, die von den verschiedenen Sendeanstalten in den großen Städten unterhalten wurden, zeichneten sich durch einen Mangel an schwarzen Musikern aus." Im Nachwort geht Harald Justin diesem Aspekt nach und findet erläuternde Worte, die die gesellschaftliche "Farbenlehre" an der Person Oscar Peterson beschreiben.

Peterson ist einer der großen stillen Jazzmusiker, dessen Profession darin besteht, die Menschen mit seiner Musik zu begeistern und nicht mit seiner Person.

Klaus Hübner

 


Oscar Peterson: Meine Jazz-Odyssee. Autobiografie mit Richard Palmer. Aus dem Englischen von Henning Dedekind. Hannibal Verlag. ISBN 3-85445-234-9. Euro 25,90

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Der Spielplatz macht zu

Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter