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Eva Weissweiler: Otto Klemperer

30.09.2010

Deutsch-jüdisches Dirigentenleben, abgeknickt

Eva Weissweilers Otto-Klemperer-Biographie. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Auf einem kuriosen Foto sind die fünf dirigentischen Weltberühmtheiten ihrer Zeit vereinigt – neben dem Hünen Furtwängler und dem noch riesigeren Klemperer wirken Erich Kleiber und Toscanini zwergenhaft; das unter ihnen gleichsam abnorme Normal- und Mittelmaß verkörpert einzig der in etwas verlorener Versonnenheit dastehende Bruno Walter. Fast könnte man eine Fotomontage vermuten; die abgebildeten Edelkapellmeister waren einander unterschiedlich und überwiegend gar nicht gewogen, und vor allem der schroffe Otto Klemperer (1885-1973) sprach über Kollegen gerne abfällig.

 

Eva Weissweilers Klemperer-Biographie (in deren Illustrationsteil das beschriebene Foto leider nicht vorkommt) gewichtet die persönlichen Beziehungen ihrer Hauptperson glaubwürdig. Zu Bruno Walter blieb Klemperers Haltung schwierig aufgrund der frühen Rivalität in der Nähe Gustav Mahlers, von dessen brennender, unerbittlicher Intensität Klemperer stark geprägt war. Belastend war in Klemperers jüngeren Jahren das Verhältnis zu der ambivalent gesehenen Mentorenfigur Hans Pfitzner, einem immer militanter auftretenden ästhetischen und politischen Reaktionär. Lebenslang fast ungetrübt und ausdauernd bis zu Klemperers Tod war die Freundschaft zu dem jüngeren Paul Dessau, zu dem es nur wegen Israels Kriegspolitik (die Klemperer uneingeschränkt befürwortete) zu einer kurzen Verstimmung kam. Wie bei vielen assimilierten Juden kam bei Klemperer erst spät (mit Zeitverzögerung unter dem Einfluss der Nazi-Ideologie) ein jüdisches Selbstverständnis, verbunden mit der Rückkehr zur Religion der Väter, zustande.

 

Die Autorin Eva Weissweiler Die Autorin Eva Weissweiler

Maßvoll dimensioniert

Eva Weissweiler, in früheren Büchern vielfach feministischen Fragestellungen nahegehend, lässt auch die Frauen an der Seite Klemperers nicht ohne lebhafte Kolorierung: die lebenstüchtige langjährige Ehefrau Johanna; die Tochter Lotte, die eigene berufliche Ambitionen zurückstellte, um ihrem Vater in seinem rastlosen späten Reisedirigentenleben als Reisebegleiterin und Krankenschwester zu dienen.

 

 Man merkt der Autorin (Jahrgang 1951) die langjährige Erfahrung des biographischen Erzählens an. Unaufgeregt wird das zum Teil bizarre, von vielen Krankheiten und Katastrophen heimgesuchte Künstlerleben ausgebreitet. Die einschlägigen Klemperer-Anekdoten dürfen nicht fehlen. Weissweiler verschweigt aber auch nicht, dass die Erfolge und Großtaten Otto Klemperers einer gravierenden pathologischen Störung abgerungen waren; in mehreren Phasen seiner jüngeren Jahre war der Dirigent, von Erschöpfungszuständen geplagt, in psychiatrischer Behandlung, vor allem in einer Privatklinik in Königstein am Taunus, wo es auch zur Begegnung mit weiteren prominenten Stammgästen wie Carl Sternheim und Ernst Ludwig Kirchner kam.

 

Als Kölnerin hebt Eva Weissweiler besonders auf die Kölner Opernjahre des Dirigenten ab (zitiert auch erstmals und in extenso einen Brief des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer zu Klemperers Abgang aus Köln; nun, gar so aufregend ist dieses Adenauer-Dokument nicht). Sie gingen unmittelbar dem legendären Höhepunkt von Klemperers künstlerischer Laufbahn voraus, der Gründung der pionierhaft-experimentellen „Krolloper“ in Berlin, die von 1927 bis zu ihrer Zerschlagung 1933 bestand. Ein kulturpolitisch exponiertes Unternehmen, das auch mit internen Problemen kämpfte – in Klemperers Weigerung, hier Kurt Weills „Mahagonny“-Oper uraufzuführen, kommt wohl schon eine konservative Wendung des Dirigenten zum Vorschein. In seiner späten Gastier- und Schallplattenkarriere hat Klemperer die vorher favorisierte Moderne ganz unbeachtet gelassen und sich auf allerdings beeindruckende, erratisch-unverwechselbare Interpretationen des Repertoires zwischen Bach und Mahler beschränkt. Mit seinen sachlich-emphatischen Beethovenwiedergaben machte er sich den Philosophen Ernst Bloch zum innigen Freund.

 

Eva Weissweilers maßvoll dimensionierte Arbeit bringt viele (teils kritisch-zurechtrückende) Verweise auf den britischen Klemperer-Biographen Peter Heyworth, von dessen umfangreichem Buch überhaupt nur der erste Teil auf Deutsch erschien. Weissweiler gibt unverhohlen ihre Meinung wieder, dass sie die Nachkriegsbiographie Klemperers mit ihrem öden Gleichmaß eines Gastdirigentenlebens in verschiedenen Kontinenten uninteressanter findet als die Stationen bis 1933.

 

Etwas dezidierter hätte sie demnach auch die These unterstreichen können, dass es auch in diesem Fall der Nationalsozialismus war, der eine zu bedeutendster künstlerischer Innovation aufbrechende Aktivität zerbrach. Der alte Klemperer, mochte er noch so knorrig anmuten als Legende, war nur mehr die Ruine eines lodernden künstlerischen Revolutionärs (Weissweiler gibt sparsame, aber wichtige Hinweise auf Klemperers Kompositionen), die vom Musikbetrieb gleichsam als Tanzbär vorgeführte und verschwendete Produktivkraft, die sich – etwa wie das Ingenium des Opernregisseurs Walter Felsenstein mit der Komischen Oper Ostberlin – nur in einer modellhaften Institution hätte angemessen entfalten können.


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