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Lars Gustafsson / Agneta Blomqvist: Alles, was man braucht

21.10.2010

Daheim bei Gustafssons

Er gehört unter den Schriftstellern zu jener literarischen Spezies, die durch hell leuchtende Intelligenz, enzyklopädisches Wissen und spielerischen Witz in ihren Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden und Essays ebenso zu bezaubern wie zu faszinieren versteht. Gemeinsam mit seiner Frau verfasste er ein Handbuch für das Leben. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Wer etwa gleichaltrig oder etwas jünger als der lange Jahre in Austin (Texas) Philosophie lehrende Schwede ist, der sich oft auch längere Zeit in Berlin aufhielt und wer in der Bundesrepublik von früh auf literarisch interessiert war, konnte kaum an Lars Gustafssons von Verena Reichel vollständig und vorzüglich übersetzten, beim Hanser-Verlag kontinuierlich seit den 1970er Jahren erschienenen großartigen Œuvre vorübergehen, ohne es in Teilen wahrgenommen zu haben oder seinem literarischen Charme ein für allemal verfallen zu sein.

Denn der besondere Reiz des Erzählers Gustafssons - ähnlich wie der Italo Calvinos - besteht in der leichtfüßigen Metaphysik, die seine unangestrengt tiefsinnigen Bücher auszeichnet. Die zwischen 1972 und 1978 erschienenen fünf Romane, die er (von Herr Gustafsson persönlich bis zu Tod eines Bienenzüchters) kürzlich unter dem Titel Risse in der Mauer zusammenfasste und neu vorlegte, sind - ähnlich wie Milan Kunderas Romane für die Tschechoslowakei - ein kritisches Zeitpanorama der westeuropäischen Intelligenz im geistigen Aufbruch und dessen Ernüchterung in den Jahren ab 1968.

 

Bis zum Rand gefüllte Wundertüte

Jetzt aber hat Gustafssons deutscher Verlag C. Hanser, wie immer "mit der Stimme Verena Reichels", das zusammen mit seiner Ehefrau Agneta Blomqvist vor vier Jahren in Schweden erschienene Herrn Gustafssons Familienbuch vorgelegt. Auf deutsch heißt dieses Handbuch für das Leben (Untertitel), das eine Vielzahl von ursprünglich in Zeitungen publizierten Glossen und Kolumnenbeiträge alphabetisch von  Abraxas bis Zwillingschaft und andere Liebe versammelt: Alles, was man braucht.

Man kann diesen kryptischen deutschen Titel getrost so verstehen, dass das Buch alles inkorporiert, was man braucht, um als Leser mit den Gustafssons höchst glücklich zu werden.  Denn diese mehr als 300 Seiten gleichen einer bis zum Rand gefüllten Wundertüte, in der so viele unterschiedliche Sachen durcheinander purzeln, wie auf den Seiten von Lichtenbergs Sudelbüchern die kuriosesten Gegenstände einander abwechseln, die im Licht der Gedankenblitze ihres Autors aphoristisch leuchten. Von beidem hat dieses essayistische "Sammelsurium" der Gustafssons etwas, was auch einige allzu lokal-schwedische Bezüge verschmerzen lässt.

Der enzyklopädische Wissensanspruch des klassischen Lexikons wird durch den subjektiven Eigensinn der Ehepartner sowohl in der Titelei als auch durch seine kunterbunten Themen und ausgewählten Herzens-Sachen parodiert und ist eben deshalb auf  keinen Begriff zu bringen. Im Vergleich dazu wirkt sogar, was ihm literarisch am nächsten kommt - nämlich die ebenso wunderliche wie wunderbare Neue Enzyklopädie des nicht bloß malenden, sondern auch schreibenden de Chirico-Bruders Alberto Savinio - bei aller seiner poetischen Exzentrik, Wissensfülle und satirischen Gewitztheit thematisch eindimensional.

 

Philosophische und sprachliche Paradoxe

So unvorhersehbar und überraschend die von Lars Gustafsson und Agneta Blomqvist - der sechs Jahre jüngeren, ehemaligen Religions- und Literaturlehrerin - verfassten Artikel ihres persönlichen Hausbuchs sein mögen, so haftet doch den von beiden hier gerittenen oder ausgeführten Steckenpferden der jeweilige Stallgeruch ihrer Schöpfer an: einerseits Gustafssons Passionen (Sprachphilosophie, Mathematik, Erkenntnis- und Ästhetiktheorie,  Geistesgeschichte, Angeln und Segeln) und seine wechselnden Aufenthaltsorte nicht nur innerhalb Schwedens, sondern auch im Ausland (Austin, Berlin); und andererseits Blomqvists Neigungen zur Natur, Pilzen, Religion und den Subtilitäten des Alltagslebens. Was - außer durch diese Orientierungsmarkierungen erahnbar - jedoch von wem stammt (wohl das meiste vom Autor), ist zweifelsfrei nur an jenen Stellen erkennbar, wo die Autorin sich  plötzlich durch ein kleines Detail zu verraten scheint, bzw. zu erkennen gibt.

Solches detektivische Bedenken und unverhoffte Identitäts-Erkennen mag für Leser ein zusätzliches Vergnügen an den Texten sein, aus denen man z.B. von Hechten und Ingwerbirnen, der "Wörterberauschung" des jungen Lars, dem "äußerst ärgerlichen Ding an sich" des Philosophen und dem "kopfstehenden" Ahornbaum der in seine Krone blickenden Agneta, aber auch von verschiedenen Graden der Absurdität oder des Schnees, vom unterschiedlichen Schreiben in jungen und späten Jahren erfährt oder philosophischen und sprachlichen Paradoxen, der "Emeritusgemeinheit" und "Gottes Enkel" begegnet. Außerdem kann man auch, aufgrund der Skizze eines ungeschriebenen historischen Romans, über das erstaunliche Leben des möglicherweise britischen Doppelspions, Hitler-Gegners und deshalb diskriminierten schwulen Tennisprofis Gottfried von Cramm nachdenken.

Vermutlich Blomqvist klärt uns darüber auf, dass die Pilze nicht nur die ersten individuellen Organismen auf der Erde waren, sondern sie auch "zellbiologisch den Tieren, also den Menschen näher stehen als den Pflanzen" und der Dichter höchst selbst erklärt sich das Phänomen der bei uns so überaus beliebten "Dichterlesung" damit, dass der zuhörende Leser ganz spitz darauf ist, "seine eigene Stimme mit der des Autors vergleichen" zu können. Das ist zumindest die originellste Spekulation über den deutschen Zulauf zu einer Dichterlesung, wenngleich sie ja im Falle Gustafssons nicht seine, sondern die (ihm ja auch fremde) Übersetzerstimme Verena Reichels hören würden.

 

Beglückter Leser-Gast bei "den Gustafssons"

In den zwei Schlussbetrachtungen reflektieren die beiden, die ziemlich entgegengesetzte politische Ansichten haben, über das "wirkliche Abenteuer, im fortgeschrittenen Alter und nach dem Abklingen der ersten Verliebtheit noch zusammenzuleben". Blomqvist, die sich für eine freigeistige bürgerliche Linke und ihren angeblich anarchistisch-marktliberalen Mann, der an manchen Stellen des Buchs sich als solcher zu erkennen gibt, für einen "kohlschwarzen Reaktionär" hält , bemerkt trocken zu ihrem gelegentlich wohl prekären Zusammenleben: "Leicht ist es nicht. Aber wer hat gesagt, dass es leicht sein soll?".

Während der ehemalige Professor das gleiche Problem mit Musil, Furberg, Buber und Harald Bloom existenzial-ontologisch umkreist und "in der wahren Liebe", die "auf der Ebene der Du-Perspektive stattfindet", am Ende "eines der wenigen substantiellen Erlebnisse" sieht, die uns "zu Gebote stehen", um zu erkennen, "dass das Leben sinnvoll ist" - resümiert Agneta Blomqvist ihre abschließende Betrachtung bündiger, herzlicher, großzügiger: "Zusammenzuleben ist also schwer. Aber es gibt etwas, das versöhnt, und das im Überfluss. Nämlich die Liebe."

So wird aus dem eigenwilligen Handbuch für das Leben ein Hausbuch der beiden, das alles an- und ausspricht, was man braucht, um sich als zufriedener und beglückter Leser-Gast bei "den Gustafssons" wie zuhause zu fühlen, wobei man gelegentlich im Blick auf sie, wie in einem Spiegel, auch sich selbst erkennen mag.


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