Salzburger Schwerkraft
Bemerkenswert ist eine Formulierung, die Flimm gerne verwendet: er habe diese oder jenen „geholt“. Nicht gebeten, nicht eingeladen, nicht sich gewünscht, sondern „geholt“, wie einen Gegenstand. Man holt Brötchen vom Bäcker, die Post aus dem Briefkasten, allenfalls ein Kind aus dem Kindergarten oder die geraubte, selbst nicht befragte Helena aus Troja. In Flimms Rede figuriert er, der Zampano, als Initiator, die oder der Geholte als gehorsamer Befehlsempfänger. Die Sprache verrät eine Denkart.
Am Ende sagt Flimm etwas sehr Schlaues: „Diesem Aufsichtsgremium müssten mehr Fachleute angehören, die von großen Kulturbetrieben etwas verstehen, die daran interessiert sind, wie sich so ein Festival entwickeln müsste.“ Ach hätte er das doch zur Bedingung gemacht, als man an ihn glaubte und er seinen Intendantenvertrag aushandelte. Jetzt riskiert er nichts mehr damit. Aber er weiß wohl, dass sein Vorschlag für Österreich so utopisch ist, als wollte man Salzburg ans Meer verlegen.
Sympathisch ist auch Flimms Bekenntnis zur zeitgenössischen Moderne. Aber es ist nicht seine Erfindung, nicht einmal in Salzburg. Gérard Mortier ließ es ebenso verlauten, und was die von den Nazis Verjagten angeht, hat Peter Ruzicka geleistet, was man unter den gegebenen Umständen nur leisten konnte. Letzten Endes konnte Flimm seine Vorstellungen ebenso wie seine beiden Vorgänger nur in Ansätzen realisieren. Die Trägheit des Vehikels Salzburger Festspiele, die eingefahrenen Mechanismen in Verbindung mit dem Konservatismus der ständischen österreichischen Gesellschaft paralysieren jede reformatorische Anstrengung, die mehr sein will als kosmetische Verschönerung oder publizistischer Gag. Die „Schwerkraft“ Salzburgs, wie Flimm es nennt, und die fortlebenden ästhetischen Vorstellungen der Nazi-Zeit, die er nicht erwähnt, die man aber tagtäglich in Leserbriefen nachlesen kann und die nicht zuletzt den Erfolg rechtsradikaler Parteien bei den Wählern ausmachen, haben Mortier, Ruzicka und Flimm erdrückt, und verdächtig macht sich, wer sich daraus immer wieder erhebt wie ein Stehaufmandl (das auch ein Stehaufweibl sein kann).
Flimms Gesprächspartner und Mitverleger ist der in Salzburg lebende Schweizer Journalist Andres Müry, der es schafft, Aufträge von den Festspielen anzunehmen und zugleich in unabhängigen Medien darüber zu berichten. Aber wahrscheinlich gilt als altmodisch, wer solche Praxis für mit journalistischer Ethik unvereinbar hält. Man muss nur von ihr wissen, ehe man eine kritische Auseinandersetzung mit Flimms Arbeit erhofft. Die will und darf Müry, der bei Flimm während dessen Kölner Intendanz als Dramaturg gearbeitete hat, nicht leisten. Er ist der Steigbügelhalter für Flimms Selbstdarstellung, mehr kann er nicht sein, und so verhilft er dem Alleskönner zu jener Rolle, die er ohne Zweifel am besten beherrscht: die Selbstdarstellung eben. Einmal mehr, wie in einem Großteil der Publikationen zu den Salzburger Festspielen, verzichtet man auf eine deutliche Trennlinie gegenüber der PR.
Das Schönste an dem querformatigen Büchlein sind die Bilder. Aber wenn‘s um Bühnenkunst geht, ist ein unbewegtes Medium halt nur ein Notbehelf.